Die Menschen von morgen, die Herausforderungen von heute

Der transhumanistische Diskurs von der unausweichlichen technischen Optimierung des Individuums baut nicht nur auf fragwürdigen Annahmen auf – er verstellt uns vor allem den Blick auf wirklich bedeutende Veränderungen. Ein Essay von Alfred Nordmann.

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Neue Technologien und Technik im Allgemeinen beherrschen mehr denn je den Diskurs über die Zukunft: Einerseits werden sie als unerlässliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Standortpolitik im globalen Wettbewerb propagiert, andererseits als Grundlage einer möglichen Dystopie von umfassender Kontrolle und Manipulation kritisiert. Gleichzeitig wird Technik meist als etwas Gegebenes, Sekundäres hingenommen, werden ihre Grundlagen und Entwicklungsspielräume selten ausreichend reflektiert. Diese wird Technology Review nun in einer neuen Essay-Reihe beleuchten. Den Anfang macht Alfred Nordmann, Wissenschaftsphilosoph an der TU Darmstadt und Leiter des Nanobüros. Er untersucht den transhumanistischen Diskurs vom technischen optimierten Individuum der Zukunft. Dieser, so Nordmanns These, baut nicht nur auf fragwürdigen Annahmen auf – er ist vor allem altmodisch und verstellt uns den Blick auf wirklich bedeutende Veränderungen.

Heutige Menschen sind anders als die gestrigen, und der Mensch von morgen wird noch einmal anders sein. Das kommt von dem, was wir lesen, denken und schreiben (die Kultur), wie wir unsere Beziehungen untereinander organisieren (die Politik), wie wir die Dinge um uns herum in unser Leben integrieren (die Technik) und auch von den vielfältigen Wechselwirkungen zwischen all diesem.

Wie wir wurden, wer wir sind, darüber lassen sich faszinierende Geschichten erzählen. Als immer nur nachträgliche Rekonstruktionen besagen diese Geschichten aber nicht, dass wir die Auswirkungen des historischen und technischen Wandels auf uns selbst und wer wir sind planen oder voraussehen könnten. Die Technik hat uns immer geholfen, manche Probleme zu lösen, während sie andere überhaupt erst hervorgebracht hat. An einer Stelle ist unser Kontrollvermögen erweitert worden, an anderer der Anpassungsdruck erhöht. Indem wir uns neue Geräte oder Prozeduren allmählich angeeignet und ihnen einen festen Ort in unserer Welt zugewiesen haben, veränderten wir uns auf mehr oder weniger subtile Weise zusammen mit unserer Technik, unserer Kultur und unseren sozialen Organisation.

Nun lassen sich über die Menschen der Zukunft noch keine entsprechenden Geschichten erzählen. Wir können allenfalls wichtige Fragen stellen, darunter diese:

  1. Was können wir über die Menschen der Zukunft wissen – hinsichtlich ihrer Kultur, Politik oder Technik?
  2. Wie könnten (und sollten) wir Einfluss darauf nehmen, wie sich die Menschen der Zukunft entwickeln – falls das überhaupt möglich ist?
  3. Wenn wir lediglich über mehr oder weniger unwahrscheinliche Szenarien der technischen Entwicklung verfügen, an welchem Punkt sollten wir sie dann ernst nehmen?

Diese Fragen werden selten explizit gestellt. Doch selbst wer sie nur implizit beantwortet, kann an Glaubwürdigkeit gewinnen oder verlieren, kann sich auf verantwortungsvolle oder verantwortungslose Weise in die gesellschaftlichen Aushandlungen einmischen (vgl. Grunwald 2006). Inwiefern Glaubwürdigkeit und Verantwortung auf dem Spiel stehen, lässt sich anhand von drei möglichen Herangehensweisen an den „Menschen der Zukunft“ zeigen. Dabei könnte man den zweiten und den dritten Ansatz den „regionalen Perspektiven“ der USA und Europas zuordnen:

  1. Wir können Visionen von der künftigen Entwicklung des Menschen zum Anlass nehmen, zeitlose philosophische Fragen zu stellen.
  2. Wir können den Menschen der Zukunft in den Vordergrund stellen, indem wir uns damit beschäftigen, was Wissenschaft und Technik für uns bereithalten (wie z.B. in der US-Initiative „NBIC Converging Technologies for Improving Human Performance“ – NBIC steht dabei für „nano-, bio-, info-, cogno-„).
  3. Wir können nach künftigen Lösungen für heutige Probleme suchen, in dem Bewusstsein, dass diese Lösungen für die Menschen von morgen wieder neue Probleme hervorbringen (wie z.B. in dem europäischen Konzept „CTEKS: Converging Technologies for European Knowledge Societies“.

Der Unterschied zwischen dem zweiten und dem dritten Ansatz weist allerdings über bloß regional verschiedene Perspektiven hinaus – er ist viel grundlegenderer Natur. Kurzum: Der zweite Ansatz ist abzulehnen, und nur der dritte ist mit den Traditionen und Werten sowohl der USA als auch Europas vereinbar.

Der Wert der Spekulation

Einen ersten Kontext für unsere Beschäftigung mit dem Menschen der Zukunft liefert unser philosophisches Interesse an der Frage nach der Natur des Menschen. Wenn wir versuchen, uns selbst zu verstehen, gibt es tatsächlich kaum eine dringendere Frage als die folgende: „Angenommen, Sie könnten Ihren Körper und Ihren Geist frei wählen – würden Sie sich für Ihr heutiges Selbst entscheiden?“ Wir können dieser Frage noch mehr Nachdruck verleihen, wenn wir annehmen, dass es tatsächlich Wege gibt, um uns umzugestalten. Dazu zählen Schönheitschirurgie und Doping ebenso wie Visionen der Unsterblichkeit, bloß gedanklich kontrollierter Maschinen oder auch von Implantanten, mit deren Hilfe wir unsere Fähigkeiten der Informationsverarbeitung erweitern können.

Über solche Aussichten lassen sich leidenschaftliche, ja endlose Diskussionen führen, und zwar unabhängig von irgendwelchen Annahmen oder konkreten Erwartungen bezüglich der Zukunft. Sciencefiction-Szenarien werfen ja gerade deshalb interessante philosophische Fragen auf, weil die Fiktion unseren Zweifel vorübergehend ausblendet. Ohne den Druck, entscheiden zu müssen, was wahr oder falsch ist, was passieren kann und was nicht, können wir munter drauflos spekulieren und erkunden, wer wir sind oder gerne wären, und wie diese Wunschvorstellungen unsere Ansichten über die Natur des Menschen widerspiegeln.

Philosophen sind bekannt dafür, dass sie unwahrscheinliche Szenarien benutzen, um die Probleme zuzuspitzen. Indem sie diese ernst nehmen, gewinnen sie aus ihnen Erkenntnisse und entdecken Werte, an denen wir unsere Entscheidungen über die Zukunft ausrichten können. Aber sie nehmen die Szenarien nicht ernst genug, um sie womöglich ernsthaft zu glauben. Der Chemiker George Whiteside hat hinsichtlich der gegenwärtigen Debatten bemerkt, dass wir zwar Technologieentwicklungen heranziehen können, um einige unserer Grundüberzeugungen in Frage zu stellen. Aber wir sollten uns davor hüten, daraus Voraussagen abzuleiten, die wir nicht unterstützen können (Whitesides 2004).