Dossier: Der GAU in Japan und die Debatte um die Kernenergie

Texte zur aktuellen Lage in Fukushima I, zur Atomkraft in Japan, zur politischen Debatte um Atomkraft, neue Reaktor-Konzepte, zur alten Frage nach der Sicherheit von AKWs, zur militärischen Nutzung von Reaktoren und zum Entsorgungsproblem.

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  • Niels Boeing

Seit dem atomaren GAU in Japan ist die Zukunft der Kernenergie offener denn je: Fällt die "Renaissance der Kernkraft" aus, bevor sie richtig begonnen hat? Oder ist sie im Namen des Klimaschutzes doch unverzichtbar? Das TR-Dossier gibt einen Überblick über Atomkraft in Japan, die Debatte der vergangenen Jahre, neue Reaktor-Konzepte, die alte Frage nach der Sicherheit von AKWs und das Entsorgungsproblem.

"Der Alptraum von Fukushima" rekonstruiert den Unfall anhand der verfügbaren Informationen: das Versagen der Notkühlung, partielle Kernschmelze und Wasserstoffexplosionen und neue Probleme mit den Abklingbecken. Die Ereignisse werden außerdem in fortlaufenden Chronologie festgehalten. Letztes Update: 21.4.2011.

Lesen in den Isotopen: Spaltprodukte aus dem AKW Fukushima I finden sich inzwischen in aller Welt und erlauben Forschern neue Einblicke in den GAU in Fernost. Die ersten Erkenntnisse dürften vor allem für die US-Nuklearindustrie folgen haben.

Im Beitrag "15 Meiler um eine Stadt" berichtet TR-Autor Martin Kölling direkt aus Japan. Atomingenieure in Tsuruga, der Stadt mit der höchsten Reaktorendichte der Welt, gruseln sich vor dem GAU in Fukushima.

Die unsichtbare Gefahr erklärt, was die erhöhten Strahlungswerte im AKW Fukushima I und in der Umgebung bedeuten.

"Es wird praktisch permanent Radioaktivität freigesetzt": Im Interview mit TR erläutert Michael Sailer, Mitglied der Reaktorsicherheitskommission der Bundesregierung, seine Einschätzung der Lage in Fukushima.

TR-Autor Martin Kölling hat Ehrgeiz und Tücken des japanischen Atomkraft-Programms in den vergangenen Jahren in mehreren Stücken nachgezeichnet:

"Atomares Roulette" (27.7.2010) – prophetische Worte: Der japanische Seismologe Katsuhiko Ishibashi von der Universität Kobe bezweifelt im TR-Gespräch die Erdbebensicherheit japanischer AKWs.

Nuklearer Klimaschutz (31.3.2010) – die japanische Politik koppelt ihre Klimapolitik an den Ausbau der Kernkraft.

Unfertig ausgebrütet (24.3.2010) – Japans Schneller Brüter Monju soll nach 15 Jahren Stillstand wieder ans Netz.

Rauchzeichen über Japans Atomprogramm (18.7.2007) – das Niigata-Erdbeben offenbart, wie gefährdet Japans AKWs wirklich sind.

"Unmöglich ist nur ein Mangel an Fantasie" (10.7.2007) – Kiyoshi Kurokawa, Wissenschaftsberater der japanischen Regierung, stellt im TR-Gespräch die Bedeutung der Atomkraft für die Senkung der CO2-Emissionen in Frage.

Bis Anfang 2007 schien der von Rot-Grün beschlossene Atom-Ausstieg unantastbar: Doch dann schockierte der Internationale Klimarat IPCC in seinem vierten Bericht mit der Botschaft, der Klimawandel schreite schneller als gedacht fort, drastische CO2-Emissionssenkungen müssten sofort angepackt werden. Spätestens seitdem wird darüber gestritten, ob die Kernenergie für den Klimaschutz unverzichtbar ist – oder ob technische und finanzielle Risiken schwerer wiegen als eingesparte Emissionen.

"Rein ökonomisch kann man darüber nur den Kopf schütteln": Ökonom Reimund Schwarze vom Climate Service Center Germany über die versteckten Kosten der Atomkraft – und die Frage, ob sie sich als Brückentechnik rechnet.

Atomstrom, ja bitte! (24.3.2011) Wenige Tage nach dem Erdbeben in Japan hatte die Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima sogar den Atomstrommeister Frankreich kurz aufgeschreckt. Doch die Aufregung währte nicht lange.

"Mit Kernenergie erreichen wir das Ziel schneller" (1.6.2010) – François Nguyen, Experte für globale Energiewirtschaft, betont im TR-Gespräch, dass nur Atomkraft den CO2-freien Grundlaststrom produzieren könne, der für die Energiewende nötig sei.

"Uranreichweiten von über 200 Jahren" (12.10.2007) – Walter Hohlefelder, damaliger Präsident des Deutschen Atomforums, hält angesichts der neuen Klimawandel-Prognosen eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten für unumgänglich und betont, deutsche AKWs seien sicher und hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit im Betrieb international führend.

"Die Kernenergie wird nicht viel zum Klimaschutz beitragen können" (20.7.2007) – Michael Sailer, Nuklear-Experte am Öko-Institut und Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommision, weist darauf hin, dass die Sicherheitskonzepte von AKWs nicht mehr auf dem Stand der Technik sind und ein weltweiter Ausbau der Kernenergie nicht finanzierbar ist.

Zweimal rechnen (20.12.2006) – der Baubeginn des Europäischen Druckwasserreaktors in Finnland und die Nuklear-Initiative des damaligen US-Präsidenen George W. Bush kündigen eine Rückbesinnung auf die Kernenergie an, obwohl die bekannten Probleme ungelöst sind.

"An der Grenze der technischen Sicherheit" (30.8.2006) – der Risikoforscher Ortwin Renn erklärt nach dem Störfall im schwedischen AKW Bärsebäck im TR-Gespräch, warum Risikoanalysen auch von Kernkraftwerken nie alle Szenarien restlos erfassen können.

"Atomkraft zur Meerwasserentsalzung" (11.11.2005) – Anne Lauvergeon, die Vorstandsvorsitzende des französischen Reaktorherstellers Areva, nimmt mit ihrem Verweis auf CO2-freien Atomstrom die später auch in Deutschland aufflammende Debatte bereits vorweg.

Auch wenn in der Bundesrepublik die Kerntechnik lange stagnierte, ging die Entwicklung neuer Reaktorkonzepte weiter. Und wie lange ältere Meiler wirklich laufen können, ist ebenfalls noch nicht ausgemacht.

Laufzeit 80 Jahre? (23.12.2010) – ein EU-Forschungsprojekt soll untersuchen, ob deutsche Kernkraftwerke auch bis zu 80 Jahre lang laufen könnten.

Sanfter Brüter (2.10.2009) – die Firma Intellectual Ventures hat einen Reaktortyp konstruiert, der vielen Betriebsrisiken der Kernenergie aus dem Weg gehen soll.

Das AKW aus der Fabrik (19.6.2009) – inmitten der Debatte über die Zukunft der Energieversorgung wartet der Reaktorhersteller Babcock and Wilcox mit einer Neuentwicklung auf, die den Ruf nach einer „Renaissance der Kernenergie“ verstärken könnte.

Sichere Atomkraft für den Nahen Osten (19.6.2009) – eine Forschungsgemeinschaft aus MIT und dem Masdar Institute in den Vereinigten Arabischen Emiraten arbeitet an neuartigen Atomreaktoren, die das Risiko einer nuklearen Proliferation stark reduzieren sollen.

Atomkraft, etwas sauberer (11.12.2007) – Senatoren aus mehreren westlichen Bundesstaaten der USA, darunter Orrin Hatch aus Utah und Mehrheitsführer Harry Reid aus Nevada, arbeiten an einem Gesetz, um die Verwendung von Thorium im Nuklearbereich voranzutreiben.

Atomstrom für die Dritte Welt (9.3.2007) – mit Reaktoren der dritten und vierten Generation könnten künftig auch ärmere Länder Atomstrom produzieren.

Atomkraft - Ja bitte? (25.11.2003) – internationale Forscher arbeiten an Kernkraftwerken, mit denen das Risiko schwerer Unfälle dramatisch sinken und sogar das Müllproblem gelöst werden soll. Bei ihrer Lobby-Arbeit setzen sie auf die Vision einer umweltfreundlichen Wasserstoff-Wirtschaft.

Abriss als Exporthit (7.7.2009) – der Rückbau des Atomkraftwerks Greifswald ist das weltweit größte Abrissprojekt dieser Art und ein Kompetenzsprung für einen internationalen Markt.

"Wir haben die Abfälle ohnehin am Hals" (12.11.2008) – Michael Sailer, seit Juni 2008 Vorsitzender der Entsorgungskommission, die das Bundesumweltministerium wissenschaftlich berät, im TR-Gespräch über das Dilemma atomarer Endlagerung.

Es gibt noch genügend Forschungsbedarf bei der Endlagerung (9.11.2007) – An der TU Clausthal ging in dieser Woche das erste deutsche Institut an den Start, das sich allein mit der Endlagerung chemotoxischer und nuklearer Abfälle beschäftigt. Technology Review sprach mit dem Leiter, Professor Kurt Mengel.

Mit Neutrinos auf der Jagd nach Superschurken: Französische Wissenschaftler haben vorgeschlagen, im Geheimen betriebene Atomreaktoren mit Hilfe von riesigen Antineutrino-Detektoren zu orten. Die Idee ist mehr als reine Phantasterei.

Mülltrennung für Reaktoren: GE Hitachi Nuclear Energy will mit einem neuen Wiederaufbereitungsverfahren sowohl den Atommüll als auch das Sicherheitsrisiko Plutonium deutlich reduzieren.

Die Bombe im Rucksack: Nach der Konferenz für Nuklearsicherheit in Washington ist der nukleare Terrorismus wieder zum Topthema geworden. Doch wie gefährlich sind so genannte schmutzige Bomben wirklich? Und wie groß ist die Gefahr, dass atomares Material gestohlen wird?

Problem aus der Hölle: Nukleare Forensik soll dabei helfen, atomare Terroranschläge zu verhindern. (nbo)