Die vierte Corona-Welle: Weshalb Kinder trotzdem in der Schule bleiben sollten

Die ersten Rufe nach Schulschließungen werden wieder hörbar, die Sachlage spricht allerdings dagegen. Eine Übersicht.

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(Bild: Prostock-studio/Shutterstock.com)

Von
  • Jo Schilling
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Die Inzidenzen steigen, die vierte Welle ist da. Das ist angesichts der weitreichenden Lockerungen im Sommer und der sich schnell verbreitenden Delta-Variante keine Überraschung. In der Diskussion um die Verbreitung, die Risiken und notwendige Schutzmaßnahmen haben unsere Kinder immer eine besondere Rolle gespielt. Sie erkranken in der Regel nicht so schwer wie Erwachsene und welchen Anteil Schul-, Kindergarten und Kitakinder beim Streuen des Virus hatten und heute noch haben, ist nicht vollständig geklärt. Die Sorge der Eltern dreht sich um das Gesundheitsrisiko Long Covid einerseits und die Belastungen durch Schulschließungen mit Homeschooling andererseits. Klar ist inzwischen allerdings nur, dass Kinder gesundheitlich stärker unter der Pandemie leiden, als die Infektionszahlen zeigen. Zehn Monate lang geschlossene Schulen haben seelische und körperliche Spuren hinterlassen.

Mit der derzeit steigenden Gesamtinzidenz steigt besonders die Inzidenz in der Gruppe der zehn- bis 20-Jährigen. Während die deutschlandweite Inzidenz derzeit bei über 84 liegt (6.09.2020), ist sie in der Gruppe der zehn bis 20-Jährigen auf etwa 174 geklettert. Der Grund ist schnell genannt: In dieser Altersklasse sind nur wenige geimpft. Zum einen ist für Kinder unter 12 Jahren noch kein Impfstoff zugelassen, zum anderen empfiehlt die Ständige Impfkommission Impfungen ab dem zwölften Lebensjahr erst seit dem 16. August 2021.

Das Zögern der STIKO hat den Hintergrund, dass die Wahrscheinlichkeit für das einzelne Kind, schwer an COVID-19 zu erkranken, nach wie vor gering ist: Für Neugeborene und Kinder bis zu vier Jahren liegt das Risiko für einen Krankenhausaufenthalt bei zwei bis vier Prozent. Vom vierten bis zum vierzehnten Lebensjahr ist es mit 0,5 Prozent besonders gering und steigt dann wieder an. Sehr schwere Verläufe mit Intensivbehandlung, die sogar tödlich enden, treffen gerade einmal ein bis drei Kinder pro 100.000 Infizierten. Laut dem freiwilligen Melderegister für klinische Pädiatrie werden derzeit 15 bis 20 Kinder pro Woche mit einer COVID-19-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert. Intensivmedizinisch betreut werden mussten seit August drei Kinder.

Durch die infektiösere Delta-Variante nimmt allerdings auch die Übertragbarkeit unter den bislang weitgehend ungeschützten Kindern und Jugendlichen zu und damit könnte sich auch die Infektionssterblichkeit verändern. Epidemiologische Schätzungen liegen bei Todesfällen unter Kindern im zwei- bis dreistelligen Bereich, wenn sich alle Kinder im Verlauf der vierten Welle infizieren.

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Sind Schulschließungen deshalb auch in diesem Herbst unvermeidbar – auch wenn die Politik sie derzeit noch ausschließt? Berit Lange, Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig verneint. Im Gegensatz zum letzten Herbst könnten wir nun ab 12 Jahren impfen und das verändere den Verlauf der Pandemie. Zudem habe es im letzten Herbst weder Test- noch Meldekonzepte gegeben. "Es hängt stark davon ab, was wir in den nächsten Wochen machen", sagt die Epidemiologin und plädiert für eine konsequente Umsetzung der bestehenden Hygienerichtlinien, die Regeln für mäßiges und hohes Infektionsgeschehen enthalten. "Die Möglichkeiten werden noch nicht in allen Bundesländern voll ausgeschöpft, aber das ist das wirklich entscheidende." Masken, Testen und Kohorten sind neben konsequentem Impfen die Mittel gegen Schulschließungen.

Testen und konsequente Hygiene haben allerdings auch Grenzen. Wenn die Fallzahlen zu hoch werden – wie hoch "zu hoch" ist, wird erst die Praxis zeigen –, werden auch die Zahlen der schwer kranken Kinder zunehmen.

Besonders gefährdet sind zwei Gruppen von Kindern: Einerseits Kinder mit chronischen Vorerkrankungen. "Besonders Kinder mit Multisystemerkrankungen wie Trisomie 21 sind sehr schwer betroffen", sagt Jörg Dötsch, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Köln. Andererseits solche mit starkem Übergewicht. Dötsch vermutet darin einen der Gründe, weshalb es in den USA mit deutlich mehr übergewichtigen Kindern als hierzulande so viele COVID-19-kranke Kinder gibt.

Auch die Gründe, weshalb die Gruppe der gesunden Vier- bis 14-Jährigen grundsätzlich so gut gegen SARS-Cov-2 gewappnet ist, sind inzwischen klarer: Das menschliche Immunsystem reift erst um das zwölfte Lebensjahr voll aus und ist dann dem eines Erwachsenen Menschen gleichwertig. Allerdings genießen Kinder bis dahin einen besonderen Schutz: Ihre Schleimhäute greifen stärker in das Immungeschehen ein. "Wenn Corona-Viren auf die Schleimhäute von Kindern kommen, werden sie dort schon bekämpft und kommen gar nicht in den Körper hinein“, so Dötsch. Eine weitere wichtige Rolle spiele das Gefäßsystem. Das sei bei Kindern im Gegensatz zu Älteren noch nicht durch Arteriosklerose geschädigt und damit viel besser in der Lage die Folgen der Infektion abzupuffern.

Für ein Offenlassen der Schulen spricht vor allem, dass sich die psychiatrischen und psychosomatischen Diagnosen bei Kindern über die Zeit der Schulschließungen verdoppelt haben und damit zu großem Leid unter den Kindern und einer Überlastung des Gesundheitssystems an anderer Stelle führen. Diese Effekte hat die Gesellschaft – sicher auch aus Unwissenheit zu dem Zeitpunkt – in Kauf genommen, um das Infektionsrisiko in der dritten Welle zu drücken.

Aber jetzt ist die Situation eine andere. Es gibt in Deutschland inzwischen Impfstoffe in ausreichender Menge. Die derzeit noch fünf Millionen nicht erstgeimpften Erwachsenen durch Schulschließungen zu schützen, wird, so die Experten, nur begrenzt funktionieren. "Es kann nicht sein, dass wir Erwachsenen alle Freiheiten für uns beanspruchen und glauben, dass die Kinder uns wieder retten", findet Dötsch klare Worte. "Wir Erwachsenen haben die Verantwortung uns und andere zu schützen. Wir sind diejenigen, die die Kinder schützen und nicht umgekehrt." (jsc)