Die Rückeroberung der Bilder

Die Open-Hardware-Kamera Axiom soll professionellen Filmemachern mehr kreative Freiheit bieten als kommerzielle Geräte.

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Für Filmemacher ist es mitunter frustrierend: Erwerben sie eine teure Digitalkamera, kaufen sie damit auch eine Bildästhetik ein, die typisch ist für den jeweiligen Hersteller – ähnlich wie früher die chemische Filmmischung über das Farbspiel einer Aufnahme entschied. „Viel passiert schon, bevor die reinen Bilddaten gespeichert werden, das heißt in der Hardware“, sagt Sebastian Pichelhofer von der Multimedia-Abteilung der Universität für Bodenkultur in Wien. „Das können Scharfzeichnungen, Rauschunterdrückungen, Farbveränderungen oder Dynamikanpassungen sein. Sogar die Einstellung der Spannungsversorgung am Bildsensor hat Einfluss auf die aufgenommenen Bilder.“

Mit der Digitalkamera ist deshalb ein Stück kreative Freiheit verloren gegangen. Um sie zurückzugewinnen, treibt Pichelhofer mit der Organisation Apertus eine Open-Hardware-Kamera namens Axiom voran. Frei von Patenten soll sie die Möglichkeit bieten, überall in Hard- und Software einzugreifen und die Bildverarbeitung nachvollziehbar zu machen.

TR 5/2020

Bereits 2008 hatte eine Reihe von Filmemachern in einem Onlineforum das Projekt beschlossen. Nun ist das Developer Kit für erste experimentierfreudige Nutzer fertig. Die Axiom setzt sich aus Modulen zusammen, die wie Bausteine zusammengefügt werden. Das Developer Kit etwa besteht unter anderem aus dem Mainboard, einem CMV12000 Image Sensor mit einem Global Shutter, der 300 Bilder pro Sekunde bei voller Auflösung (4096 x 3072 Pixel) ermöglicht, einem Powerboard, einem Experimentierboard und einer HDMI-Schnittstelle. Geplant sind weitere Module, zum Beispiel zur Bewegungserkennung und zur Bildstabilisation.

Auch die Software ist Open Source. „Im Moment verkaufen wir nur die Developer Kits“, sagt Pichelhofer. „Es gibt noch kein Gehäuse, auch an der Bedienoberfläche arbeiten wir noch.“ Langfristiges Ziel ist es, eine Community aufzubauen, die ständig weitere Module entwickelt. Um diese Community kümmert sich Apertus als Non-Profit-Organisation. Für den kommerziellen Teil – Einkauf, Produktion, Vertrieb – möchte Pichelhofer eine Genossenschaft gründen. Dann wird sich zeigen, ob Filmschaffende auf das Angebot anspringen. Bisher sind sie neugierig, aber zurückhaltend.

„Die Idee dahinter klingt interessant, die Frage scheint aber zu sein, ob die vielen Versprechen tatsächlich eingehalten werden können“, kommentiert Sebastian Richter, Professor für Künstlerische Kamera an der Kunsthochschule für Medien Köln. „Da ich auf Filmkameras sehr viele Filme gedreht habe, habe ich große Zweifel an den unendlich vielen mobilen Verbindungen. Sie haben sich in der Praxis allzu oft als Sollbruchstellen herausgestellt.“ Für spezielle Einsätze könnten Bastelkameras aber durchaus gut geeignet sein, sagt Richter. Dass sie sich im oft rauen Alltag bewähren, bezweifelt er indes.

Pichelhofer dagegen ist überzeugt, dass Axiom auch anspruchsvollen Bedingungen standhält. Immerhin nutzen bereits einige Unternehmen die Betaversion der Kamera. Mavrx zum Beispiel, eine kalifornische Datenplattform, hat drei Axiom-Geräte zu einem Multispektral-Luftkamerasystem zusammengebaut und sie unter Drohnen befestigt. Nun analysiert sie damit Ackerflächen und stellt die Informationen Landwirten zur Verfügung. Herkömmliche Kameras mit derartiger Auflösung sind für solche Luftaufnahmen zu schwer.

(bsc)