Ein Kitt für alle Fälle

Eine irische Designerin hat fast im Alleingang eine ganz neue Materialklasse geschaffen: die Kleb-Knet-Dicht-Modelliermasse.

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Von
  • Anwen Roberts

Eine irische Designerin hat fast im Alleingang eine ganz neue Materialklasse geschaffen: die Kleb-Knet-Dicht-Modelliermasse.

Wie zum Beweis, dass ihr Wundermittel selbst die Schwerkraft ein bisschen leichter macht, lässt Jane Ní Dhulchaointigh ihr iPhone aus Schulterhöhe auf den Boden krachen. Die Besitzerin nickt zufrieden, das Edeltelefon hat nicht einen Kratzer abbekommen. Alle vier Ecken des aalglatten Geräts sind mit griffigen Polsterungen aus "Sugru" versehen – einem neuen Silikongummi-Gemisch, das die irische Designerin selbst entwickelt hat.

Frisch ausgepackt sieht Sugru aus wie buntes Lakritz, riecht wie Spachtelmasse, lässt sich formen wie Knetgummi und haftet wie Klebstoff. Es härtet an der Luft spülmaschinenfest aus, bleibt aber dauerelastisch. Ebenso vielseitig wie die Eigenschaften sind auch die Anwendungsmöglichkeiten von Sugru: Die patente Paste soll Mängel und Schönheitsfehler von Gebrauchsgegenständen beheben – etwa die Gummifüßchen des Laptops ersetzen, die irgendwann abfallen; oder die brüchigen Kunststoffschellen um die Gelenke von Wäscheständern, die regelmäßig schellenlos auf dem Sperrmüll landen; oder die ewig ausreißenden Stöpsel von Plastik-Flip-Flops, die biegsamen Ummantelungen der iPod-Kopfhörer: All jenen Macken bereitet Sugru ein buntes Ende.

Für Neo-Heimwerker, die lieber reparieren als nachkaufen, muss Sugru der Stoff ihrer Träume sein. Und tatsächlich füllt sich die Sugru-Webseite allmählich mit eingesendeten Fotos ausgebesserter Herdplatten, Kugelschreiber, Türknäufe und Fahrradlenker. Sugru wird dadurch nebenbei zum Farbmarker für Konstruktionsfehler. Wenn immer wieder dieselben Stellen mit leuchtend bunten Sugru-Klecksen ausgebessert werden, ist das auch ein Signal an Hersteller und Kunden, wo sich Schwachstellen verbergen.

Die Idee zu Sugru kam der heute 31-jährigen Ní Dhulchaointigh während ihres Designstudiums in London. Da-mals testete sie für ihre Bildhauerarbeit verschiedene Silikone und Gussmassen. Schnell fand sie sich auf der Suche nach der idealen Modelliermasse wieder. Und stellte fest: Es gab sie nicht. Was klebt, ist entweder nicht wie Knetgummi formbar oder aber steinhart und unansehnlich wie Epoxidharz, das bei hohen Temperaturen aushärten muss und fast nur industriell genutzt wird.

Kurzerhand beschloss die damalige Studentin, den Kitt ihrer Träume selbst herzustellen. Von der Idee bis zum fertigen Supersilikon dauerte es dann sechs Jahre. Denn zunächst musste sie der ihr fremden Welt der Materialentwickler näherkommen. Dazu habe sie sich "mit der gesamten britischen Klebstoffindustrie angefreundet", bei Fachtagungen gelernt und gelauscht, erzählt Ní Dhulchaointigh. Doch die großen Firmen arbeiteten ihrer Erfahrung nach eher daran, ihre Produktlinien zu reduzieren. Innovationen: Fehlanzeige.

Also wollte sie es selber machen. Zwei Jahre lang klapperte sie im Alleingang potenzielle Investoren ab, leistete bei "wohlhabenden Mittfünfzigern, die nichts selber reparieren", Überzeugungsarbeit für eine Reparaturpaste. 2006 hatte sie genug Geld eingeworben, dass sie zwei Materialforscher mit ins Boot holen konnte, Ian Moss und Stephen Westall, ehemalige Mitarbeiter des US-Silikonriesen Dow Corning. "Ich glaube, ich brauche ein Silikon", sagte sie den beiden. Das reichte. Diese kannten zwar nichts, was den Vorstellungen der Irin entsprach, hielten die kühne Idee aber für kein totales Hirngespinst. Die Fachmänner kümmerten sich um das richtige Stoffgemisch, während Jane sich an das Marketingkonzept machte: Zig Geschäftsmodelle habe sie durchdacht und verworfen. Ihr sei dabei klar geworden, dass sie sich direkt an Verbraucher richten, ein Universalmaterial "für daheim" schaffen wollte.

Heute hält ihr Londoner Unternehmen "FormFormForm" mehrere internationale Patente, hat sechs feste Mitarbeiter, eine erste bereits ausverkaufte Ladung Sugru am Markt und eine zweite größere Menge in Produktion. Zwischen beiden Chargen hat die Firma den Wechsel von der Garagen- zur Großproduktion gemeistert. Gerade wurden die Misch- und Abfüllanlagen an den Produktionsstätten im Norden Londons und Sussex ausgebaut – die Kapazität stieg von 5 auf 200 Liter pro Tag.

Zum Instant-Erfolg beigetragen haben Artikel auf dem beliebten Techblog BoingBoing und im Magazin "Wired", von da an lief die Marketingmaschinerie, als sei sie selbst mit Sugru geschmiert. Schnell waren die ersten 3000 Päckchen vergriffen. Nun wartet eine wachsende Fangemeinde auf die zweite Lieferung, die dieser Tage über die Firmen-Webseite erhältlich sein wird: verschweißte silberne Beutelchen, gefüllt mit einer weichen Masse in Schwarz, Orange, Grün oder Blau, zu größeren silbernen 12er-Packs à 11 Pfund – rund 14 Euro – zusammengefasst.

Der Grundstoff von Sugru ist eine Substanz mit dem Kunstnamen "Formerol". Ihre genaue Rezeptur ist geheim. Insgesamt gibt es in der aktuellen Mischung knapp 20 verschiedene Inhaltsstoffe. Zwei von ihnen gelten als potenzielle Allergene. Das nächste Ziel der Silikon-Tüftler ist es nun, diese beiden Stoffe durch harmlosere zu ersetzen, denn damit wäre der Weg frei für eine spezielle Kindervariante von Sugru – denen dann wohl weitere tausend Einsatzmöglichkeiten einfallen werden. (bsc)