E-Scooter sind nicht klimafreundlich

Ein Blick auf die Langzeitbilanz der elektrischen Tretroller zeigt, dass sie mehr CO2 generieren, als bislang angenommen.

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E-Scooter sind nicht klimafreundlich

(Bild: Bird / TR)

Von
  • James Temple

Der E-Scooter-Anbieter Bird behauptet, seine elektrischen Tretroller, die man überall abstellen darf, erlaubten den Kunden "dem Stau zu entkommen und CO2 zu reduzieren – mit jeder Fahrt". Der Konkurrent Lime meint wiederum, seine Fahrzeuge reduzierten "die Abhängigkeit der Menschen von einem eigenen Auto für kurze Distanzen und sorgen dafür, dass zukünftige Generationen auf einem saubereren, gesünderen Planeten" leben werden.

Doch die schlichte Tatsache, dass die Akku-betriebenen Tretroller keinen Auspuff haben, aus dem Abgase kommen, bedeutet noch lange nicht, dass sie "emissionsfrei" und "ökofreundlich" sind, wie vielfach behauptet wird. Die tatsächlichen Klimaauswirkungen der Fahrzeuge hängen stark davon ab, wie sie hergestellt werden, was sie ersetzen und wie lange sie überhaupt im Einsatz sind.

Deshalb haben Forscher an der North Carolina State University nun ein "Life-Cycle Assessment" der E-Scooter durchgeführt, bei dem alle Emissionen einberechnet werden, die bei Herstellung, Transport, Laden, Einsammeln und Entsorgung der Fahrzeuge entsteht. Die Behauptung, die auf der Quittung des Lime-Scooters steht, dass diese Fahrt "kohlenstofffrei" gewesen sei, lässt sich so leider nicht bestätigen.

Die Studie kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass E-Scooter, die man überall abstellen kann ("Dockless" nennt die Branche das), mehr Treibhausgasemissionen pro zurückgelegter US-Meile erzeugen als ein normaler Dieselbus mit hohem Auslastungsgrad. Auch elektrische Mopeds, E-Bikes, normale Fahrräder und (natürlich) das ganz normale Zufußgehen kommen besser weg.

Die Studie kam weiterhin zu dem Schluss, dass die Scooter bis zur die Hälfte der Emissionen eines Standardautos verbrauchen, rund 200 Gramm CO2 pro Meile im Vergleich zu gut 415 beim Verbrenner. Das Problem: Bei einer Umfrage unter E-Scooter-Nutzern in Raleigh, North Carolina, kam heraus, dass nur 34 Prozent von ihnen statt des Tretrollers das eigene Auto oder einen Ride-Sharing-Dienst wie Uber verwendet hätten. Die meisten wären früher per pedes oder mit dem Rad unterwegs gewesen. 11 Prozent hätten den Bus genommen und 7 Prozent wären gar zuhause geblieben.

Im Endergebnis heißt das: In gut zwei Dritteln aller Fälle generieren E-Scooter mehr Klimagase als ihre Alternativen. Und diese erhöhten Emissionen sind größer als diejenigen, die durch unterlassene Autofahrten eingespart wurden, wie Jeremiah Johnson, Professor für Ingenieurwissenschaften und einer der Autoren der Studie, erläutert.

Der Strom, der zum Laden der Fahrzeuge verwendet wird, ist dabei noch der geringste Beitrag zu den CO2-Emissionen. Gut die Hälfte stammt von den verwendeten Rohstoffen und dem Herstellungsprozess, den die Forscher zurückverfolgten, indem sie den von Xiaomi hergestellten M365-Scooter auseinander bauten, den Lime und Bird einsetzen.

Dabei wurde jedes Bauteil gewogen – inklusive Alu-Rahmen, Stahlteile, Lithium-Ionen-Akku und elektrischem Motor. Dann wurde auf Daten früherer Peer-Review-Studien zurückgegriffen, um zu errechnen, welche Umwelteinflüsse die jeweiligen Teile haben – vom Abbau der Rohstoffe bis zum Zusammenbau.

Wie schwer diese Emissionen wiegen, hängt jedoch stark davon ab, wie lange die E-Scooter im Einsatz bleiben können, bevor sie weggeworfen (und hoffentlich recycelt) werden. Die theoretische Lebensdauer von gut zwei Jahren wird jedoch extrem selten erreicht, denn die Nutzer (und Nichtnutzer) behandeln die Tretroller eher schlecht.

Sie landen im Wasser, werden auf Dächer geworfen, in Brand gesteckt, überfahren und bei Stuntaktionen zerstört. Reinigungskräfte im kalifornischen Oakland sollen in nur einem einzigen Monat 60 E-Scooter aus dem See Lake Merritt gefischt haben.

Eine Analyse frei verfügbarer Daten zur Startflotte von Bird in Louisville, Kentucky, die das Magazin "Quartz" durchführte, kam zu dem Schluss, dass die Scooter im Schnitt nur 28,8 Tage halten. Bird selbst bestätigt dies in eigenen Unterlagen für Investoren, wo zu lesen war, dass die Fahrzeuge nur ein oder zwei Monate im Einsatz bleiben können.

Ein anderes Emissionsproblem besteht in der Tatsache, dass die E-Scooter-Flotte "gemanagt" werden muss. Ein nicht geringer Teil des CO2-Ausstoßes entstehen dadurch, dass Firmen wie Bird eine Flotte von Fahrzeugen betreiben muss, die die Tretroller einsammelt und zu Ladestützpunkten müssen. Frisch geladen, müssen sie zudem zurück auf die Straße. Im Fall von Raleigh macht dies 43 Prozent der Gesamtemissionen aus.

Lime veröffentlichte Ende letzten Jahres ein Statement zu seinem ökologischen Fingerabdruck, in dem das Unternehmen sich verpflichtete, die Emissionen durch seine E-Scooter und Einsammelfahrzeuge auszugleichen. Dazu wolle man sauberen Strom einkaufen, in erneuerbare Energieformen investieren sowie sich an Carbon-Offset-Projekten beteiligen.

Lime "begrüßt" laut eigenen Aussagen wissenschaftliche Untersuchungen zu den "ökologischen Vorteilen neuer Mobilitätsoptionen". Diese aktuelle Studie basiere jedoch auf "Annahmen" und verfüge nur über "unvollständige Daten", die eine "hohe Schwankungsbreite der Ergebnisse" hervorrufe. Die "Mikromobilität", die Lime anbiete, reduziere Verschmutzung und mildere den Klimawandel durch "saubere und effiziente Verkehrsarten". Man mache zudem "große Fortschritte bei Technik und Umsetzung, um zu einer nachhaltigeren Firma zu werden".

Das Problem: Die Studie aus North Carolina ist bei weitem nicht die einzige, die zum Schluss kommt, dass die E-Scooter die Probleme eher schlimmer machen. In Portland fand das Bureau of Transportation heraus, dass nur 34 Prozent der Nutzer zum E-Scooter greifen, statt Auto, Ride-Sharing-Dienste oder Taxen zu verwenden. Lime selbst gibt an, dass rund "eine von drei Fahrten" einen Trip mit dem Auto ersetzt – untersucht wurde das über 26 Städte.

Mehr Infos

Etwas bessere Ergebnisse für die E-Scooter-Industrie zeigt eine Untersuchung der Rhodium Group. Sie glaubt an 28 Gramm CO2 pro Meile, geht allerdings von anderen Annahmen aus. So denken die Forscher nicht, dass die E-Scooter jede Nacht eingesammelt und geladen werden, was allerdings normale Praxis ist. Zudem glauben die Rhodium-Experten, dass die Fahrzeuge so lange halten wie ihre Akkulebensdauer, doch das ist wohl unangemessen, wenn man sich den üblichen Vandalismus und die Abnutzung ansieht. Hannah Pitt, Analystin der Rhodium Group, räumt das ein. Dennoch wäre sie "geschockt, wenn die E-Scooter-Emissionen wirklich bei der Hälfte der von Autos" lägen.

Immerhin gibt es Wege, wie die E-Scooter-Start-ups gegenhalten können. Dazu gehört der Einsatz elektrischer Fahrzeuge beim Einsammeln (oder zumindest effizienterer Verbrenner), die Reduktion der notwendigen Wege bis zur Ladestation oder das alleinige Einsammeln von E-Scootern mit zu wenig Strom. Weiterhin müssten mehr Recyclingmaterialien beim Bau der Tretroller verwendet werden.

Am wichtigsten sei aber, so die North-Carolina-Forscher, dass die E-Scooter länger halten. Würden sie zwei Jahre statt weniger Monate genutzt, würde diese die Emissionen pro Kilometer um rund 30 Prozent senken – und die E-Scooter in bis zu 96 Prozent der Fälle zu einer saubereren Verkehrsoption machen. Doch leider liegt dies nicht an den Firmen selbst, sondern am Stadtraum und den Menschen, die in ihm leben. Dass die E-Scooter – wie etwa in Berlin – völlig wild geparkt werden, macht sie nicht beliebter.

Menschen, die klimafreundlich agieren wollen, bleibt jedoch eine simple Alternative: Einfach mal wieder öfter die Beine in die Hand nehmen.

(bsc)