Schule digital: Digitalisierung der Bildung – am Scheideweg

Bob Blume ist ein digitalaffiner Lehrer, den die Coronavirus-Krise nicht völlig unvorbereitet traf. Aus seiner Sicht müsste in Schulen nun aber mehr passieren.

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(Bild: Shutterstock/metamorworks)

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  • Bob Blume
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Die Digitalisierung der Bildung wird seit Jahren angemahnt, durch die Coronavirus-Pandemie hat diese Forderung aber eine ganz neue Dringlichkeit erhalten. Damit Kinder nicht davon abhängig sind, wie fit ihre Eltern, Schulträger und Lehrer:innen sind, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine möglichst große Teilhabe schaffen.

Wie sollte die Digitalisierung in unseren Bildungseinrichtungen also umgesetzt werden? Wie ist es bisher gelaufen? Welche Tools und Ausstattungen haben sich schon bewährt, welche dürften und sollten kommen? Und wie könnte die Schule – nach einem großen Digitalisierungsschub – in einigen Jahrzehnten aussehen? Unsere Artikelserie "Schule digital" möchte diese Fragen weiter beleuchten.

Der Tag, an dem in Baden-Württemberg die Schulen schließen sollten und sich der Unterricht in einer Weise ändern würde, die keiner für möglich gehalten hätte, war genauso merkwürdig, wie alles was folgte. In Baden-Württemberg gingen am Montag, den 16. März alle Schülerinnen und Schüler und alle Lehrerinnen und Lehrer wie gewohnt zur Schule. Aber die Stimmung war alles andere als gewöhnlich.

Als Klassenlehrer einer 6. Klasse und als Deutschlehrer weiterer Klassen der Mittel- und Oberstufe war mir klar, dass wir die letzten Stunden vernünftig nutzen müssten. Denn schwieriger als digitaler Fernunterricht ist nur die Erklärung digitalen Fernunterrichts – über digitale Medien und die Ferne. Über die Oberstufe machte ich mir keine Sorgen. Das lag an einer speziellen Vorbereitung und einer simplen Veränderung der Funktionen derjenigen Medien, mit denen die älteren Schülerinnen sowieso schon arbeiteten. Aber dazu später mehr.

Bob Blume

Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium in Bühl und unterrichtet die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte. Neben seiner Arbeit als Lehrer betreibt er einen Youtube-Kanal und einen Blog, in dem er über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen schreibt. Als "Netzlehrer" ist er auf Twitter unterwegs und betreibt auch einen Podcast mit diesem Namen. Nebenher publiziert er für Zeitungen und veröffentlicht Texte in verschiedenen Online-Magazinen – wenn er nicht mit seiner Tochter und seiner Frau das Leben in den Offenburger Weinbergen genießt. Mehr vom Autor: Blog www.bobblume.de, Twitter @blume_bob, Instagram: @Netzlehrer, Podcast "Netzlehrer", Youtube https://www.youtube.com/user/Coymister

Artikelserie "Schule digital"

In der 6.Klasse, in der ich als Deutschlehrer einmal die Woche Medienbildung erteilen soll, blieben mir an diesem Montag zwei Stunden dafür, die nächste Zeit vorzubereiten. Wie geht man damit um?

Die Rahmenbedingungen an unserer Schule sind gut, im Vergleich zu vielen Schulen des Landes, die ich als Lehrer, der mit vielen anderen Lehrpersonen vernetzt ist, kennenlernen durfte; wahrscheinlich muss man sagen: Sehr gut.

Zwar haben wir wenige iPads und zwei von drei Computerräumen sind in militärisch anmutendem Nebeneinander angeordnet. Aber der stets über die Grenzen der Belastbarkeit arbeitende Systemadministrator hatte die wichtigsten digitalen Rahmenbedingungen schon seit einiger Zeit bereit gemacht: Die Nextcloud als Cloudsystem, das lokal gehostet und so datenschutzsicher ist.

Eine Cloud für die Schülerinnen und Schüler und eine für Lehrerinnen und Lehrer. Die Infrastruktur für einen laufenden Betrieb war also gegeben. Und nicht zuletzt auch das Know-How, um diese für die nächsten Monate benötigte Infrastruktur am Laufen zu halten. Dazu hatte eine weitere engagierte Kollegin den Untis-Messenger implementiert. Theoretisch hieß das: Alle Schülerinnen und Schüler konnten miteinander und mit allen Lehrerinnen und Lehrern kommunizieren. Und das sicher und unproblematisch. Theoretisch. Denn bis dato war das System noch nie so ausgelastet gewesen wie einen Tag später, an dem dann auch dementsprechend gar nichts mehr ging.

Und nicht zuletzt hatte wir es geschafft, nach einer produktiven Konferenz am Ende des letzten Schuljahres die Kolleginnen und Kollegen ins Boot zu holen, um einen pädagogischen Tag zum Thema "reflektiertes Lernen im digitalen Wandel" zu gestalten. Dieser etwas sperrige Name ist für das Lernen unter der Bedingung dessen, was der Kulturwissenschaftler Felix Stalder "Kultur der Digitalität" nennt enorm wichtig. Es sollte nicht ausschließlich darum gehen, wie man die Inhalte, die in den Bildungsplänen festgelegt sind, 1:1 überträgt, sondern auch darum, wie die Beschäftigung mit digitalen Lernumgebungen auch für eine produktive Weiterentwicklung des Lernens, also der Schulentwicklung genutzt werden kann.

Aus diesem Grund war schon die Vorbereitung für den pädagogischen Tag mehr als die Organisation motivierender Referenten. Denn obwohl Alexander Fischer vom hiesigen Kreismedienzentrum und der Gewinner des letztjährigen deutschen Lehrerpreises, Sebastian Schmidt, für zusätzlichen Input sorgten, lag die hauptsächliche Verantwortung bei den Kolleginnen und Kollegen. Diese wurden von mir eingewiesen und so vorbereitet, dass sie selbst die Workshops geben konnten. Die Überlegung: Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht einen breiten Kreis derer, die sich die Arbeit mit neuen technischen Möglichkeiten zutrauen.

Zeigt mir die Kollegin aus der eigenen Fachschaft, wie ich meinen Englischunterricht gestalten kann, ist das etwas anderes, als wenn es ein schillernder externer Referent ist. Es funktionierte. Ob Bloggen, die Arbeit mit dem Visualizer oder dem Messenger oder verschiedene Video- und Audioformate – alles konnte probiert werden. Einige Kolleginnen waren so begeistert, dass es sie fast schmerzte sagen zu müssen, dass sie nun leider wieder zurück zum normalen Alltag kommen und bestimmt alles vergessen würden. Zumindest dachten sie das. Es war der 20. Februar 2020.

Etwa einen Monat später stand ich also im "großen Medienraum" und erläuterte den Kindern, wie sie Dateien benennen könnten. Wir hatten zuvor mit Etherpads, jenen auf offener Software beruhenden kollaborativen Textverarbeitungsprogrammen, gearbeitet. Das schien mir eine gute Grundlage. Nun aber dachte ich an das Chaos in so mancher Schultasche und übte zwei Stunden mit den Kindern die Benennung von Dateien. Wäre das geschafft, so dachte ich, würde ich wenigstens die Übersicht bewahren können.