Dieses Buch nimmt mit auf einen Roadtrip durch die Virenwelt

Ein Vorwort des Virologen Christian Drosten, ein Auszug aus dem SciFi-Film "Alien": Ein unüblicher Einstieg für ein Buch über Pandemien, das fasziniert.

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Philipp Kohlhöfer: Pandemien: Wie Viren die Welt verändern. S. Fischer, 544 Seiten, 25 Euro (E-Book: 19,99 Euro)

Von
  • Jo Schilling

Ich gebe zu: Ich habe leise geseufzt, als ich das – ungefragt zugesandte – Exemplar von "Pandemien. Wie Viren die Welt verändern" auf meinem Schreibtisch gefunden habe. Noch ein Buch über Covid … Was mich das Buch dennoch hat aufschlagen lassen, war das Vorwort von Christian Drosten. Wenn jemand, der eigentlich Besseres zu tun hat, dafür ein Vorwort schreibt, sollte sich dieser eine Handgriff lohnen. Bevor ich jedoch beim Vorwort ankomme, bleibe ich irritiert an der ersten Seite hängen: ein Auszug aus "Alien". Ich beginne zu blättern, dann zu lesen, dann zu versinken.

Mit "Pandemien" erzählt Philipp Kohlhöfer eine schnelle und ungewöhnliche Geschichte von wissenschaftlichen Abenteuern, Zufällen, Begegnungen – in Szenen. Als Leserin lerne ich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinter den Viren kennen. Menschen wie – natürlich – Christian Drosten, Melanie Brinkmann, Gerd Sutter und diverse andere. Wäre das Buch ein Film, würde ich den schnellen Schnitt kommentieren. Der Verlag nennt das Wissenschaftspunk. Ich nenne es erfrischend lebendig, wortwitzig und unterhaltsam.

Es hat etwas sehr Persönliches, wenn wir unsichtbar in der Zimmerecke stehen, während Angela Merkel Drosten im Institut anruft und fragt, "ob sie mal länger reden könnten, die Tage". Aber das Buch tut auch weh. Zum Beispiel, wenn Kohlhöfer schreibt: "Es kann nicht oft genug erwähnt werden, und deshalb kommt es noch mal, im ganzen Satz, schön plakativ: Der beste Schutz gegen Pandemien sind artenreiche und widerstandsfähige Ökosysteme."

Das Inhaltsverzeichnis lässt all das nicht vermuten. Es zählt mir die Erreger auf, die die Welt in Angst und Schrecken versetzt haben oder es gerade tun. Und natürlich geht es eigentlich genau darum. Es geht um SARS-CoV-2, Ebola, Masern, HIV, Hanta oder Hendra. Ich reise zurück in der Zeit zur Spanischen Grippe vor inzwischen gut hundert Jahren. Ich gehe mit einer Fledermaus-Forscherin auf Virensuche in Höhlen. Ich sitze dabei, wenn der Pforzheimer Lungenspezialist Tushira Weerawarna in skurrile Bewerbungssituationen in England gerät, und schaue Drosten über die Schulter, als er den PCR-Test entwickelt.

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Kohlhöfer versteht es, Wissenschaft Leben einzuhauchen, ganz nebenbei tiefes Wissen zu vermitteln und die aktuellen Ereignisse in einen historischen Kontext zu setzen. Impfgegner und Krankheits-Skeptiker scheinen es ihm besonders angetan zu haben. Dabei ist sein Buch ein klares Statement: "Ja, ich bin voreingenommen. Ich bin pro Wissenschaft", schreibt er gleich zu Anfang. Das hätte er nicht schreiben müssen, aber er ist ein Autor der klaren Worte. Und das ist außerordentlich unterhaltsam. Für jene, die Freude an seiner direkten und bildhaften Sprache haben, ist es schwierig aufzuhören, denn Cliffhanger funktionieren offenbar nicht nur in Krimis. Bleibt die Frage an den Verlag, weshalb er diesem geistreichen Buch einen so generischen und geistlosen Titel verpasst hat. (jle)