Die Macht der Masse

Internet-Fans glauben fest daran, dass "die Crowd" – die Menge aller Online-User – schlauer ist als ein Einzelner. Forscher bei Microsoft Research haben das jetzt erstmals nachgewiesen. Sie wollen die Intelligenz der Vielen noch weiter verstärken.

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Von
  • Wolfgang Stieler

Internet-Fans glauben fest daran, dass "die Crowd" – die Menge aller Online-User – schlauer ist als ein Einzelner. Forscher bei Microsoft Research haben das jetzt erstmals nachgewiesen. Sie wollen die Intelligenz der Vielen noch weiter verstärken.

Jaron Lanier war seiner Zeit schon oft voraus: 1986 verkaufte der Informatiker Daten-Handschuhe und -Brillen für die virtuelle Realität, in den 1990ern beriet er die Software-Schmiede Linden Labs bei der Konzeption der ersten virtuellen Welt, die Millionen von Usern erreicht hat: Second Life. Jetzt kämpft der Mann erbittert gegen das, was er "digitalen Maoismus" nennt: Den vor allem unter technikaffinen, jungen Akademikern verbreiteten Glauben an die Überlegenheit "der Crowd" – der jederzeit und überall im Internet verfügbaren Masse von Usern – gegenüber dem Einzelnen.

Der Journalist James Surowiecki hatte diese Idee 2004 in seinem Buch "Die Weisheit der Vielen" propagiert – und damit offenbar den Nerv der Zeit getroffen. Wie groß diese Intelligenzverstärkung durch Gruppen tatsächlich ist und von welchen Bedingungen und Faktoren sie abhängt, ist bei allem Streit jedoch bis heute eine offene Frage. Im Juni 2012 werden der Informatiker Thore Graepel und seine Microsoft-Kollegen auf der Fachtagung "International Conference on Autonomous Agents and Multiagent Systems" im spanischen Valencia nun erstmals eine quantitative Messung der Gruppenintelligenz präsentieren. Demnach können richtige Gruppenentscheidungen die Intelligenz einer Menge gegenüber dem Einzelnen um bis zu 20 Prozent steigern.

Das fanden die Wissenschaftler um Graepel heraus, als sie die Daten eines Intelligenztests analysierten, den 138 Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren 2006 im Rahmen seiner Standardisierung für den britischen Markt durchgeführt hatten.

Der Test war ein sogenannter Matrizentest, in dem den Probanden einige grafische Symbole gezeigt werden, die sie mit einem von acht möglichen Lösungselementen ergänzen müssen. Und dieser Test erwies sich für die Microsoft-Forscher als ideale Wahl. Denn er liefert zum einen den Intelligenzquotienten der einzelnen Testpersonen. Fasst man aber die Lösungen aller Gruppenmitglieder für ein- zelne Aufgaben jeweils zusammen und ermittelt daraus ein Gruppenergebnis, kann man gleichzeitig für die gesamte Gruppe einen Intelligenzquotienten errechnen.

Natürlich hängt das Ergebnis des Versuchs stark davon ab, wie man diese Gruppenantwort ermittelt. Die Microsoft-Forscher nahmen als Ergebnis einer Gruppe jenes Kästchen, das die meisten Testpersonen angekreuzt hatten – eine simple Abstimmung also. In einem weiteren Versuch setzten die Forscher künstliche Intelligenz ein: Ein maschinelles Lernprogramm versuchte, ein Muster in den Antworten zu finden: Wird das Ergebnis besser, wenn man die Antworten von Person x höher bewertet als jene von Person y? Aus der Gesamtmenge aller 138 Testpersonen bildeten die Wissenschaftler dann verschiedene Untergruppen, um zu untersuchen, welchen Einfluss die Zusammensetzung der Gruppe hat: In den homogenen Gruppen sammelten sie die Antworten von Menschen, deren Intelligenzquotient nah beieinanderlag. Zum Vergleich bildeten sie Gruppen, in denen die geistigen Fähigkeiten weiter auseinanderlagen.

Das Ergebnis dürfte den Kritikern der Crowd-Intelligenz nicht gefallen: In homogenen Gruppen liegt der Intelligenzquotient einer Crowd bis zu 20 Prozent über dem des cleversten Individuums – ganz gleich ob die Gruppe eher dumm oder eher intelligent ist. Der Zuwachs nimmt zunächst mit der Gruppengröße zu, flacht aber ab einer bestimmten Mitgliederzahl ab. Außerdem konnten die Forscher klar ausmachen, dass der Maschinenlern-Algorithmus der simplen Mehrheitsentscheidung überlegen war. Gut durchmischte Gruppen sind zwar nicht cleverer als ihre intelligentesten Mitglieder. Der Gruppen-IQ ist aber in jedem Fall um rund 15 Prozent höher als der durchschnittliche IQ der Gruppe.

"Ich denke, wir können mit weniger Leuten einen noch höheren Intelligenzzuwachs erzielen", glaubt Graepel. "Aber funktioniert das auch für Probleme in der echten Welt?" Die Frage erscheint akademisch, denn bereits seit einigen Jahren machen mehr als ein Dutzend Internetunternehmen Geschäfte mit dem sogenannten Crowdsourcing, also der Auslagerung von Arbeiten an die freiwillige Internetgemeinde. Die meisten davon sind aber nur einfache Auswahlaufgaben, etwa die Frage, ob eine bestimmte Webseite als pornografisch einzustufen ist oder nicht. Es wäre sehr viel spannender, die Crowd auch auf kreative und anspruchsvolle Aufgaben anzusetzen. Zwar gibt es Internet-Plattformen, die wissenschaftliche oder technische Probleme zur Bearbeitung im Internet anbieten. Dort werkeln aber bislang in der Regel nur Einzelkämpfer an den Aufgaben.

Microsofts Vision ist ein Computersystem, das auswählt, wer mit wem an welchen Aufgaben zusammenarbeiten sollte, und wie diese Zusammenarbeit genau strukturiert wird. Das geläufige Verfahren, einfach so lange über die richtige Lösung zu diskutieren, bis ein Konsens gefunden ist, bringe nicht immer das optimale Ergebnis. "Ein herausragender Rhetoriker in der Gruppe bestimmt dann vielleicht das Ergebnis", argwöhnt der Forschungsgruppenleiter Graepel, der sich sonst eigentlich eher mit maschineller Intelligenz als mit mensch-licher Kommunikation beschäftigt.

Die große Chance der Online-Zusammenarbeit bestehe vielmehr darin, genauso viel Kommunikation zu organisieren wie unbedingt nötig. Ohne dass es gegenseitigen Druck gibt, Hahnenkämpfe oder "Group Thinking". Vielleicht muss solche Software sich einfach nur an menschlichen Vorbildern orientieren. "Es gibt ein klassisches Experiment dazu", erzählt Graepel. "Man hat leitende Manager gebeten, gemeinsam ein Problem zu lösen – und das Ergebnis war katastrophal. Dann hat man deren Assistentinnen mit in den Raum geholt – und auf einmal lief alles wunderbar." (wst)