Ein Stellvertretergefecht

Der Streit um angebliche Vergünstigungen für die Deutsche Telekom in Sachen VDSL-Ausbau berührt nur die Oberfläche. In Wirklichkeit geht es um fundamentale politische Weichenstellungen.

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  • Torsten J. Gerpott
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Normalerweise interessieren Fragen der technischen Modernisierung von Telekommunikationsnetzen und die damit verbundenen rechtlichen Rahmenbedingungen des Wettbewerbs nur Brancheninsider. Seit Herbst 2005 gibt es jedoch ein Thema, das in der Öffentlichkeit viel Beachtung gefunden hat: Es geht um Investitionen von drei Milliarden Euro, die die Deutsche Telekom (DT) „für den Aufbau eines High-Tech Glasfasernetzes“ bis Ende 2007 in Aussicht stellt. Das Geld soll verwendet werden, um in den Zugangsnetzen der DT den Anteil der Übertragungsstrecken, die Glasfasern nutzen, auszuweiten, um so die Bandbreite für den Zugang zu TK-Diensten jenseits der Sprachtelefonie deutlich zu erhöhen. Während die Datentransportgeschwindigkeiten der heutigen Asymmetric Digital Subscriber Line- (ADSL-)An-schlüsse der DT auf zumeist sechs Mbit/s auf dem Weg vom Internet zum Kunden hin (= Downstream) begrenzt sind, sind mit den neuen als Very High Bit Rate DSL (VDSL) bezeichneten Anschlüssen Geschwindigkeiten von bis zu 52 Mbit/s möglich.

Um die Ausbaupläne besser durchschaubar zu machen, ist eine Einführung in den Aufbau von DT-Zugangsnetzen hilfreich: Die Zugangsnetze transportieren den Sprach- und Datenverkehr der TK-Nutzer von deren Anschluss bis hin zu einer Einheit, die als Hauptverteiler (HVt) bezeichnet wird. Ein Hauptverteiler dient dazu, die Informationsströme verschiedener Nutzer so zu integrieren, dass sie gemeinsam kostensparend über eine Leitung über größere Entfernungen weitergeführt werden können. Auf dem Weg zwischen Endkunden und HVt sind die Anschlussleitungen der Nutzer zwar physisch getrennt, aber nicht jede Leitung wird für sich verlegt. Es werden vielmehr möglichst viele Leitungen zusammen in Kabelschächten geführt. Die Bündelung dieser Einzelstrecken erfolgt mit Hilfe von zwei technischen Elementen: den Kabel- und den Endverzweigern. Mit ihren Investitionen will die DT nun zwischen Hauptverteiler und Kabelverzweiger (KVz) Kupfer- durch Glasfaserkabel ersetzen. Weil das letzte Stück Kupferkabel zwischen dem Anschluss des Kunden und dem Glasfasernetz der DT auf diese Weise sehr viel kürzer wird, kann man den Daten-Durchsatz dann erheblich größer machen.

Wenn die DT diese Umrüstung bundesweit flächendeckend vornehmen würde, dann müsste sie in rund 300.000 Kabelverzweiger und 8.000 Hauptverteiler „aktive Technik“ zur Verstärkung der über Glasfaser transportierten Signale einbauen sowie auf sämtlichen 0,3 Millionen Verbindungsstrecken zwischen KVz und HVt Glasfaser verlegen. Eine solche Strategie des kompletten Netzausbaus in zwei oder drei Jahren würde den Exmonopolisten wegen der kurzfristig erforderlichen Finanzmittel und Personalkapazitäten überfordern. Die Telekom konzentriert sich deshalb bis Ende 2006 auf zehn Großstädte, in denen sich rund 19,5 Prozent aller 38,9 Millionen Festnetzanschlüsse in Deutschland befinden. Bis Ende 2007 soll die VDSL-Expansion dann in weiteren 40 Metropolen erfolgen, auf die 24 Prozent der Festnetzanschlüsse entfallen.

Die Investitionen sollen erstens dazu beitragen, Wettbewerberangriffe auf das vorhandene DT-DSL-Geschäft abzuwehren. Alternative Carrier wie Hansenet oder Versatel, versuchen nämlich, in Ballungszentren Kunden durch ADSL2+-Anschlüsse mit Downstream-Geschwindigkeiten von bis zu 15 Mbit/s zu gewinnen. Außerdem rüsten Kabelnetzbetreiber ihre Infrastrukturen so auf, dass auch sie mit Internetzugängen von bis zu 20 Mbit/s in (Downstream-Bandbreiten) Konkurrenz zur DT treten. Zweitens sollte der VDSL-Ausbau der DT helfen, zusätzliche Umsätze durch neue TK-Dienste zu erwirtschaften. Durch welche Dienste diese Mehreinnahmen hervorgerufen werden sollen, ist allerdings noch unklar. Hier wird vage auf High Definition TV-Kanäle, dreidimensionale Filmausstrahlungen oder Einzelfilmabrufe verwiesen. Befragungen von Haushalten in Deutschland deuten jedoch darauf hin, dass die Masse der Kunden auf (hochauflösende) Fernsehübertragungen oder Filmabrufe mittels aufgerüsteter Telefonnetze nicht gerade wartet. Weiter zeigen Analysen der tatsächlich nachgefragten DSL-Anschlüsse, dass sich die Kunden nicht auf die Spitzenangebote, sondern auf Bandbreiten um 1 Mbit/s konzentrieren.

Warum will die DT angesichts dieser großen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten trotzdem investieren, um VDSL in 50 Städten anzubieten? Zur Beantwortung dieser Frage reicht ein Blick auf die Nachfrageseite nicht aus. Hier ist zusätzlich zu beachten, dass die DT ihr VDSL-Projekt als Hebel nutzt, um staatliche Eingriffe in ihre Leistungs- und Preispolitik, d.h. „Regulierungsvorgaben“ der auf die Wettbewerbsentwicklung im deutschen TK-Dienstesektor Einfluss nehmenden Bundesnetzagentur, zurückzudrängen. Bislang ist der Exmonopolist durch das Telekommunikationsgesetz (TKG) nämlich verpflichtet, die Kupferleitung zwischen Hauptverteiler und Endkundenanschluss zu einem Preis, der den „Kosten der effizienten Leistungsbereitstellung“ entsprechen soll, an ihre Wettbewerber weiter zu vermieten. Ende 2005 musste die DT deshalb insgesamt rund 3,2 Millionen Anschlussleitungen an ihre Konkurrenz vermieten. Das soll nun anders werden: Hinsichtlich des VDSL-Netzausbaus argumentiert die DT, dass es sich um einen neuen Markt beziehungsweise um eine „Innovation“ handele. Deren große Risiken seien nur tragbar, wenn der Konzern sicher sein könne, zumindest für einige Jahre nicht den Zugangsverpflichtungen zu unterliegen, die für „normale“ ADSL-Anschlüsse gelten.