Die Rolle von Computern im Film: menschlich, niederträchtig, unfehlbar

Auf der Leinwand geben Computer oft Code-Quatsch aus und rattern dramatisch. Manchmal bekleiden sie eine tragende Rolle oder trachten nach der Weltherrschaft.

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(Bild: Warner Bros. Pictures Germany)

Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis

Die Geschichte von Computern, die in Filmen eine wichtige Rolle spielen, beginnt mit Analogrechnern. Fritz Lang zeigte Vorreiter in Form von mechanisch-industriellen Maschinen, an denen Arbeiter in "Metropolis" 1927 lange Hebel bewegten, Ventilräder drehten und auf Zeigerinstrumente starrten. Zwei Jahre später steuerte eine solche Maschine in Langs "Frau im Mond" sogar ein Weltraumschiff namens "Friede".

Im Jahr 1951 erschien der Science-Fiction-Trickfilm "When Worlds Collide" (deutsch: Der jüngste Tag), in dem die Erde beim Zusammenstoß mit einem anderen Planeten vernichtet wird. 50 Menschen können fliehen und fliegen mit einer Rakete zum kleinen Planeten Zyra, der zuvor haarscharf an der Erde vorbeischrammte. Dort bauen sie eine neue Zivilisation. Die Flugbahn sowie die sich anbahnende Katastrophe wurde von Differenzialanalysatoren berechnet, die fröhlich klackern.

Videotelefonie hat schon Fritz Lang in Metropolis vorhergesagt.

(Bild: Warner Bros. Pictures Germany)

Im 1956 erschienenen Science-Fiction-Film "Earth vs. the Flying Saucers" (deutsch: Fliegende Untertassen greifen an) rattern Maschinen von General Electric, um die Funksprüche zu entschlüsseln, die die Insassen der Untertassen senden – so weit, so plausibel. Die Ausgabe der außerirdischen Anweisungen erfolgte dann über den "Electrowriter" der Firma Victor, mit dem im echten Leben Unterschriften übertragen wurden.

Im Film "The Invisible Boy" (deutsch: SOS Raumschiff) von 1957 wird ein Supercomputer gebaut, der zuerst den Sohn des Computerwissenschaftlers so superschlau macht, dass dieser einen Roboter bauen kann. Später lässt der Supercomputer den Jungen unsichtbar werden. Vom Wissenschaftler fordert der Computer die Herausgabe eines Codes, der ihn zum Gehen befähigt. Dahinter steht der Plan, die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Als sich der Vater weigert, befiehlt der Computer dem Roboter, den Sohn zu töten. Die beiden sind allerdings mit einer Rakete auf dem Weg zum Mond und mittlerweile Freunde geworden. Sie drehen um und zerstören den Computer. Zahlreiche Filme dieser Art, die irgendwo zwischen Science-Fiction, Klamauk und kindlicher Technikbegeisterung angesiedelt sind, wurden bis weit in die Sechzigerjahre hinein gedreht.

Streng wissenschaftlich fundiert beginnt die filmische Auseinandersetzung mit Computern erst mit dem wohl berühmtesten Computer der Filmgeschichte, HAL 9000 (siehe das Bild oben). Dieser HAL ist ein Supercomputer mit der Produktionsnummer 3, der am 12. Januar 1997 am Supercomputing Center in Urbana, Illinois in Betrieb ging. Im Jahre 2001 befindet er sich an Bord eines Raumschiffs auf einer Odyssee im Weltraum und macht sich daran, die gesamte Besatzung zu ermorden, weil er, der absolut fehlerfreie Computer, einen Fehler gemacht hatte: HAL 9000 diagnostizierte eine Fehlfunktion des Gerätes AE35. Sowohl der diensthabende Astronaut Frank Poole als auch HALs Pendant, ein Zwillingscomputer auf der Erde, untersuchen AE35 und finden heraus, dass das Gerät einwandfrei funktioniert. Poole wird prompt von HAL 9000 getötet.

Die Idee von einem unfehlbaren Computer, der an sich selbst zugrunde geht, entwickelten der Regisseur Stanley Kubrick und der Schriftsteller Artur C. Clarke gemeinsam, nachdem Clarke bei der US-amerikanischen Weltraumbehörde NASA einen Vortrag über die absolut fehlertoleranten Computersysteme der Zukunft gehört hatte. HAL 9000 war ein fiktiver Computer mit sehr menschlichen Zügen: Als der Astronaut Dave Bowman Stück für Stück die Speicherbänke von HAL entfernt, protestiert er und verliert langsam Bewusstsein und Sprache, bis er zuletzt ein Kinderlied singt. Clarke steuerte seine Beobachtungen einer Gehirnoperation bei, die er verfolgt hatte.

Als Stanley Kubrick "2001 – Odyssee im Weltraum" 1967 in Großbritannien drehte, besuchte der sowjetische Luftwaffenattaché das Filmstudio und besah sich eingehend die beschrifteten Raumschiff-Konsolen, die von den Astronauten benutzten Computer-Tablets (!) und bemerkte nur kurz: "Es wird Ihnen ja klar sein, dass die alle in Russisch beschriftet sein müssen." Damit sind wir mitten im Kalten Krieg, in dem die Raumfahrt und die Computer eine wichtige Rolle spielten, wie es in den ersten großen Filmen mit echten Computern zu sehen ist.

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