Digitaler Marktplatz für lokale Händer: Interview zu "Monheimer Lokalhelden"

In Monheim am Rhein sind gut 300 Händler in einem Online-Marktplatz organisiert. Kunden können rund um die Uhr einkaufen und Waren abholen oder liefern lassen.

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(Bild: Joyseulay/Shutterstock.com)

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  • Hartmut Gieselmann

Der Monheimer Bürgermeister Daniel Zimmermann erklärt im Interview, wie er seine ehemals hoch verschuldete Kleinstadt zu einer Oase des digitalen Handels ausbaut, die Modellcharakter für ganz Deutschland hat.

c’t: Herr Zimmermann, in Monheim haben sich 322 Händler und Dienstleister zum digitalen Marktplatz "Monheimer Lokalhelden" zusammengeschlossen. Damit liegt Ihre gerade mal 41.000 Einwohner zählende Kleinstadt an der Spitze derartiger Projekte in Deutschland. Was macht Ihre Stadt besser als andere Gemeinden, in denen der lokale Handel in Lockdown-Zeiten brach liegt?

Daniel Zimmermann: Wir haben das Projekt "Monheimer Lokalhelden" vor rund drei Jahren gestartet. Wir wollten Händler hier vor Ort mit einem gemeinsamen System unterstützen. Was uns nach vorne katapultiert hat, war die Entscheidung des Stadtrats, dass die Stadt Monheim die Kosten für die Händler quasi komplett trägt. Das macht es den Händlern natürlich einfach, dort einzusteigen, selbst wenn in der ersten Zeit noch keine großen Umsätze über diese Online-Plattform zu erwarten sind.

Sie arbeiten bei den "Monheimer Lokalhelden" mit dem kommerziellen Plattformbetreiber Atalanda zusammen. Wie kam die Kooperation zustande?

Wir haben unglaublich lange gebraucht, einen geeigneten technischen Partner zu finden. Viele Anbieter stellen sich nicht wirklich auf die Bedürfnisse der Händler im Online-Geschäft ein. Atalanda war bei unserer Marktrecherche vor drei Jahren der einzige Anbieter mit einer bereits fertigen und wirklich ansprechenden Lösung. Da konnten zwei andere Systeme aus der Region, die aus traditionellen Anzeigenblättern hervorgegangen waren, bei Weitem nicht mithalten.

Und die Kosten für die Händler, um ihr Angebot bei den "Monheimer Lokalhelden" anzubieten, tragen Sie als Stadt?

Daniel Zimmermann (38) gründete 1999 die Lokalpartei PETO in Monheim und regiert dort seit 2009 als Bürgermeister, seit 2014 mit absoluter Mehrheit.

(Bild: Stadt Monheim)

Ja, wir übernehmen die Gebühren, die Atalanda in anderen Städten normalerweise von den Händlern erhebt. So konnten wir sehr viele mit ins Boot holen. Ein Händler, der bei den Lokalhelden mitmachen will, bekommt von der Stadt ein Komplettpaket: Wir zahlen ein professionelles Foto-Shooting für 400 Euro, damit die Bilder von den Geschäften alle in der gleichen Qualität auf der Seite landen. Wir haben einen Pool von freien Fotografen, die die Shops nach einer definierten Richtlinie in Szene setzen. Sonst schießt die Frittenbude mit dem Handy ein paar Bilder und lädt sie hoch, was den stimmigen Gesamteindruck der Seite stören würde. Zusätzlich zahlen wir 200 Euro für einen professionellen Texter, der die Grunddaten aufnimmt und das Geschäft vorstellt. Neben den Grundgebühren, die Atalanda erhebt, tragen wir auch die Kosten für die Zahlungsdienstleister in Höhe von 8 Prozent. Das gilt, solange die Händler weniger als 3000 Euro Umsatz pro Monat auf der Plattform machen – das sind derzeit nahezu alle.

Wie schwierig war es, die Warenwirtschaftssysteme und Buchhaltung der Geschäfte an die Plattform anzupassen?

Wir hatten natürlich Sonderwünsche, die wir auf Kosten der Stadt von Atalanda haben programmieren lassen. Eine solche Anbindung ist superkomplex. Amazon ist auch nicht über Nacht entstanden, sondern uns Jahre voraus. Wir haben zum Teil inhabergeführte Geschäfte ohne Warenwirtschaftssystem, die ihre Nachbestellungen noch mit per Hand geschriebenen Listen erledigen. Es gibt ein Sammelsurium von Einzelbedürfnissen, Problemen und Hindernissen, die die Leute davon abhalten, erfolgreich gemeinsam so einen Marktplatz zu füllen. Neben der Programmierarbeit von Atalanda müssen deshalb wir von der Stadt viel koordinieren und die Händler an die Hand nehmen, damit sie ihre Produkte auf der Plattform einstellen.

Zudem haben wir lokale IT-Dienstleister unter Vertrag, die auf städtische Kosten dafür sorgen, dass die Händler mit ihren Warenwirtschaftssystemen an die Bestellprozesse andocken können. Wir schicken dann einen IT-Dienstleister, der in ein bis zwei Arbeitstagen das System des Ladens an die Lokalhelden anbindet und im Zweifel noch ein kleines Warenwirtschaftssystem aufsetzt – ganz ohne Kosten für den Händler.

Mitarbeiter der Stadt betreuen die Händler vor Ort bei konkreten Problemen mit der Anbindung an das Shop-System von Atalanda.

(Bild: Stadt Monheim)

Andere Städte haben für solche Aufgaben manchmal einen "Kümmerer". Der genügt bei Ihnen wahrscheinlich nicht?

Also ich mag das Wort "Kümmerer" nicht, denn das klingt bereits nach einer verlorenen Aufgabe. Wir haben stattdessen eine neue Digital-Coachin, die die Einzelhändler begleitet. Diese Kollegin hilft den Händlern ganz konkret, wie sie Produkte fotografieren und einstellen. Aufgehängt ist das gesamte Projekt in der Abteilung für Wirtschaftsförderung und Tourismus mit zwölf Vollzeitstellen. Von denen kümmern sich sechs im engeren Sinn um City-Marketing, zu dem auch die Lokalhelden zählen. Wenn Sie den Händlern nicht ganz lebenspraktische Unterstützung geben und ein Komplettpaket an Logistik drum herum schaffen, dann ist so ein Projekt von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Das sind nicht unerhebliche Kosten. Wie stemmen Sie die?

Nachdem das Projekt nun angelaufen ist und sich eingeschwungen hat, rechnen wir von der Stadt mit jährlichen Betriebskosten von 250.000 Euro. Als ich 2009 das Amt des Bürgermeisters übernahm, war Monheim hoch verschuldet. Wir haben dann den Gewerbesteuer-Hebesatz auf 250 Punkte verringert und konnten unsere Einnahmen in diesem Bereich verzehnfachen. So können wir mit Standorten wie den Niederlanden oder Belgien konkurrieren, die Unternehmen deutlich weniger besteuern als Kommunen im Landesdurchschnitt von Nordrhein-Westfalen. Inzwischen ziehen wir auch internationale Konzerne an, wie jüngst UPS. Die hatten die Auswahl, ob sie ihre Flugplanung und weitere Abteilungen mit hundert Mitarbeitern nach Brüssel oder in den Speckgürtel von London verlegen, und haben sich am Ende für Monheim entschieden.

Wäre die Senkung der Gewerbesteuer auch für andere strukturschwache Gemeinden in Deutschland ein Konzept, um internationale Firmen anzulocken?

Ich will das jetzt gar nicht als Muster propagieren. Aber in NRW liegt der Gewerbesteuer-Hebesatz der Kommunen durchschnittlich 50 Punkte über dem Bundesdurchschnitt von 400 Punkten. Für die Wettbewerbsfähigkeit der Region wäre es unglaublich wichtig, dass sie da wieder ins bundesweite Mittelfeld zurückkehren.

Wie hat sich dieser wirtschaftliche Boom auf das Leben in Monheim ausgewirkt?

Monheim war früher eine klassische Schlafstadt. 15.500 Einwohner gehen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Als ich Bürgermeister wurde, hatten wir aber nur 11.000 Jobs in der Stadt. Da sind in den letzten zehn Jahren rund 4.500 Arbeitsplätze hinzugekommen. Im Saldo haben wir mittlerweile fast genauso viele Einpendler aus der Umgebung von Köln, Leverkusen und Düsseldorf, wie Monheimer dorthin auspendeln. Und wenn hier mehr Leute arbeiten, kaufen auch mehr vor Ort bei den Einzelhändlern ein. 2001 hatten wir einen Tiefpunkt. Von den 100 Prozent der Kaufkraft, die Monheimern zur Verfügung stand, gaben die Bürger in der Stadt damals nur 59 Prozent aus. Mittlerweile sind wir laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) auf 95 Prozent gestiegen. Das ist wichtig, um wieder eine gesunde Struktur im Einzelhandel hinzubekommen.

Warum ist dazu ein gemeinsamer Online-Marktplatz so entscheidend? Könnten die Händler ihre Waren nicht auch auf den Plattformen von Amazon oder eBay anbieten?

Das ist aus Sicht der Händler nicht fair. Einzeln könnte ein Schuhhändler oder unsere Buchhandlung niemals die nötige Reichweite erzielen, um den Kampf gegen Amazon, Zalando und wie sie alle heißen aufzunehmen. Aber auch der Verkauf auf Amazon oder eBay wäre keine Alternative. Amazon verlangt hohe Gebühren für seine Dienstleistungen und ein kleiner Händler ist dort nur einer unter vielen. Das ist für viele überhaupt kein gangbarer Weg. Durch die Monheimer Lokalhelden schaffen wir stattdessen Waffengleichheit im Online-Geschäft. Zusätzlich können die Händler ihre Stärken im Offline-Handel ausspielen. Ich kann mir Produkte vor Ort ansehen, mich beraten lassen und muss mich bei einer Reklamation mit keiner Hotline rumschlagen.

Wie hat sich das Projekt auf die Umsätze der Händler ausgewirkt? Haben Sie während des Lockdowns weniger gelitten als in anderen Städten ohne digitalen Marktplatz?

Das haben wir noch nicht evaluiert. Händler berichten mir aber, dass da eine neue Gemeinschaft entstanden ist. Die identifizieren sich jetzt deutlich stärker mit dem Standort und haben selbst das Gefühl, Aushängeschild für Monheim zu sein. Diese geistige Verknüpfung ist eine komplett neue Kultur. Das finde ich eigentlich noch wichtiger als die Frage, wer denn jetzt da wie viel Umsatz gemacht hat.

Über das kostenlose WLAN der Stadt können Kunden auch unterwegs im Online-Angebot der Geschäfte vor Ort stöbern.

(Bild: Stadt Monheim)

Wie steht es um die digitale Infrastruktur in Monheim? Haben alle Bürger inzwischen einen Glasfaseranschluss und können in der Stadt ins WLAN?

Wir hatten 2014 angefangen, mit den Stadtwerken ein komplettes Glasfasernetz in der Stadt aufzubauen. Mittlerweile haben 85 Prozent der Haushalte Fiber to the Home (FTTH). Auf diesem Glasfasernetz setzt unser städtisches, kostenloses WLAN auf, das derzeit die Hälfte des Stadtgebiets abdeckt. Wir wollen das weiter ausbauen, sodass man es künftig überall in der Stadt nutzen kann. Wir haben dort lediglich einen Jugendschutzfilter eingebaut und verhindern Videostreaming, damit die Anwender das WLAN nicht für Netflix missbrauchen. Den Anmeldebildschirm des WLANs nutzen wir für Informationen aus der Stadt und als Werbeplattform für unsere städtischen Dienstleistungen, Busbetriebe und Einzelhändler bei den Monheimer Lokalhelden.

Tauschen Sie sich mit anderen Städten und Gemeinden über Ihren digitalen Marktplatz aus?

Das erlebe ich eigentlich selten. Eher bekommen wir Anfragen aus dem Bildungsbereich. Seit vier Jahren statten wir alle Schüler der Stadt ab der 5. Klasse mit einem persönlichen iPad aus, das sie mit nach Hause nehmen dürfen. Die Schulen haben auch die komplette Infrastruktur. Als der erste Lockdown im März startete, haben alle Kinder morgens um 8 Uhr an ihren iPads gesessen und nach normalem Stundenplan Unterricht gemacht. Da fragen andere Kommunen verstärkt nach: Wie macht man das? Wie teuer ist das? Viele Städte haben Medienentwicklungspläne für Schulen. Aber wenn man da nur regelt, dass man in jedem zweiten Klassenraum einen Beamer aufhängt und irgendwelche Rollcontainer mit Laptops in die Flure stellt, dann ist das einfach nicht mehr zeitgemäß.

Ab der 5. Klasse bekommen Schüler in Monheim kostenlose iPads von der Stadt für den digitalen Unterricht.

(Bild: Stadt Monheim)

Hätten Sie die Digitalisierung auch ohne Ihre hohen Steuereinnahmen vorantreiben können?

Natürlich machen die Finanzen es einfacher – auch, um mal was auszuprobieren. Als wir mit den Pilotklassen anfingen, haben wir für zwei Jahrgänge insgesamt über 150 iPads gekauft. Da war der Erfolgsdruck jetzt nicht so wahnsinnig hoch, weil wir gesagt haben: Wir probieren das jetzt einfach mal, wie das geht. Ob die Lehrer mitmachen, neue Konzepte erarbeiten und den Unterricht ändern. Diese Dinge sind natürlich leichter, wenn man die Finanzmittel hat. Aber die Notwendigkeit ist ja unabhängig vom Haushalt immer dieselbe. Ich glaube auch, wenn wir finanziell schlechter dastünden, würden wir genau dieselben Prioritäten setzen und anderswo sparen.

Monheim prescht nicht nur digital, sondern auch bei den Verkehrskonzepten voran. Seit einem Jahr fahren in Ihrer Stadt autonome Busse vom Typ EZ10 des französischen Herstellers Easymile. Wie sind Ihre Erfahrungen bislang?

Die sind gut. Die autonomen Busse sind anfangs von vielen Bürgern belächelt worden. Aber da hat sich mittlerweile die Neugier und das Interesse an der Technik durchgesetzt. Das war keine Spielerei, sondern wir konnten unsere Altstadt, in der keine Linienbusse fahren, zur Innenstadt und zum Busbahnhof anbinden. In einem Jahr hatten wir lediglich einen Auffahrunfall, an dem ein unaufmerksamer Autofahrer Schuld hatte und einen Bus touchierte. Momentan sind wir auf 16 km/h limitiert. Das ist eine Vorgabe des TÜV, um Fahrgäste bei einer Notbremsung zu schützen. Die Technik ist sehr auf Sicherheit getrimmt – eigentlich zu viel Sicherheit. In der nächsten Entwicklungsstufe hoffen wir, dass die Busse sich wie typische Fahrzeuge im Verkehr bewegen.

Seit einem Jahr fahren autonome Busse des französischen Herstellers Easymile in der Altstadt von Monheim.

(Bild: Oliver Berg/dpa)

Was würden sie anderen Bürgermeistern in puncto Digitalisierung raten? Wo sollen sie anfangen?

Tja, wenn man bislang noch gar nichts gemacht hat und Prioritäten setzen müsste, wäre der erste Schritt beim Ausbau der Bildung. Im zweiten Schritt gleichberechtigt Infrastruktur in Form von Glasfaserausbau sowie Wirtschaftsförderung und digitale Angebote für den Einzelhandel. Da muss man dann schauen, mit welchen Dienstleistern aus der Privatwirtschaft man das als Stadt gemeinsam aufbauen kann. Ich bin da ein Freund der Subsidiarität. In kleinen Einheiten kann man solche Dinge am besten regeln und pragmatische Lösungen finden. Wenn man erst das Land oder den Bund für solche Programme einschaltet, wird das immer alles viel zu kompliziert.

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(hag)