Die Mär vom rasenden Fortschritt

Der Fortschritt wird immer schneller. Geschluckt werden alle, die jetzt nicht richtig Gas geben. Das jedenfalls behaupten Medien, Vordenker oder Unternehmensberater immer wieder. Nur: Es stimmt nicht.

Lesezeit: 17 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 19 Beiträge
Von
  • Eva Wolfangel
Inhaltsverzeichnis

Die Wände voller Post-its, dazwischen Tische, an denen junge Menschen sitzen, die sich nur mit ihrem Vornamen vorstellen, nachdenklich Legoteile zusammenstecken und betonen, keinen Chef und tolle Ideen zu haben: So präsentiert der Technologiekonzern Bosch seine sogenannten Disruption Teams auf YouTube. Das schwäbische Familienunternehmen gibt es seit 125 Jahren – aber wie bei vielen deutschen Unternehmen ist die Angst groß, den Anschluss zu verpassen, von diesen gefürchteten Start-ups mit ihren gefährlichen Ideen abgehängt zu werden. Die Disruption Teams sollen diese drohenden Veränderungen im Blick behalten – und sie idealerweise selbst machen. Der erste Schritt dazu: Start-ups imitieren. Schneller sein, weil die Welt sich schneller dreht.

Der rasante technologische Wandel, so die Botschaft, kann jederzeit das Leben umkrempeln und Unternehmen hinwegfegen. Schau nur, wie es Kodak ergangen ist. Der Umbruch zur digitalen Fotografie hat den Filmhersteller komplett aus dem Markt gedrängt. Schau nur, wie Apples iPhone die Wertschöpfung verändert hat. Das Wort Disruption wurde 2011 nur fünfmal in deutschen Medien erwähnt, 2015 bereits 205-mal, hat das Medienforschungsinstitut Prime Research im Auftrag der "FAZ" herausgefunden. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart stellt auf einer Diskussionsveranstaltung klar: "Die Gegenwart wird nicht bleiben, sie wird untergehen." Der "Spiegel" widmete gleich eine ganze Titelgeschichte dem Thema "Was der rasante digitale Fortschritt dem Menschen abverlangt". Und das Beratungsunternehmen KPMG ist der Meinung, dass "die Geschäftswelt gerade kräftig von neuen, disruptiven Technologien durchgerüttelt" wird.

TR 6/2017

Doch die Beobachtung hat einen Haken: Ihr fehlen die Belege. Der technologische Wandel vollzieht sich keineswegs schneller als früher. Bei Vorträgen zum Thema Disruption fallen vor allem zwei Umstände immer wieder auf. Erstens: wie alt die angeführten Beispiele sind. Die digitale Fotografie wurde 2003 zum Massenphänomen, das erste iPhone kam 2007 auf den Markt. Beides krempelte Branchen nachhaltig um. Aber wenn sich der Fortschritt derart beschleunigt, sollte es dann nicht Beispiele geben, die weniger als zehn Jahre alt sind?

Zweitens: dass der Umsturz selten über Nacht kam. Schon 1992, zehn Jahre vor dem Durchbruch auf dem Massenmarkt, stellten alle namhaften Hersteller Digitalkameras auf der Photokina vor. Amazon gibt es seit 1994, aber erst weit über ein Jahrzehnt später entwickelte es sich zur wirklichen Bedrohung für den Einzelhandel. Google existiert seit 1997, macht seit 2001 Gewinn mit Werbung – und seitdem wissen Verlage, dass wichtige Teile ihres Geschäftsmodells angegriffen werden. Trotzdem gibt es sie auch im Jahr 2017 noch. Zweifel sind daher angebracht, ob wir wirklich in einer Zeit rasanter technologischer Entwicklungen leben. Mehr noch: Die Behauptung verdeckt ein Problem, das viel grundlegender ist.

Die Ökonomie

Beginnen wir mit der Wirtschaft. Wie lange dauert es, bis sich Innovationen durchsetzen? Ökonomen dient die Zeit als Maßstab, die es braucht, bis 50 Prozent aller Haushalte mit einer neuen Technologie ausgestattet sind: So können sie unterschiedliche Technologien und deren Verbreitungstempo miteinander vergleichen. Wenn wir wirklich in der schnellsten Zeit leben, müssten sich die aktuellen Innovationen schneller durchsetzen als die in früheren Zeiten. Aber: Fehlanzeige, wie David Moschella, wissenschaftlicher Leiter des "Leading Edge Forum", einem IT-Forschungs- und Beratungsunternehmen, zeigt. Er hat diese Zahlen für die USA erhoben.

"Sowohl das Radio als auch der Fernseher erreichten diese 50-Prozent-Grenze schneller als der Computer oder das Mobiltelefon", so Moschella. 1939 wurde der Fernseher erstmals verkauft, bereits neun Jahre später war er in jedem zweiten US-Haushalt zu finden. Das Radio verbreitete sich gar in acht Jahren (1922 bis 1930). Das Mobiltelefon hingegen brauchte 15 Jahre (1980 bis 1995), der Computer gar 17 Jahre (1976 bis 1993). Für Deutschland ist es zwar schwieriger, vergleichbare Zahlen zu finden. Aber jene, die es gibt, legen einen vergleichbaren Schluss nahe.

Das Statistische Bundesamt führt seit 1962 eine Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, in der auch die Ausstattung deutscher Haushalte mit Unterhaltungselektronik enthalten ist. Daraus lässt sich ablesen, wie schnell sich technologische Neuerungen am Markt durchsetzen. Besonders auffällig ist der Vergleich zwischen Fernseher und Computer. TV-Geräte verbreiteten sich deutlich schneller als Computer – mit massiven Auswirkungen für Kinos, Theater, Zeitungen oder Radiosender. Ähnliches gilt jedoch auch für Privatautos, das Telefon oder die Waschmaschine. Schneller als frühere Technologien verbreitete sich nur das Mobiltelefon. Ein Beispiel aber beweist noch keinen grundlegenden Trend.

Auch der US-Ökonom Robert J. Gordon findet keinerlei Beweise für massenhaft technische Innovationen. In seinem Buch "The Rise and Fall of American Growth" zeigt er das anhand der Gesamtfaktorproduktivität, einem volkswirtschaftlichen Maß, das den technischen Fortschritt abbildet. Während Produktivität das meint, was ein Arbeiter in einem gewissen Zeitraum produziert, sammelt sich in der Gesamtfaktorproduktivität alles, was einen Produktivitätszuwachs verursacht – jenseits von Arbeit und Kapital. Dieser auf den ersten Blick unerklärliche Rest an Zusatzproduktivität bietet sich als Maß für den technischen Fortschritt an. Von 1920 bis 1970 sei sie durchschnittlich um 1,89 Prozent pro Jahr gestiegen, zwischen 2004 und 2014 hingegen nur um 0,4 Prozent. Gordons Resümee: Der technische Fortschritt hat sich sogar dauerhaft verlangsamt.

Selbst die Start-up-Kultur scheint längst nicht den behaupteten Einfluss zu besitzen. In den USA hat sich der Anteil der Firmen, die jünger als ein Jahr sind, von 1978 bis 2011 fast halbiert. Wer Erfolg hat, wird oft von den Großen aufgekauft und integriert. "Es ist zunehmend vorteilhaft geworden, ein etablierter Anbieter zu sein, und weniger vorteilhaft, als Neueinsteiger zu agieren", schreiben die Ökonomen Ian Hathaway und Robert Litan in einer Studie der Brookings Institution.

Lässt sich die Entwicklung wenigstens an vermehrten Pleiten oder Übernahmen von Unternehmen messen? Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW stößt diese Frage auf Schulterzucken. Sowohl Gründungsraten als auch Insolvenzen von Unternehmen seien derzeit tendenziell rückläufig. "Alle Indikatoren zum Strukturwandel weisen auf eine normale Situation hin", sagt Wirtschaftsprofessor Martin Gornig.