Die helfende Hand: KI muss kein Jobkiller sein

Im Stahlwerk, in der ländlichen Medizin-Versorgung und bei der Liegenschaftsverwaltung arbeitet Computer mit Menschen Hand in Hand.

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  • Niels Boeing
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Die Ausbreitung von KI-Systemen in der Arbeitswelt wird seit einigen Jahren wahlweise mit Begeisterung und mit Unbehagen debattiert. Das Bundesarbeitsministerium (BMAS) nahm die Debatte so ernst, dass im März 2020 ein "KI-Observatorium", angesiedelt in der "Denkfabrik" des Ministeriums, an den Start ging. Das Observatorium hat gemeinsam mit der Universität Düsseldorf und dem Center for Advanced Internet Studies rund 600 Arbeitnehmer interviewt, welche Veränderungen durch KI-Systeme sie am meisten fürchten. Die wichtigste Antwort ist überraschend: "Die Mehrheit der Befragten rechnet nicht mit einem Jobverlust in den nächsten 20 Jahren", sagt BMAS-Staatssekretär Björn Böhning. Im Vergleich dazu machen Überwachung am Arbeitsplatz oder mangelnde Transparenz, was mit persönlichen Daten geschieht, den Menschen mehr Kopfzerbrechen. Hingegen setzen viele von ihnen ihre Hoffnungen in die Zunahme von Arbeitssicherheit und -entlastung.


Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 04/2021 MIT Technology Review (als pdf bestellen). Das Heft beschäftigt sich als Sonderheft mit der Zukunft der Arbeit.


Noch 2013 hatten die Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Martin Osborne gewarnt, 47 Prozent der US-Jobs würden durch KI-Anwendungen verloren gehen. Und der israelische Historiker Yuval Harari schrieb drei Jahre später in seinem Buch "Homo Deus": "Die wichtigste Frage der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts könnte sein, was wir mit all den überflüssigen Menschen machen."

Viel spricht dafür, dass es ganz anders kommen wird. Denn nach dem ersten Hype über die verblüffenden Fähigkeiten von tiefen neuronalen Netzen und Machine-Learning-Algorithmen wird immer klarer, wie begrenzt deren Fähigkeiten sind. Denn die Unterspezifizierung von Trainingsdaten oder unbeabsichtigte Shortcut-Schlussfolgerungen in neuronalen Netzen machen diese Algorithmen mitunter unzuverlässig. Vor allem aber bringen sie keine wirklich neuen Ideen hervor. Kombiniert man hingegen KI-Systeme mit der Erfahrung und Kreativität von echten Menschen, steigt die Produktivität. "Es geht nicht um Computermodelle gegen Menschen, sondern um Computermodelle zusammen mit Menschen", sagt Menno van der Winden, General Manager für Advanced Analytics beim Stahlhersteller Tata Steel Europe, der selbst auf KI-Systeme setzt.

Hybride Intelligenz nennt sich die Vision der Stunde. Anstatt den Datenfluss zwischen Sensoren, Datenbanken und Maschinen von menschlichen Händen, Augen und Ohren zu befreien, wird der Mensch bewusst im Arbeitsprozess – englisch: "human in the loop" – integriert. "Hybride Intelligenz ist die Kombination menschlicher und künstlicher Intelligenz, um die menschliche Intelligenz zu erweitern, anstatt sie zu ersetzen", definiert das 2019 gegründete Hybrid Intelligence Center den Ansatz. Dort arbeiten führende KI-Forscher der Universitäten Delft, Amsterdam und Groningen an der Zukunft der KI.

Beispiele für eine solche Kombination finden sich in der Wirtschaft immer häufiger. Aber was leisten sie konkret? Wie ergänzen sich Mensch und KI in der Praxis?

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