Diktatoren wider Willen

Soziale Netze arbeiten mit Häuptlingen, die eigentlich nur ein bisschen Geld verdienen wollten – und nun betreten feststellen, dass sie politische Mächte sind.

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(Bild: Lenka Horavova / Shutterstock.com)

Von
  • Peter Glaser

Scott Abraham muss sich ein wenig gefühlt haben wie Donald Trump, als der von Twitter gesperrt wurde. Am 15. November 1999 verbot ihm Marcine Anderson, Richterin am Bezirksgericht von King County, in einem Urteil, "direkt oder indirekt, persönlich oder durch andere, Beiträge auf der Internetseite rec.skiing.alpine zu schreiben oder darauf zu antworten". Die vermeintliche Internetseite war eine der zahlreichen Newsgroups im Usenet. Bereits vor der Entwicklung des modernen Internets entstanden, ist das Usenet so etwas wie der Urvater der heutigen sozialen Netze.

Der begeisterte Schifahrer Abraham war angeklagt, weitere Teilnehmer der Gesprächsrunde online bedroht zu haben. Abraham war der erste Mensch, dem es per Richterspruch verboten wurde, sich weiterhin in einem Online-Kommunikationsbereich zu äußern, an dem ihm leidenschaftlich gelegen war. Die Wikipedia listet ihn heute unter Usenet Personalities, in der Unterabteilung für Trolls.

Ursprung des ganzen Unmuts war ein Skiausflug gewesen, der im März 1999 über die Newsgroup organisiert wurde und an dem viele der Hauptakteure in diesem Prozess teilnahmen. Die Probleme hatten begonnen, als eine Frau, der Abraham Liftkarten geschenkt hatte, diese an andere weitergab, die Abraham aber nicht mochte, so Jim Biesterfeld, ein in Los Angeles ansässiger Privatdetektiv, der von David Hobbs aus Seattle, einem der Teilnehmer der Kommunikationskatastrophe, engagiert worden war. "Scott Abraham hat mich seit März '99 kontinuierlich belästigt", schrieb Hobbs in seiner Einlassung an das Gericht. "Er hat meinen früheren Arbeitgeber kontaktiert und ihm abfällige Dinge über mich erzählt, was mich meinen Job gekostet hat." Biesterfeld habe Abraham angerufen, um die Wogen zu glätten und ihm eine Entschuldigung angeboten, die der jedoch abwies. Abraham habe ausgeführt, er werde nie aufhören, Hobbs zu terrorisieren "Ich will", schrieb Hobbs" "dass er mich in Ruhe lässt."

"Ich habe keine dieser Personen bedroht", entgegnete der Beschuldigte. "Alles, was ich getan habe, war, auf Drohungen zu reagieren und zu sagen, dass ich durchaus in der Lage bin, mich zu verteidigen." Abraham, 37, räumte ein, dass er bereits 10 Jahre zuvor wegen Belästigung verurteilt worden war, dies sei jedoch geschehen, als er "praktizierender Alkoholiker" war und dass er jetzt in einer Reha sei.

Zu den Kritikern des Urteils gehörte die Rechtswissenschaftlerin Margaret Chon von der Universität Seattle, die in dem Urteil eine Einschränkung der Redefreiheit sah, der im Ersten Zusatz zur US-Verfassung ein besonderer Rang zugemessen wird. Auch wenn Free Speech kein absolutes Recht sei und es auch keine diffamierende oder belästigende Rede schützt, schien ihr das Urteil zu weit gefaßt, "denn es sagt nicht, dass er keine bedrohlichen Äußerungen posten darf, sondern dass er überhaupt keine Äußerungen mehr posten darf. … So etwas habe ich noch nie gehört."

Im Unterschied zu den sozialen Netzen der Gegenwart war das Usenet ein Gemeinschaftsprojekt. Jeder Netzwerkadministrator konnte entscheiden, welche der zahllosen Newsgroups er übernehmen und weiterverteilen wollte. Grobe Regelverletzungen oder die Leute mit massenhaft Spam zu pesten, konnten sogar zu einer Online-Todesstrafe führen, der Usenet Death Penalty. Löschbots eilten daraufhin durchs Netz, um alle Nachrichten des Delinquenten zu desintegrieren. Über die Verhängung einer solchen Stummschaltung entschied eine Handvoll Administratoren, die für den Betrieb der größten Server zuständig waren – eine zwar zwar pragmatische, aber auch nicht wirklich demokratische Lösung.

Seit mehr als 40 Jahren befassen sich also Menschen mit den speziellen Problemen der Online-Kommunikation wie mangelnder Affektbezähmung und haben auch sinnreiche Lösungen gefunden, etwa moderierte Diskussionsgruppen oder FAQs, die beide im Usenet ihren Anfang genommen haben. Mit dem Aufkommen der privatwirtschaftlich fundierten sogenannten sozialen Netze zu Anfang des neuen Jahrtausends verwahrloste diese Kultur der Selbstregulation zugunsten einer aus Kostengründen möglichst mitarbeiterlosen Firmenkultur. Facebook ist ein algorithmisch beaufsichtigter Erwachsenenkindergarten, die Folgen werden nach und nach deutlich. So wie in der Bahn die Mülleimer abmontiert wurden, damit die Leute ihren Müll selbst mitnehmen, gibt es auf Facebook, Twitter etc. eine schwammige Hausordnung, die nicht überwacht wird, stattdessen die Aufforderung zur Denunziation, die oft noch in Multiple-Choice-Form abgeklickt werden soll, in der das eigentliche Problem garnicht vorkommt.

Dass die dominierenden sozialen Netze keineswegs der romantischen Vorstellung einer neuen Öffentlichkeit entsprechen, kriegt nun auch die politische Elite langsam mit. Facebook, Twitter und Youtube sind Privatunternehmen, in den von ihnen angebotenen Kommunikationsdiensten gilt Hausrecht. Wie in einer Kneipe kann der Betreiber mich jederzeit vor die Tür setzen, wenn seinem Algorithmuswachhund meine Nase nicht passt. Anders als in einer Kneipe verliere ich bei einem Rauswurf aus Facebook oder Twitter womöglich einen maßgeblichen Teil meiner in Jahren herangewachsenen digitalen Identität. Menschen wie der glücklicherweise nur noch ein paar Tage amtierende US-Präsident Trump werden natürlich nicht algorithmisch abserviert wie Otto Normal-User. Hier trifft schon der Chef persönlich die Entscheidung. Dass solche unternehmerischen Entscheidungen inzwischen gesellschaftspolitischen Charakter haben, findet nun auch Angela Merkel "problematisch". Auch Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire befand, dass derartige Entscheidungen nicht den Digitalunternehmen selbst überlassen werden dürften.

Eigentlich möchten die Anführer der digitalen Welt gern von den lästigen und arbeitsaufwendigen Nutzern möglichst in Ruhe gelassen werden, ebenso mit Verantwortung für horrible Inhalte, die in ihren Systemen nicht nur technisch transportiert werden, sondern oft überhaupt erst entstehen, weil es diese technische Möglichkeit gibt. Zuckerberg und seine Kollegen, die Ärmsten, sind Diktatoren wider Willen.

(bsc)