Die extremsten Hitzewellen seit 1950 wurden nicht öffentlich bekannt

Ein Forscherteam analysiert Temperaturrekorde der letzten 70 Jahre. Einige blieben unbemerkt. Andere fühlten sich schlimmer an, als sie waren.

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(Bild: Piyaset/Shutterstock.com)

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  • Hanns-J. Neubert

Seit Beginn des Jahres reißen die Nachrichten über immer mehr Hitzewellen überall auf der Erde nicht ab. Im Januar stiegen die Temperaturen in Argentinien und den Nachbarländern auf 41 bis 45 Grad Celsius, in Australien bis an die 50 Grad. Im Wintermonat Februar folgte Kalifornien mit 26 bis 34 Grad, und im März und April waren Indien und in Pakistan mit 42 bis knapp unter 50 Grad dran, bevor im Mai erneut die USA von bis zu 35 Grad Hitze überrollt wurden. Im frühsommerlichen Juni traf es dann auch Europa, zunächst Spanien mit bis zu 43 Grad, etwas später auch Süddeutschland mit an die 40 Grad.

Doch was oft gut für Schlagzeilen war, erweist sich bei näherem Hinsehen als lange nicht so extrem, wie subjektiv wahrgenommen. Andererseits dringen besonders zerstörerische Extremhitze-Ereignisse in armen Ländern nur selten in das öffentliche Bewusstsein.

Eine Forschergruppe um die Klimawissenschaftlerin Vikki Thompson von der britischen Universität Bristol hat jetzt die acht extremsten Hitzewellen seit 1950 zusammengetragen und im Fachblatt Science Advances zusammengestellt. Dabei berücksichtigt sie nur die Höhe der Temperaturen und deren Abweichungen von den üblichen Werten in den Weltregionen, in denen sie auftraten. Die Länge einer Welle und die sozioökonomischen Schäden, die sie verursacht, blieben bei dieser Analyse außen vor.

Das erstaunlichste Ergebnis der Zusammenstellung: Die beiden extremsten Ereignisse seit 1950 waren in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. "Diese Hitzewellen blieben unbemerkt, wahrscheinlich, weil sie in ärmeren Ländern auftraten", kommentiert Thompson.

Die extremste Hitzewelle der Erde seit 1950 überzog im April 1998 Südostasien. Fünf Millionen Hektar Tropenwald, Plantagen und Buschwald lösten sich in Rauch auf. Die Wirtschaft der damals noch wegen ihrer aufstrebenden Wirtschaft sogenannten Tigerstaaten brach völlig zusammen. Dabei erreichten die Höchsttemperaturen damals "nur" 33 Grad – was vor 24 Jahren eine Standardabweichung von 5,1 Grad von der damals üblichen Tageshöchsttemperatur bedeutete.

An zweiter Stelle kommt die Extremhitze in Südbrasilien im November 1985, ebenfalls von der Weltöffentlichkeit und von vielen Meteorologen kaum zur Kenntnis genommen. Hier lagen die Maximaltemperaturen zwar schon bei 36,5 Grad, aber die Standardabweichung erreichte nur 4,3 Grad.

Dieselbe Standardabweichung von den normalen Temperaturen reichte in den USA im Juli 1980 für eine tagelange Hitze von bis zu 38,4 Grad, der dritte Platz in der Liste der Wetterepisoden mit den höchsten Temperaturen der Erde der letzten 70 Jahre.

Weitere gravierende Hitze-Anomalien breiteten sich im Nordwesten Kanadas im Juni 1969 mit 27,3 Grad aus, im Südwesten von Peru im Januar 2016 mit 23,0 Grad, im südlichen Alaska im Juli 2019 mit 23,8 Grad, im südlichen Brasilien im Oktober 2020 mit 36,7 Grad und im kanadischen Alberta im Juni 2021 mit 36,0 Grad, hunderten von Toten und verheerenden Waldbränden.

Der bis heute als schwerste Naturkatastrophe Europas wahrgenommene "Jahrhundertsommer" 2003 mit zeitweise mehr als 47 Grad taucht in der Liste der extremen Hitzewellen gar nicht auf, weil die Standardabweichung nur bei 3,3 lag. In die Erinnerung hat er sich nur deshalb so nachhaltig eingegraben, weil die gesellschaftlichen Auswirkungen besonders gravierend waren. So starben in dem Jahr europaweit rund 70.000 Menschen den Hitzetod.

Eine allgemeingültige Definition für eine Hitzewelle gibt es nicht. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) definiert eine Hitzewelle, wenn die Tageshöchstwerte an mindestens fünf zusammenhängenden Tagen den durchschnittlichen Tageshöchstwert um fünf Grad übersteigen. Allerdings weist sie auch auf die Bedeutung der gefühlten Temperatur für die Menschen hin, bei der auch die Luftfeuchtigkeit eine Rolle spielt. Bei feuchter Luft beispielsweise kann sich der Körper nicht mehr selbst durch vermehrtes Schwitzen kühlen. Hitzekollaps kann die Folge sein.

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Die Meteorologen aus Bristol gingen allerdings nur vom Durchschnitt der täglichen Höchsttemperatur in regional begrenzten Gebieten aus, um das Ausmaß einer Hitzewelle zu definieren.

Da sich das Klima seit 1950 jedoch stetig erwärmt hat, mussten die Wissenschaftler diesen Trend herausrechnen, damit frühere extreme Temperaturen nicht durch noch wärmere Ereignisse in jüngerer Zeit überlagert werden. Dazu verglichen sie eine Hitzewelle mit den durchschnittlichen Bedingungen des jeweils vorangegangenen Jahrzehnts. Denn vor allem in den letzten drei Jahrzehnten war jedes davon wärmer als das vorangegangene.

Trotz allem können die Wissenschaftler nicht ausschließen, dass sie einige Extremhitzen übersehen haben, denn in vielen Teilen der Welt gibt es nicht genügend umfassende Wetteraufzeichnungen für die statistischen Analysen. So etwa in Teilen Afrikas, wo es einfach nicht ausreichend viele Beobachtungsdaten gibt.

Dennoch konnten die Forscher bestätigen, dass die Hitzeextreme an Dauer und Häufigkeit auf der Erde generell zunehmen – und zwar mit der gleichen Geschwindigkeit, wie sich das durchschnittliche Klima erwärmt.

Doch Thompson weist auch darauf hin, dass absolute Temperaturextreme nicht ausschlaggebend sind: "Viele sozio-ökonomische Faktoren beeinflussen die Auswirkungen einer Hitzewelle, darunter die Bevölkerungsdichte, die Wohnverhältnisse und die Frühwarnsysteme." Auch seien die Regionen, die bisher keine besonders gravierenden Wärmeextreme erlebt haben, besonders gefährdet, weil sie auf ungewöhnliche Bedingungen nicht vorbereitet sind. In Gebieten mit nur geringen natürlichen Temperaturvariationen, wie den Tropen, kann schon eine Hitzewelle von relativ geringerem Ausmaß besonders gravierende Auswirkungen auf Gesundheit, Infrastrukturen und Wirtschaft haben.

Wie sich die aktuellen Hitzewellen dieses ersten Halbjahres 2022 in die Statistik der extremsten Hitzewellen der Erde einordnen lassen, werden erst spätere Analysen zeigen.

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(jle)