Die Seele im Lockdown

Was hilft der psychischen Gesundheit in Zeiten von Corona, was schadet ihr? Ein Forschungsteam der Universität Basel ging dieser Frage in 78 Ländern nach.

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Der Lockdown macht einsam.

(Bild: Photo by Anthony Tran on Unsplash)

Von
  • Ben Schwan

In diesen COVID-19-Tagen ist vieles ganz anders. Der radikale Rückzug in den privaten Raum – was für den einen im besten Fall Entschleunigung bedeutet, wird für den anderen zur staatlich angeordneten Einsamkeit oder zum nervenaufreibenden Home-Office-Kinderbetreuungszirkus. Welche Lockdown-Faktoren wirken sich negativ auf die psychische Gesundheit aus? Wie geht es den Menschen in dieser globalen Ausnahmesituation? Eine nun im Journal PLOS One veröffentlichte Studie der Universität Basel befragte hierzu fast 10.000 Teilnehmer aus 78 Ländern in 18 Sprachen. Dabei konzentrierten sich die Forscher vor allem auf Frauen (78 Prozent), die traditionell den Löwenanteil der Care-Arbeit übernehmen.

Es sei bekannt, dass sich "drastische Veränderungen im Tagesablauf" negativ auf die Psyche auswirken, erklärt Studien-Co.-Leiter Prof. Dr. Andrew Gloster von der Universität Basel. Doch ist von demselben Effekt auszugehen, wenn es sich um eine gesamtgesellschaftliche, gemeinsame Erfahrung handelt? Das Ergebnis: 10 Prozent der Befragten bewerteten die eigene psychische Gesundheit als schlecht. Begründet wurde das mit "negativem Wohlbefinden", "Stress", "depressivem Verhalten" und einer "pessimistischen Sicht auf die Gesellschaft".

Die Hälfte der Befragten beschrieb ihre psychische Gesundheit als "mäßig". Die emotionale Reaktion auf das Pandemie- und Isolationsgeschehen lässt sich nicht von anderen Faktoren entkoppeln: Wie hat sich das Einkommen durch Corona verändert? Ist ein Zugang zur Grundversorgung gewährleistet? Welche Maßnahmen hat das jeweilige Land zur Pandemiebekämpfung ergriffen? Solche soziodemokrafischen Realitäten, psychischen und länderspezifischen Faktoren wurden bei der Messung des individuellen Wohlergehens als Variablen berücksichtigt.

Die Ergebnisse der Studie stimmten weitgehend mit anderen überein, die sich mit den Folgen der Pandemie auf die Psyche befasst haben. Unabhängig vom regionalen Hintergrund zeigten sich ähnliche Tendenzen. Kein "Land" scheint sich insgesamt deutlich besser oder schlechter zu fühlen, trotzdem zeigen sich Differenzen: Stress zum Beispiel wurde häufiger von Teilnehmern aus Hongkong und der Türkei genannt, US-Amerikaner klagten vermehrt über depressive Symptome und in Italien und in Hongkong schätzten die Befragten ihr Wohlbefinden am schlechtesten ein.

Deutschland und die Nachbarländer Österreich und die Schweiz hingegen meldeten überdurchschnittlich wenig negative Affekte. Die Verschlechterung der psychischen Gesundheit ist insgesamt zwar alarmierend, trotzdem fällt sie weniger gravierend aus als in früheren Untersuchungen, bei denen in selektierten Gruppen die Reaktion auf Quarantäne gemessen wurde. Dass diese Ausnahmesituation also kollektiv trifft, scheint durchaus einen Unterschied zu machen, zudem bedeutet Lockdown oft nicht gleich Quarantäne.

Die Forscher wollten auch wissen, was den Teilnehmern in der Situation helfe, ihre psychische Verfassung zu bessern. Es zeigte sich, dass Menschen mit einem unterstützenden sozialen Umfeld, einem höheren Bildungsniveau und einer situationsabhängigen, flexiblen Anpassungsfähigkeit gesünder mit der Krise umgehen können. Gloster leitet daraus ab, dass Initiativen der öffentlichen Gesundheit entsprechend Menschen ohne soziale Unterstützung und mit starken wirtschaftlichen Einbußen helfen sollten – was leider auch in Deutschland noch immer viel zu wenig getan wird.

"Basierend auf diesen Ergebnissen sind Maßnahmen wie die Akzeptanz- und Commitment-Therapie vielversprechend, die psychologische Flexibilität fördern, um die Auswirkungen der Pandemie und eines Lockdowns zu mildern", sagt Gloster. Immerhin leiden nicht alle Befragten unter dem Lockdown: 40 Prozent gaben Werte an, die für ein gutes Befinden sprechen. Allerdings stammen diese Werte noch aus der ersten Zeit des Lockdowns: Sie wurden von April bis Juni 2020 erhoben. In der zweiten oder dritten Welle könnte sich die allgemeine Stimmung verschlechtert haben. (bsc)