Die schwierige Rückkehr ins All

Kritik von allen Seiten, steigende Kosten, Konkurrenz aus Asien: Der NASA bläst beim zweiten Anlauf zum Mond der Wind heftig ins Gesicht. Apollo-11-Veteran Buzz Aldrin fordert deshalb eine Kurskorrektur – mit der "Unified Space Vision" zum Mars.

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Von
  • Niels Boeing

Wenn derzeit die Bilder von Neil Armstrongs "kleinem Schritt" hinab in den Mondstaub über die Bildschirme flimmern, hätte bei der NASA eitel Freude herrschen können. Doch 40 Jahre nach dem historischen Ereignis hat die US-Raumfahrtbehörde einen Sack voller Probleme. Als Konsequenz aus dem Columbia-Absturz von 2003 werden die Space Shuttles im kommenden Jahr wohl für immer in die Hangars geschoben. Die Folge: Die NASA wird für fünf Jahre ohne ein eigenes Raumfahrzeug auskommen müssen. Das Constellation-Programm, das die Amerikaner wieder zurück zum Mond und endlich auch zum Mars bringen soll, steht plötzlich auf dem Prüfstand, nachdem Präsident Obama vor einem Monat hierfür das zehnköpfige Augustine-Kommittee einberief. Denn längst kommt die Kritik an dem Programm auch aus den eigenen Reihen.

"Die 'Vision for Space Exploration' der NASA wird Jahrzehnte und Hunderte Millarden verschwenden, um bis 2020 den Mond zu erreichen - ein aufgeblasener Abklatsch dessen, was wir vor 40 Jahren geschafft haben", polterte sogar Buzz Aldrin, der zweite Mensch auf dem Mond, kürzlich im US-Magazin Popular Mechanics.

Falsche Raketen, falsches Konzept, falsche Prioritäten: die Vorwürfe, die sich die NASA derzeit anhören muss, sind deftig. Von Kennedy'scher Aufbruchstimmung keine Spur - die herrscht stattdessen in den jungen Raumfahrtnationen China und Indien, die selbstbewusst ihren eigenen Sprung zum Mond ankündigen.

Als das Constellation-Programm 2005 vorgestellt wurde, klang es durchaus plausibel. Anders als beim Apollo-Programm sollen Crew und Mondfähre mit getrennten Raketen zunächst in eine Erdumlaufbahn gebracht werden. Für den Transport der Astronauten wird die zweistufige Ares I entwickelt, deren erste Stufe auf den Feststoffraketen des Space Shuttles basiert. Die massige Ares V für die Mondfähre, ebenfalls eine Neuentwicklung, wird hingegen – auch ähnlich wie beim Space Shuttle – mit einer Hauptstufe aus Flüssigtreibstoff und zwei zusätzlichen Feststoffraketen betrieben.

Beide Raketen neu zu konstruieren, war schon deshalb nötig, weil sowohl die Orionkapsel als auch die Mondfähre mit der Altair-Landeeinheit größer sind als ihre Vorläufer im Apollo-Programm. Statt drei sollen sechs Astronauten ins All reisen. Zugleich sollen beide Raketen das Space Shuttle als Zubringer zur Internationalen Raumstation ISS ersetzen.

Leider werden ihre Jungfernflüge aber frühestens 2014 stattfinden. Deshalb ist die NASA für Flüge zur ISS nach der Stillegung der Shuttle-Flotte nach 2010 entweder auf russische Raketen angewiesen, was nicht nur Veteranen wie Aldrin sauer aufstößt. Hatte man nicht damals den Wettlauf ins All mit der Sowjetunion gewonnen?

Oder sie greift auf die Falcon 9 des privaten Raumfahrtunternehmens SpaceX zurück, mit dem die Raumfahrtbehörde einen Vertrag über 12 Cargo-Flüge abgeschlossen hat. Die Falcon 9 kann allerdings nur fünf Prozent der Last befördern, die die Ares V in eine erdnahe Umlaufbahn bringen wird (188 Tonnen). Zudem ist sie bisher nicht für den Transport von Astronauten ausgelegt. Zwar könnte sie technisch innerhalb von 24 Monaten hierfür weiterentwickelt werden, sagt SpaceX-Vizepräsident Lawrence Williams. Die NASA habe derzeit nicht genug Geld übrig, um diese Option im Vertrag zu bezahlen.

Bis jetzt sind bereits 6,7 Milliarden Dollar in die Entwicklung der Ares-Raketen und der anderen Constellation-Komponenten geflossen. "Dieses System liegt schon über dem vorgesehenen Budget", sagt Williams. Die Ausmaße der Ares V seien auch nur für künftige Mondmissionen gerechtfertigt, als ISS-Zubringer sei sie "überkonstruiert".

Im vergangenen Jahr räumte NASA-Manager Phil Sumrall aus dem Entwicklungsteam gar ein, der ursprüngliche Entwurf der Ares V erfülle noch nicht die Anforderungen. Die Rakete müsse noch größer werden, um die vorgesehenen 71 Tonnen auf die Mondroute bringen zu können. Die kleinere Ares I wiederum bereitet der NASA Probleme, weil ihre Entwicklung nicht mehr im Zeitplan liegt und sie offenbar auch anfällig für heftige Schwingungen ist.

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Apollo-11-Veteran Buzz Aldrin ärgert sich nicht nur über die technischen und finanziellen Schwierigkeiten. Für ihn ist das von Ex-Präsident George W. Bush angestoßene Constellation-Programm grundsätzlich falsch angelegt, weil die Amerikaner den Mond ein zweites Mal im Alleingang erreichen wollen. Damit würde aber ein unheilvoller zweiter Wettlauf ins All, diesmal vor allem mit China, in Gang gesetzt. Auch wenn über das chinesische Mondprogramm keine Details bekannt sind: Angesichts der Entschlossenheit, die China etwa beim Aufbau seines eigenen Satellitennavigationssystems Compass zeigt, ist nicht auszuschließen, dass die USA diesmal das Nachsehen haben könnten.

Aldrin hat deshalb pünktlich zum 40. Jahrestag der Mondlandung eine "Unified Space Vision" vorgeschlagen. Die Rückkehr zum Mond soll als internationales Gemeinschaftsprojekt mit China, Russland, Europa, Japan und Indien vorangetrieben werden. China soll außerdem als Partner bei der ISS einsteigen und hierfür seine Shenzhou-Raketen als Raumtransporter einbringen. Dieses Vorgehen würde die USA finanziell entlasten, um das wirklich wichtige Ziel in Angriff zu nehmen: den Mars.

Statt der teuren Ares I und V will Aldrin die Jupiter Direct 232 weiterentwickeln. Das ist ein Entwurf von bislang anonym gebliebenen "NASA-Rebellen", der seit einiger Zeit in der Raumfahrtbehörde für einigen Wirbel sorgt. Da im wesentlichen aus Space-Shuttle-Komponenten konstruiert, wäre diese Rakete wesentlich billiger. Im Doppelpack soll sie dasselbe leisten wie die Kombination Ares I und V.

Nun hatte zwar George W. Bush 2004 ebenfalls den Mars als das eigentliche Ziel ausgegeben. Aber im Constellation-Programm sucht man bislang vergeblich einen detaillierten Plan, wie die NASA dorthin kommen will. Auf den Webseiten des NASA Goddard Space Flight Centers ist nur ein veralteter Plan zu finden, der noch den ersten bemannten Marsflug für November 2009 anvisierte.

Aldrin hingegen will auf ein früheres NASA-Konzept für eine Raumstation zurückgreifen, das vor der ISS entworfen wurde. Zum Exploration Module XM weiterentwickelt, könnte eine erste Version bereits 2014 an die ISS angekoppelt werden, glaubt er. Vorausgesetzt natürlich, dass ausreichend Cargo-Raketen dafür zur Verfügung stehen. Richtig getestet werden soll die zweite Version des XM dann auf Flügen zu den Asteroiden 2001 GP2 (im Jahre 2019) und 99942 Apophis (2021). Praktischer Zusatznutzen: Weil eine geringe Wahrscheinlichkeit besteht, dass Apophis im Jahre 2036 auf die Erde stürzt, könne man gleich vorsorglich seine Bahn verändern, so Aldrin.

2025 würde das XM schließlich den Mars-Mond Phobos anfliegen, um dort einen Vorposten zu installieren. Von dem sollen Robotermissionen zum Mars heruntergeschickt werden, um die spätere Ankunft der ersten Mars-Astronauten vorzubereiten. "Damit aber dieser Traum Wirklichkeit wird, muss die NASA ihren Kurs drastisch ändern", schreibt Aldrin in Popular Mechanics. "Ihre einäugige 'Vision for Space Exploration' wird uns nie zum Mars bringen." Vielleicht finden seine Worte ja in Obamas neuem Raumfahrt-Kommittee offene Ohren.

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Der deutsche Astronaut Thomas Reiter ist sich sicher: "Die Faszination hält an."
TR-Autor Niels Boeing hingegen findet die "Mission to Earth" wichtiger.
(nbo)