Die große Illusion mit den negativen Emissionen

Um den Klimawandel zu verhindern, müssen wir CO2 direkt aus der Atmosphäre entnehmen. Doch wie gut kann das funktionieren?

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Climeworks errichtet eine Demonstrationsanlage in Island: Bis zu 4 000 Tonnen CO2 sollen hier pro Jahr aus der Luft entnommen werden.

(Bild: Climeworks)

Von
  • Wolfgang Stieler
  • James Temple
Inhaltsverzeichnis

Der sechste UN-Klimabericht des IPCC lässt sich auf zwei Kernaussagen zusammenstreichen. Die erste ist mittlerweile wohlbekannt, weil tausendfach gesagt, gedruckt und verbreitet worden: Die globalen Temperaturen werden bis Mitte des Jahrhunderts weiter ansteigen. Wenn wir es schaffen, die CO2-Emissionen bis 2050 auf Null zu senken, haben wir vielleicht eine kleine Chance, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Die zweite Kernaussage ist weniger bekannt, spricht sich aber langsam herum: Selbst die in Paris vereinbarten Emissionsminderungen werden dafür nicht reichen. Um die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, muss die Welt Wege finden wird, um bis Mitte des Jahrhunderts etwa fünf Milliarden Tonnen (Gigatonnen) Kohlendioxid pro Jahr aus der Atmosphäre zu entfernen – bis zum Ende des Jahrhunderts muss diese Menge sogar auf 17 Milliarden Tonnen gesteigert werden. Das zumindest beinhaltet eines der Szenarien, das der IPCC für sehr realistisch hält – das Szenario wird als SSP1–1.9 bezeichnet.

Die Zahlen beruhen auf einer Analyse früherer Daten durch Zeke Hausfather, einem Klimawissenschaftler am Breakthrough Institute und Mitautor des Klimaberichtes. Um diese Zahlen ins Verhältnis zu setzen: Wir müssen so viel CO2 aus der Luft fischen, wie die US-Wirtschaft im Jahr 2020 emittiert hat. Natürlich ließe sich dieses Ziel senken, aber nur wenn es gelänge, die Emissionen noch schneller zu reduzieren. Welche Technologien und natürlichen Wege gibt es aber, CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre zu entnehmen? Und wohin dann mit dem überschüssigen CO2?

Eine "natürliche" Technologie zur Emissionsreduzierung gibt es bereits in großem Maßstab. Sie kostet in der Regel weniger als 100 Dollar pro Tonne entfernten Kohlenstoffs: das Pflanzen von Bäumen. Eine 2017 durchgeführte Untersuchung der US-Naturschutzorganisation Nature Conservatory ergab, dass die Erde vermutlich über ein Potenzial von rund 678 Millionen Hektar – doppelt so groß wie Indien – für die Wiederaufforstung verfügt. Das würde nach Berechnungen der Ökologin Susan Cook-Patton bis zu 2,4 Gigatonnen CO2 pro Jahr entfernen. Allerdings sind diese Zahlen unter Wissenschaftlern umstritten.

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