E-Auto auf dem Land: Die soziale Komponente – Teil 9

Alternativ zu Hund oder Kindern empfiehlt TR-Redakteurin Jo Schilling ein Elektroauto, um schnell mit fremden Menschen in Kontakt zu kommen.

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E-Auto auf dem Land: Die soziale Komponente

(Bild: Nissan)

Von
  • Jo Schilling
E-Auto auf dem Land

(Bild: 

Nissan

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TR-Redakteurin Jo Schilling wohnt auf dem Land – so richtig "Land". Ein E-Auto scheint sich dort nicht so recht anzubieten, dennoch wagt sie das Experiment. Sie nimmt teil am Forschungsprojekt "i-rEzEPT". Zwei Fraunhofer-Institute, Bosch und Nissan wollen dabei untersuchen, wie gut sich ein Elektroauto als Batteriespeicher für die Solaranlage auf dem heimischen Dach eignet. Hier berichtet sie über ihre Erfahrungen – von der Installation der Anlage bis zum bidirektionalen Laden.

Nun fahren wir seit einiger Zeit Stromer und haben uns schnell daran gewöhnt, dass das Auto mehr Aufmerksamkeit erfordert als ein Verbrenner. Ihn bei der Ankunft zu Hause – übrigens bis heute noch ohne Wallbox – an den Strom zu hängen, ging schnell in Fleisch und Blut über. Auch die Planung, welche Strecken in den nächsten Tagen zu fahren sind und welche davon am besten für den Stromer geeignet sind, ist inzwischen selbstverständlich. Selbst gegenüber Strecken, die Zwischenladen erfordern, haben wir unsere Hemmungen überwunden – aber davon in einem späteren Blog. Auch auf den langen Pendelfahrten zur Arbeit hat er sich sehr bewährt und sollte irgendwann tatsächlich das eigentliche Forschungsprojekt i-Rezept starten und wir eine Wallbox in der Garage hängen haben, wird es sicher noch unkomplizierter, weil er dann nicht mehr über 20 Stunden laden muss, bis er voll ist, wenn ich von der Arbeit zurück komme.

In die E-Mobilität gestartet bin ich mit Neugier, ganz bewusst, ohne mir Wissen anzueignen (ein Auto ist für mich ein Fortbewegungsmittel und weder Kultobjekt noch Spielzeug) und mit der leisen Hoffnung, dass es einfach funktioniert, statt mit Sprit mit Strom zu fahren. Die Hoffnung hat sich erfüllt, aber einen Faktor habe ich stark unterschätzt: die soziale Komponente, die das E-Auto in unser Leben bringt.

Meine ganz klare Empfehlung: Wenn Sie gerne mehr Sozialkontakte hätten, sich aber weder mit dem Gedanken an Kinder noch an Hunde anfreunden können, um mit völlig Fremden ins Gespräch zu kommen – ein Stromer ist nicht ganz so gut wie Kinder oder Hunde, hilft aber auch schon. (Und man muss nicht zu Elternabenden…)

Nun schreit unser Leaf durch riesige Aufkleber auf den Türen natürlich nach Aufmerksamkeit und damit kann man sehr gut nicht repräsentative, lokal begrenzte, nonverbale Meinungsumfragen zu Stromern durchführen: langsam fahren und die Gesichter der Passanten studieren. Das zeigt deutlich eine offenkundig gespaltene Einstellung der Bevölkerung gegenüber Stromern. Es ist alles dabei: offen zur Schau gestellte Abneigung und strahlende Freude, manchmal sogar mit Winken. (Erstaunlicherweise zeigt sich hier – ich betone erneut: natürlich nicht repräsentativ und auch in keiner Weise statistisch belastbar – eher ein Strahlen bei den Frauen und grimmige Ablehnung bei den Männern.)

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Unter Gleichgesinnten befindet man sich natürlich an Ladesäulen und da der Strom nicht so flott in die Batterie strömt, wie der Sprit in den Tank, ist hier durchaus Zeit für einen Plausch. Als wir mit der Familie kürzlich (noch vor der Corona-Zeit) in der Stadt waren, wurden wir fröhlich von einer anderen Familie gegrüßt. Wir wechselten ein paar freundliche Worte miteinander, wünschten einen schönen Abend und ich wollte anschließend wissen, wen wir denn da gerade getroffen hätten – nette Leute, aber mir völlig unbekannt. Mein Mann erzählte, er habe letzte Woche unterwegs zufällig eine kostenlose Ladesäule gesehen und da er noch eine halbe Stunde bis zum nächsten Termin Zeit hatte, hat er die Gelegenheit genutzt, den Stromer ein bisschen zu tanken. Der andere Familienvater sei eine Ladesäulenbekanntschaft. Man habe gemeinsam geladen und sich über die Stromer-Erfahrungen ausgetauscht.

Oder fahren Sie mal mit einem E-Auto auf eine Tankstelle. So geschehen, als unser Rasenmäher Sprit brauchte. Witzig.

Neben diesen ganzen flüchtigen Lächlern, kurzen Bemerkungen, netten unverbindlichen Plaudereien, die das Fahren eines Stromers durchaus amüsant machen, kommen noch die echt Interessierten. Am Wochenende zum Bäcker zu gehen, war in den ersten Stromer-Wochen ein zeitaufwändiges Unterfangen. Viele flüchtige Bekannte, deren Namen wir kennen, mit denen wir uns immer freundlich grüßen, jedoch nie unterhalten – die typische "man-kennt-sich"-Fraktion – fassen sich in der Bäckerschlange oder auch einfach auf dem Fußweg ein Herz und fragen nach dem Stromer: Wie ist denn das so? Ihr habt jetzt Solar auf dem Dach – lohnt sich das? Ist ein E-Auto hier nicht Quatsch? Wie lädt man das Ding und wie lange? Was braucht man denn da alles? Ich habe gehört, die machen Spaß…? Kann ich mal rumkommen, gucken?


Wie es weitergeht, lesen Sie am nächsten Dienstag, 23.6., an dieser Stelle.

(jle)