Die erste schwimmende Kleinstadt soll in Südkorea entstehen

Steigende Meeresspiegel gefährden das Leben von Küstenbewohnern. Das Team um das UN-Projekt Oceanix hat nun das Design für eine schwimmende Stadt gezeigt.

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Modell der schwimmenden Stadt.

(Bild: BIG-Bjarke Ingels Group)

Von
  • Martin Kölling

Südkoreas Metropole Busan putzt sich schon vor der Bewerbung zur Weltausstellung 2030 als architektonischer Technologieführer heraus. Ende April stellten die Stadt, das UN-Habitat und die Initiative Oceanix das Design für den ersten Prototypen von schwimmenden Städten vor, die Küstenbewohnern auch bei steigenden Meeresspiegel sicheren Wohnort liefern sollen.

Das Konzept wirkt wie eine überdimensionierte Seerosenzucht: Ab 2025 werden kleine, rundliche Flöße mit vier bis sechsgeschossigen Häusern in einem Hafen der Küstenstadt zu Wasser gelassen, die letztlich auf 6,3 Hektar Fläche 12.000 Menschen Platz zum Leben, Arbeiten und Vergnügen bieten sollen. Sonnen- und Windkraftwerke versorgen die Stadt mit Strom, die ihre Abwässer selbstredend recycelt. Brücken verbinden die Inseln untereinander und mit dem Land.

Durch die modulare Bauweise soll die maritime Lebensgemeinschaft sogar auf mehr als 100.000 Bewohner ausgebaut werden können. Philipp Hofmann, der Chef von Oceanix, wie sich das Projekt nennt, betonte daher die Bedeutung des Tages der Design-Vorstellung: "Heute ist ein entscheidender Meilenstein für alle Küstenstädte und Inselstaaten an vorderster Front des Klimawandels." Die Initiative sei auf dem besten Weg, zu zeigen, dass schwimmende Infrastruktur neues Land für Küstenstädte schaffen kann. Und dies nachhaltig.

Die Übersteigerung sei Hofmann verziehen. Denn der Traum von der Klimaflucht aufs Meer ist lange genug unerfüllt geblieben. Dass mit dem Klimawandel der Lebensraum von mehreren 100 Millionen Küstenbewohnern von steigenden Fluten geschluckt werden könnte, ist seit Jahrzehnten bekannt. Im Pazifik könnten sogar die Inselstaaten überspült werden.

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Der japanische Baukonzern Shimizu durchdachte daher bereits 2010 die Idee für begrünte Rettungsinseln mit drei Kilometern Durchmesser mit einem 1.000 Meter hohen Turm in der Mitte. Diese Mega-Flösse sollten am sturmarmen Äquator treiben und 50.000 Menschen Wohn- und Arbeitsorte bieten, so das Konzept.

2019 stellte dann das Start-up Oceanix mit einer Gruppe von Designern und dem Unternehmen des dänischen Stararchitekten Bjarke Ingels mit Unterstützung der Vereinten Nationen die realistischere Variante für küstennahe Besiedlung vor. Für Ingels war es eine gute Werbung. Der japanische Autohersteller Toyota heuerte den Dänen für seine Smartcity "Woven City" an, in der die Japaner neue Ideen für Mobilität und Leben ausprobieren wollen.

In Südkorea fand er in Samoo, einem preisgekrönten Architekturbüro von Samsung, Koreas größter Firmengruppe, ebenfalls einen potenten Partner für seine schwimmende Stadt. Die Idee besteht darin, auf eine Basis aus nachhaltig hergestelltem Beton eine schwimmendes Fundament zu bauen, das den Maschinenpark und Lagerräume im Keller beherbergt und eine Grundplatte für die Gebäude trägt.

Das Gewicht der flachen Bebauung wird dabei möglichst gleichmäßig verteilt. Auch Gewächshäuser sind eingeplant, um die Gemeinde ganzjährig mit Gemüse zu versorgen. Sogar der Kaffeesatz der Café-vernarrten Koreaner findet im Konzept von Ingels landwirtschaftliche Verwendung. Auf ihm sollen Pilze angebaut werden, schlägt der Architekt vor.

Konzept der schwimmenden Kleinstadt in Südkorea (13 Bilder)

Zunächst 12.000 später dann 100.000 Bewohnerinnen und Bewohnern soll Busans schwimmende Kleinstadt Platz bieten.
(Bild: OCEANIX/BIG-Bjarke Ingels Group)

Für Busans Bürgermeister Park Heong-joon ist die moderne Version von Noahs Arche Teil des städteplanerischen Mottos "The First to the Future". Seine Regierung wolle als erste "diese kühne Idee" vorstellen und skalieren, erklärte Park bei der Vorstellung des Designs. "Denn angesichts steigenden Meeresspiegels und der verheerenden Auswirkungen auf die Küstenstädte steht unsere gemeinsame Zukunft auf dem Spiel." Man gehe laut Oceanix von einer Fertigstellung erster Teile des Stadtkomplexes von 2025 aus.

Zeitgemäß ist das Projekt allemal. Die World Meteorological Organization warnte diese Woche in einem Bericht, dass es eine 50:50-Chance gebe, das die globale Durchschnittstemperatur schon in einem der kommenden fünf Jahre mehr als 1,5 Grad Celsius über den vorindustriellen Wert steigen wird. Das 1,5-Grad-Ziel gilt seit dem Übereinkommen von Paris im Jahr 2015 als Ziel, um die Gefahr von unumkehrbaren klimatologischen Kipppunkten zu verringern.

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(jle)