Digitale Lernspiele: Sprachbasierte Games reduzieren die Bildschirmzeit

Sprachbasierte Games entwickeln sich zu einer attraktiven Option für Eltern, die sich über gesundheitliche Folgen zu langer Bildschirmzeiten sorgen.

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(Bild: Yoto)

Von
  • Tanya Basu

In einem Haus in Massachusetts versammelt sich eine Familie um den Küchentisch. Die Eltern stellen ein kleines Gerät ein, das am Kopfende des Tisches steht. Wenige Augenblicke später unterbricht eine fröhliche Stimme die Gespräche, und die ganze Familie setzt sich zum Zuhören hin.

Nein, das ist keine Szene aus der goldenen Ära des Radios. Die Welt verharrt im Covid-19-Lockdown, und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit im Haus der Familie Daniel steht Yoto. Das Audio-Programm soll Apps und Videos Konkurrenz machen, die Kinder heutzutage normalerweise nutzen. Das dafür entwickelte Gerät erinnert an einen Kassettenrekorder: Man schiebt eine Karte in einen Schlitz, auf der eine Geschichte oder ein Spiel aufgenommen worden ist. Yoto kann auch täglich neue Episoden abspielen, um Beispiel die Kindernachrichtensendung. Familie Daniels hört sie jeden Morgen.

"Am wichtigsten war uns, dass Yoto ohne Bildschirm funktioniert", sagt Vater Brian. "Wir wollen das kreative Denken und Spielen fördern - etwas, das Aufmerksamkeit weckt und aufrecht hält. "

Noch hat die Wissenschaft die Frage, ob sich Zeit vorm Bildschirm wirklich negativ auf Kinder auswirkt, noch nicht eindeutig beantworten können. Etliche Experten glauben, dass die Gefahren übertrieben werden. Trotzdem machen sich viele Eltern Sorgen, dass ihre Kinder zu viel Zeit vor Tablets und Fernsehern verbringen. Sie empfinden Sprach- und Audiospiele als eine gesündere Alternative. Infolgedessen sind familienfreundliche Sprachspiele in diesem Jahr in den Download-Charts nach oben geschnellt.

Viele der Spiele laufen auf Sprachassistenten wie Amazons Alexa oder Google Assistant. Noch vor zwei Jahren hatten sie meist die Form von "Choose-your-own-Adventure"-Geschichten und einfachen Wettbewerben. Jetzt werden sie immer ausgefeilter. Mit dem Spiel Lemonade Stand können Kinder zum Beispiel üben, ein Geschäft zu führen. Und in Kids Court soll ein Sprachassistent Streitigkeiten zwischen Kindern schlichten, indem er sie über ihre Meinungsverschiedenheiten sprechen lässt.

Die meisten Sprachspiele können asynchron gespielt werden, das heißt, die Spieler müssen sich nicht am selben Ort befinden oder zur selben Zeit spielen. Max Child, der Gründer von Volley, einem Herausgeber von Sprachspielen, sagt, dass Großeltern oft unabhängig von den Enkeln dann spielen, wenn es ihnen am besten passt. Anschließend schicken sie ihren Enkeln eine SMS über den Spielstand. Und die Kinder machen ihre Züge später, wenn sie Zeit haben.

"Man kann mit seinen Kindern spielen, oder sie können ihre Freunde für einen Spieleabend zusammenbringen", sagt Child. Eines der beliebtesten Sprachspiele von Volley ist Yes Sire, eine fiktive Geschichte, wobei der der Spieler in die Rolle eines rücksichtslosen Gutsherrn schlüpft.

Den Eltern gefällt auch, dass viele Sprachspiele die Kreativität der Kinder fördern. Parker, der sechsjährige Sohn von Kate und Brian Daniels, ist ein begeisterter Darsteller. "Er ist sehr fantasievoll", sagt Kate und beschreibt, wie er den Geschichten zuhört und sie dann am Strand vor dem Haus der Familie mit seiner vierjährigen Schwester Charlotte nachspielt.

"Ich überlege gerne, wie ich die Geschichte verändern kann", sagt Parker und beschreibt, wie er einer Geschichte über ein Schloss zugehört und sich vorgestellt hat, wie es wohl aussehen könnte.

Abends verlangen die Kinder nach Brians Gute-Nacht-Geschichten. Er nimmt sie als MP4 auf, lädt sie auf leere Karten hoch, und die Kinder können sie dann anhören.

Inzwischen wächst auch der Markt der Sprachspiele für Erwachsene. Volley etwa hat einige Spiele wie Love Taps, Sherlock und Infected entwickelt, die mit Sprache und Inhalt auf ein älteres Publikum abzielen. Sowohl Max Child als auch der Entwickler von Yoto, Ben Drury, sagen, dass es ältere Menschen nicht nur genießen, mit ihren Enkeln zu spielen. Sondern dass es sie auch ermutigt, Spiele mit ihrer Stimme steuern zu können, anstatt erst lernen zu müssen, wie man eine Konsole oder einen Controller bedient.

Bei Sprachspielen geht es nicht nur um Wettbewerb. Anfang dieses Jahres haben Nina Meehan und Jonathan Shmidt Chapman, beide Jugendtheaterprofis, das K'ilu Kit entwickelt: Passover Adventure, ein Spiel für den bevorstehenden jüdischen Feiertag. Schon das zweite Jahr in Folge konnten sich Familie und Freunde nicht wie üblich zum Seder treffen, dem rituellen Abendessen, bei dem die Gläubigen die Geschichte des jüdischen Auszugs aus Ägypten nacherzählen.

"Mit Zoom ist das nicht so toll", sagt Shmidt Chapman. "Viele dieser biblischen Geschichten sind für einen Drei- bis Achtjährigen schwer zu erklären. Wie vermitteln wir diese Geschichte auf eine altersgerechte Weise?" Das K'ilu Kit versucht, die Exodus-Geschichte mit Hilfe interaktiver Elemente für Kinder sinnvoll, verständlich und unterhaltsam darzustellen: eine Papierflamme, die um eine Taschenlampe gewickelt ist, wird zum Beispiel zum brennenden Busch, durch den Gott Mose auffordert, die Israeliten aus Ägypten zu führen.

"Die Kinder hören nicht nur zu, sondern werden angeregt, richtig mitzumachen", sagt Meehan. "Die Passahgeschichte handelt von komplexen Themen wie die Befreiung von der Knechtschaft, Sklaverei und Unterdrückung. Die Kinder lernen die Passahgeschichte spielend, anstatt nur auf einen Bildschirm zu gucken oder die Geschichte zu hören. Es geht darum, dass sie auch ihre Bedeutung verstehen.“

Ein solches Verständnis könne sprachgesteuerte Unterhaltung besonders gut vermitteln, meint Naomi Baron, emeritierte Professorin für Linguistik an der American University und Autorin des Buchs "How We Read Now": "Das Problem sind nicht nur die Stunden, die wir mit unseren Augen am Bildschirm kleben, sondern auch, dass wir uns nur oberflächlich mit den Inhalten beschäftigen", sagt Baron. "Man muss sich oft nicht geistig anstrengen.“

Bei Audiogeschichten und -spielen hingegen werden einem die Informationen nicht auf einem Tablett präsentiert. Vorstellungskraft ist gefragt, und das erfordert mehr Konzentration und Aufmerksamkeit als einfach auf einen Bildschirm zu starren. Baron sagt, Untersuchungen hätten gezeigt, dass Heranwachsende bei dieser Art des Lernens die Zusammenhänge leichter verstehen würden und sich auch besser an das Gelernte erinnern könnten.

(bsc)