Die ganze Welt aus Papier

Mit einem Papierbausatz soll man sich ein funktionierendes Kurbelplanetarium bauen können. Es zeigt die Bewegungen von Erde, Mond, Merkur und Venus.

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Von
  • Jo Schilling

Eine typische Situation am Abendbrottisch: Wir plaudern über die gerade vergangene Mondfinsternis und die strahlende Venus, unser 14-Jähriger schaut irritiert, und wir versuchen zum x-ten Mal mit Gurken, Gabeln und vielen Verrenkungen zu erklären, wie das mit der Erde um die Sonne, dem Mond um die Erde, der Erde um sich selbst und den anderen Planeten funktioniert. Ich wünsche mir jedes Mal ein Modell, das ich dann einfach aus dem Schrank holen kann.

Also liegt vor mir nun ein Karton, etwa so groß wie ein Großstadttelefonbuch. Darin ist der Bausatz für ein Kopernikus-Planetarium vom AstroMedia Verlag. Der Abgleich zwischen dem Inhalt des Kartons und dem Aufdruck auf der Außenseite macht mir ein wenig Angst, denn aus dem Bündel Pappe, ein paar Plastikscheiben, Metallstiften und Holzkugeln soll ich mit Kleber, Cutter und Geodreieck ein komplexes mechanisches Gerät bauen, das so gar nicht nach Papierfalten für Anfänger aussieht.

Die Bauanleitung ist sehr ausführlich, aber nicht wirklich anschaulich: Sie enthält neben Text nur ein paar rudimentäre Skizzen. Schon nach dem Studium der ersten zwei Seiten, die ich „bitte vor Baubeginn lesen“ soll, fürchte ich: Das Projekt bleibt auf „vor Baubeginn“. Glücklicherweise finde ich im Internet „MichelsWunderland“. Er hat den Bau mit Fotos dokumentiert, sodass ich mit den ersten Schritten nicht völlig allein dastehe. Ich bin nämlich leider keine der Superbastelmamis, die Schulbasare mit DIY-Wundern füllen. Mein Sohn hat offenbar an dieser Front etwas nachzuholen und stürzt sich begeistert in das Projekt. Nach den ersten Schritten, bei denen wir Bilder mit den Anweisungen abgleichen können, erschließt sich uns die Anleitung, und wir benötigen Michels Hilfe nicht mehr. Allerdings wird uns schnell klar, dass die vom Verlag angesetzten 20 bis 30 Stunden Bauzeit für erfahrene Bastler gelten.

Basteln am Stück ist unbefriedigend, da die Hauptarbeit darin besteht, Pappteile in der richtigen Reihenfolge präzise aufeinanderzukleben und anschließend zusammenzustecken. Da Kleber Zeit zum Härten benötigt, führt Ungeduld dazu, dass die Teile sich verschieben. Also stellen wir den Bausatz auf unseren Esstisch und drücken im Vorbeigehen über den Tag Teile für den nächsten Arbeitsschritt aus den Bögen, kleben, fixieren mit Wäscheklammern und verbauen dann abends alles. Dabei entsteht Treibrad für Laufrad ganz von allein das Verständnis für die mechanische Funktion und Brillanz eines Kurbelplanetariums.

Das Einziehen der Riemen, die die Treibräder untereinander verbinden, ist ein aufregender Moment. Aber mit dem ersten Dreh an der Kurbel macht sich die Erde tatsächlich auf ihrem Getriebe auf den Weg um die Ekliptik, dreht sich um sich selbst, und der Mond umkreist sie. Merkur und Venus ziehen behäbig und unterschiedlich schnell ihre Bahnen. Dass die Planeten sich im Kopernikanischen Weltbild auf Kreisbahnen bewegen statt wie in der Natur auf Ellipsen, ist völlig egal, wenn mein Sohn begreift, wie das mit der Mondfinsternis, den Jahreszeiten und der Venus als Abendstern funktioniert.

Produkt: Kopernikus-Planetarium
Hersteller: AstroMedia Verlag
Preis: 45 Euro

(bsc)