Tech-Fails 2021: Milliardäre im All, Ransomware-Boom, Algorithmen für Immobilien

2021 war nicht unbedingt ein geniales Technikjahr. Ein kurzer Einblick hebt einige "Highlights" hervor.

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Jeff Bezos, herzhaft lachend

Hat gut lachen: Jeff Bezos, Raumfahrer.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Von
  • Antonio Regalado

Selten in der Geschichte haben wir uns bei der Lösung wichtiger Probleme so sehr auf moderne Technik verlassen wie im vergangenen Jahr. Manchmal funktioniert das auch erstaunlich gut. Impfstoffe gegen COVID-19 haben etwa 2021 die Zahl der Todesfälle verringert. Und erste Medikamente gibt es ebenso wie verlässliche Tests auf SARS-CoV-2.

Aber in diesem Beitrag soll es nicht darum gehen, wie Technik unser Jahr 2021 gerettet hat. Dies ist die jährliche Liste der US-Ausgabe von MIT Technology Review über all jene Fälle, in denen Innovationen schiefgingen. Von problematischen Algorithmen bis hin zu schlecht funktionierenden Alzheimer-Medikamenten sind hier die Verfahren aufgeführt, die im vorigen Jahr danebengingen – ebenso wie jene Aha-Erlebnisse, von denen wir uns wünschten, dass niemand sie jemals gehabt hätte. Gewürzt wird dies mit Erfindungen, die augenscheinlich von der dunklen Seite des menschlichen Intellekts hervorgebracht wurden.

Die allerbeste Medizin ist preiswert, sicher und wirksam. Denken Sie an das Richten eines Knochens mittels gut sitzendem Gips, das Füllen eines Zahnlochs oder die Verabreichung eines Polio-Impfstoffs für 1,80 Euro pro Dosis. Die schlechteste Medizin des Jahres 2021 erreicht genau das Gegenteil. Es handelt sich um Aduhelm – ein Alzheimer-Medikament, das im Juni in den USA zu jährlichen Kosten von rund 50.000 Euro auf den Markt kam, ohne wirkliche Beweise dafür, dass es den Patienten hilft. Dafür gibt es ein erhebliches Risiko einer schweren Hirnschwellung.

Bei dem von Biogen vertriebenen Medikament handelt es sich um Antikörper, die sich an die bei Alzheimer auftretenden Gehirnplaques anlagern soll. Aduhelm floppte in einer großen Studie am Menschen, die keinen konkreten Nutzen für Patienten mit der Demenzerkrankung zeigte. Dennoch beschlossen das Unternehmen und die US-Arzneimittelbehörde FDA im Juni, das Verfahren fortzusetzen – trotz der Einwände der Sachverständigen der Behörde. Mehrere Mitarbeiter traten zurück. Einer von ihnen, Aaron Kesselheim, nannte den Vorfall "die wahrscheinlich schlechteste Entscheidung über die Zulassung eines Medikaments in der jüngeren Geschichte der USA".

Natürlich brauchen wir neue Behandlungsformen für Alzheimer. Aber dieser Vorgang markiert einen besorgniserregenden Trend zur Zulassung von Arzneimitteln auf der Grundlage einer vergleichsweise schwachen Art von Belegen, den "Surrogatmarkern". Da Aduhelm eine messbare Verringerung der Plaques im Gehirn bewirkt – ein Marker für Demenz – kam die FDA zu dem Schluss, dass eine "begründete Wahrscheinlichkeit" besteht, dass das Medikament den Patienten zugutekommt. Ein Problem bei solchen Mutmaßungen ist, dass immer noch niemand weiß, ob diese Ablagerungen die Krankheit verursachen oder nur eines ihrer Symptome sind.

Aduhelm, das wirklich neue Alzheimer-Präparat seit 20 Jahren, kann mittlerweile als Fiasko gelten. Nur wenige Patienten erhalten es überhaupt, der Umsatz von Biogen damit ist verschwindend gering. Und mindestens eine Person ist nach der Gabe an einer Hirnschwellung gestorben. Immerhin: Seit der Zulassung hat das Unternehmen den Preis des Medikaments um die Hälfte gesenkt. Dafür ist sein Forschungschef abrupt zurückgetreten.

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"Mach' dich nicht an Dingen zu schaffen, die gut funktionieren" ist eine altbekannte Geschäftsmaxime. Die Immobilienwebsite Zillow hat genau das getan – mit katastrophalen Folgen.

Der Dienst des Unternehmens ist sehr beliebt. Das gilt auch für die computergenerierten Hauswerte, die als "Zestimates" bekannt sind. Der Fehler des Unternehmens bestand darin, dass es seine eigenen Schätzungen nutzte, um selbst unbesehen Häuser zu kaufen – um sie dann zu verkaufen und Transaktionsgebühren zu kassieren. Zillow lernte bald, dass sein Algorithmus tatsächlich die Entwicklung der Immobilienpreise nicht korrekt vorhersagte. Und das war nicht das einzige Problem.

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Zillow konkurrierte mit anderen digitalen Aufkäufern, den "iBuyers". Also tat Zillow das, was jeder Immojäger tun würde, der einen Deal unbedingt abschließen will: Es zahlte zu viel. Das Resultat: In diesem Jahr bot Zillow Hunderte von Häusern für weniger als den eigenen Kaufpreis an. Im November schloss das Unternehmen schließlich seine iBuying-Abteilung Zillow Offers, baute 2000 Stellen ab und nahm dann eine Abschreibung in Höhe von 500 Millionen US-Dollar vor, was das Wall Street Journal als "einen der härtesten Rückschläge für ein US-Unternehmen in jüngster Zeit" bezeichnete.

Zillow wird sein ursprüngliches Geschäft, den Verkauf von Anzeigen an Immobilienmakler, beibehalten. Die Zestimates haben weiterhin ein Zuhause auf der Website. Nur verlässt sich kein interner Aufkäufer mehr darauf.

Ransomware ist bekanntermaßen bösartige Software, die die Daten eines Unternehmens entführen kann, indem sie sie verschlüsselt. Die kriminellen Betreiber verlangen dann Geld, um den Zugang zu Geschäftsinformationen wiederherzustellen, jedenfalls versprechen sie das. Es ist ein boomendes Geschäft: Laut dem Cybersicherheitsunternehmen SonicWall erreichte Ransomware im Jahr 2021 mit mehr als 500 Millionen Angriffen einen neuen Rekord.

Das Problem erlangte am 7. Mai 2021 größere Aufmerksamkeit, als eine Ransomware-Gruppe namens DarkSide die Dateien von Colonial Pipeline sperrte, einem Unternehmen, das 8850 Kilometer Benzin- und Kraftstoffleitungen zwischen Houston und New York betreibt. Das Unternehmen zahlte schnell mehr als 4 Millionen Dollar in Bitcoin, aber die Störung verursachte dennoch ein vorübergehendes Chaos an den Tankstellen der US-Ostküste.

Durch den Angriff auf kritische Infrastrukturen zog die Ransomware-Bande allerdings mehr Aufmerksamkeit auf sich, als sie erwartet hatte. Das FBI verfolgte und beschlagnahmte etwa die Hälfte des Bitcoin-Lösegelds – und DarkSide gab später auf seiner Website bekannt, dass es sein "Geschäft" aufgibt. Solange jedoch Menschen Lösegeld zahlen, werden die Kriminellen wiederkommen.

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Wer schon einmal im Pariser Louvre war, kennt die Scharen von Touristen, die mit ihren iPhones vor der Mona Lisa herumfuchteln, auch wenn sie selbst kaum etwas sehen können. Das berühmte Gemälde steht heute einfach auf der Liste der beliebtesten Sehenswürdigkeiten. Man geht hin, macht ein Selfie – und dann geht es weiter zum nächsten "Erlebnis".

Ein Schnappschuss, der einen zeigt, wie man über der Erde schwebt, steht jetzt auf der Wunschliste einiger Milliardäre und ihrer Kumpels ganz oben. Das Prinzip nennt sich dann Weltraumtourismus, aber man darf sich schon fragen, was der Sinn dahinter ist. Wikipedia definiert ihn dann auch als "bemannte Raumfahrt zu Erholungszwecken".

Das ist nicht gerade neu: Der erste zahlende Kunde durfte 1984 mit dem Space Shuttle mitfliegen. Doch in diesem Jahr erreichte der Trend neue Dimensionen, als der Gründer von Virgin Galactic, Richard Branson, und Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, jeweils mit eigenen Raumfahrzeugen an den Rand des Weltraums flogen. Es geht dabei scheinbar um ein exklusives Erlebnis. Aber wie an vielen beliebten Touristenorten könnte es auch dort oben bald voll werden.

Blue Origin, das von Bezos gegründete Raumfahrtunternehmen, plant inzwischen ein "orbitales Riff", eine Art Büropark, das den Planeten umkreist und in dem Menschen wie in einem WeWork oder Airbnb Platz mieten, um Filme drehen zu können. Auf der Website von Virgin Galactic teilt Branson unterdessen mit, die Motivation für sein Raumflugzeug – mit Trips, die 200.000 Dollar und mehr kosten – sei es, "Millionen von Kindern auf der ganzen Welt" für die Möglichkeit zu begeistern, "eines Tages ins All zu fliegen". Bitte den Selfie-Stick nicht vergessen!

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(bsc)