Schule digital: Digitalisierung der Bildung – am Scheideweg

Der Ernstfall

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Aufgrund der Expertise des Administrators und der Betreuerin des Messengers und einer vorausschauenden Schulleitung hatten wir uns schon eine Woche vor den Schulschließungen in kleiner Runde getroffen, um zu überlegen, was die Kolleginnen und die Kollegen brauchen würden, um den Unterricht im Ernstfall weiterführen zu können. Zu diesem Zeitpunkt sprach zwar keiner von allgemeinen Schulschließungen, aber die Schlinge zog sich zu. Es mussten Passwörter verteilt, Kolleginnen und Kollegen in weitere Funktionen eingeführt und Videotutorials erstellt werden. Die ersten Kolleginnen und Kollegen konnten schon nicht mehr kommen, da sie aus Gebieten stammten, die als Risiko eingestuft wurden. Dann kam der nächste Tag und die Schule blieb geschlossen.

Alleine diese Vorgeschichte macht klar, dass wir, wenn es um das Digitale in der Schule geht, zunächst einmal nicht über neue Lernformen und Bedingungen sprechen. Sondern über Rahmenbedingungen, die überhaupt erlauben, von einer digitalen Erweiterung zu sprechen: Coden, Programmieren, Medienbildung, digitales Arbeiten und Lernen – all das, was in dem Strategiepapier der Kultusministerkonferenz seit 2016 eigentlich an deutschen Schulen umgesetzt werden müsste, ergibt nur Sinn, wenn die Infrastruktur es auch hergibt. Und ob dies so ist, ist Zufall. Überall.

W-Lan? Kommt drauf an. Aber meist Zufall. Eine Anbindung an Glasfaser? Kommt drauf an, aber eher nicht. Zufall. Systemadministration: Zufall. Didaktische Konzepte: Zufall. Eine Schulleitung, die voran geht: Zufall. Kolleginnen und Kollegen, die mitziehen. Zufall, zumindest dann, wenn basale Rahmenbedingungen nicht gegeben sind.

Natürlich: Ausreden gibt es viele. Aber der Digitalpakt und damit ein Zuschuss vom Bund, der überhaupt erst einmal für eine gescheite Infrastruktur sorgen sollte, ist noch nicht einmal ein Jahr her – er startete offiziell am 17. Mai 2019. Das Budget, das dort für digitale Technik für ein allgemeinbildendes Gymnasium wie unserem eingeplant war, lag bei ungefähr 25.000 Euro. Der Rest sollte in Leitungen fließen. Von wem diese dann in Stand gesetzt werden würden? Von wem überwacht? Von wem repariert? Zufall, Zufall, Zufall. Mit anderen Worten: Als Corona begann, suchten Lehrerinnen und Lehrer händeringend nach Möglichkeiten, überhaupt mit den Schülerinnen und Schülern kommunizieren zu können. Und das war noch bevor die Medienlandschaft entdeckte, dass Lehrerinnen und Lehrer zwar nicht die Hauptverantwortlichen der Misere waren, sich aber als Sündenböcke für ein Versagen im sogenannten Homeschooling eigneten. Denn dass Lehrerinnen Technikfeinde sein sollten, das konnten sich alle irgendwie gut vorstellen.

Das bedeutet übrigens nicht, dass es keine Lehrerinnen gab, die sich rar gemacht hatten. Aber eben auch nicht, dass ein großer Teil nicht alles versucht hätte, um weiterhin Unterricht zu gewährleisten.

Aber nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer hatten es schwer. Mit Genugtuung stellten einige Lehrerinnen nun fest, dass die Eltern nun wahrnahmen, wie schwierig es ist, "Stoff" zu vermitteln. Und die Eltern stellten gestresst von gleichzeitigem Homeschooling und Home-Office fest, dass sie zu wenig Hilfe bekamen. Das große Aufeinanderzeigen hatte begonnen und ist bis heute noch nicht beendet.

Sehr einfach könnte man das Gelingen eines digitalen Fernunterrichts an den genutzten Begriffen festmachen. Dass sich das, was nach den Schulschließungen folgte, nicht als "Coronaferien" betiteln lassen kann, war allen Beteiligten schnell klar. Aber das darauffolgende "Homeschooling" setzte sich fest, wenngleich es eher an die Praxis jener Eltern erinnert, die ihr Kind dem staatlichen Schulsystem entziehen wollen. Das hatte natürlich einen Grund: Denn wer nicht von den oben skizzierten Zufällen profitierte, dem blieb wenig anderes übrig als PDF-Dateien zu verschicken und zu hoffen, dass diese bearbeitet werden.