Die Rückeroberung des Internets

Um der Datenflut Herr zu werden, beschränken nicht nur Staaten, sondern zunehmend auch Konzerne den Zugang zum Netz. Als Gegenreaktion bauen Pioniere weltweit ein eigenes, unzensierbares Web auf – gefördert von der EU. Nun springen erste Unternehmen auf die Idee auf.

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Von
  • Wolfgang Stieler

Um der Datenflut Herr zu werden, beschränken nicht nur Staaten, sondern zunehmend auch Konzerne den Zugang zum Netz. Als Gegenreaktion bauen Pioniere weltweit ein eigenes, unzensierbares Web auf – gefördert von der EU. Nun springen erste Unternehmen auf die Idee auf.

Der Justiziar lächelt. Lächelnde Juristen machen mich nervös. Ich wiederhole meine Frage: „Wie viel ist da maximal drin?“ „Ach“, sagt er, „vielleicht 750 Euro. Allerdings pro Abmahnung. Am Ende können es durchaus zehn Abmahnungen werden. Das ist noch nicht die Obergrenze.“

7500 Euro. Wenn ich Pech habe, muss ich 7500 Euro zahlen. Dabei will ich doch nur ein bisschen Internet verschenken. Ein offenes WLAN-Netz betreiben, damit jeder, der vorbeikommt, schnell auf seine Facebook-Seite zugreifen, twittern oder eine Mail checken kann.

Neben mir, über mir, unter mir - wenn ich den Rechner hochfahre, sehe ich im Schnitt acht Funknetze, die sich gegenseitig stören. Alle verschlüsselt und damit für mich verriegelt. Ich will ein offenes Netz dazustellen. Einfach so, für lau, weil ich meinen DSL-Zugang tagsüber ohnehin nicht nutze. Und ohne Zwang zur Anmeldung, weil wir ohnehin schon überall unsere Datenspuren hinterlassen.

Der Kollege aus dem Netzwerkressort hält mich, freundlich gesagt, für leicht verwirrt. Ein offenes Funknetz betreiben? „Warum willst du potenziellen Angreifern die Arbeit unnötig leicht machen?“, fragt er. Kreditkartendaten und Passwörter könnten gestohlen werden, Schadsoftware installiert, der Rechner zum Versand von Spam missbraucht werden – schlimmstenfalls, um Kinderpornos zu verbreiten. In Deutschland wäre ich für kriminelle Machenschaften, die über meinen Internetzugang abgewickelt werden, haftbar. Denn hierzulande gilt die sogenannte Störerhaftung. Wozu dieses Risiko eingehen? Internetzugänge seien doch billig und allgegenwärtig. „Weil ich die Nase voll habe“, sage ich. „Es geht ums Prinzip.“

Das Prinzip: ein freies Internet. Aus dem anarchischen Web, dem „globalen Dorf“ der neunziger Jahre, ist eine umzäunte Vorstadtsiedlung geworden. Ein aufgeräumtes Areal mit bewachten Ein- und Ausgängen, permanenter Überwachung und vielen sehr klein gedruckten Fußnoten in den Mietverträgen, die regeln, was die Netzbürger dürfen – und vor allem, was sie alles nicht dürfen. Nicht zu viele Daten übertragen beispielsweise: Mobilfunkanbieter drosseln den schnellen Internetzugang für das neue Smartphone, wenn mehr als 300 Megabyte Daten durchgelaufen sind. Günstig über das Internet zu telefonieren ist verboten, Skype auf dem Smartphone funktioniert nur im heimischen WLAN.

Die Provider schützen ihren Geschäftsbereich. Schließlich stellen sie ja eine aufwendige Infrastruktur aus Servern und Datenkabeln bereit, deren Installation und Wartung Geld verschlingt. Entsprechend wichtig ist, dass die Nutzer dafür zahlen – und mehr bezahlen, wenn sie das Angebot intensiver nutzen. Das schienen auch die meisten Nutzer einzusehen. Der große Aufschrei blieb aus – bis zum April dieses Jahres.

Da verkündete die Telekom, dass künftig auch die Nutzer ihrer schnellen DSL-Anschlüsse mit einer Drosselung ihrer Übertragungsgeschwindigkeit rechnen müssten, wenn sie mehr als 75 Gigabyte über ihre Leitungen gejagt haben. Das allein hätte wohl nicht die Erregung ausgelöst, denn 75 Gigabyte reichen immerhin, um sich etwa 15 Filme in Full-HD-Auflösung herunterzuladen. Viel entscheidender war, dass der Konzern eigene Dienste wie die TV-Plattform Entertain von dieser Grenze ausnehmen will. Einem Dienst jedoch die Vorfahrt im Datenverkehr zu geben, würde einen bislang geltenden Grundsatz im Web erschüttern: den der Netzneutralität. Kommt die Telekom mit ihren Plänen durch, fürchten Verbraucherschützer und Internetaktivisten einen Präzedenzfall. Jeder Internetanbieter könnte dazu übergehen, seine eigenen Dienste zu bevorzugen und andere zu drosseln. Das wäre so, als dürften auf bestimmten Autobahnabschnitten nur Volkswagen oder Mercedes-Modelle schneller als 100 fahren – weil die Strecken den Konzernen gehören. Das große, einheitliche Internet zerfiele wieder in kleine Fragmente.

Mehr noch: Internet-Experten wie der Jurist Tim Wu von der Columbia University warnen davor, das Netz könne schon bald ein einziger industrieller oder staatlicher Monopolist kontrollieren. Unversehens gäbe es eine Art „master switch“ – einen Hauptschalter für das gesamte Internet.

Die Vorstellung wirkt paranoid. Dass sie es nicht unbedingt ist, mussten mehr als 20 Millionen ägyptischer Internet-User am 28. Januar 2011 erfahren. Innerhalb von nur einer halben Stunde schalteten die fünf großen Provider des Landes auf Druck der Regierung ihre Leitungen zum Rest der Welt ab. 90 Prozent des nationalen Netzes waren nicht mehr erreichbar. Länder wie Iran haben sogar angekündigt, sich dauerhaft vom Internet abzukoppeln und stattdessen ein landesweites Intranet aufzubauen.

(wst)