"Ein Werkzeug, um die Persönlichkeit von Mäusen zu erfassen"

Neurowissenschaftler Stoyo Karamihalev will mit seiner Studie für die Individualität von Mäusen sensibilisieren und hofft, dass Forscher das berücksichtigen.

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(Bild: Shutterstock)

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Stoyo Karamihalev erforscht am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München unterschiedlichste Aspekte von Stress. Als Neurowissenschaftler interessiert er sich besonders dafür, wie individuelle Persönlichkeitsunterschiede, das Sozialverhalten und der Stoffwechsel mit Stress zusammenhängen und wie er behandelt werden kann.

TR: Sie erforschen die Persönlichkeit von Labormäusen. Weshalb interessiert es Sie, ob eine Maus mutig ist oder scheu?

Der Neurowissenschaftler Stoyo Karamihalev.

(Bild: Max-Planck-Institut für Psychiatrie)

Karamihalev: Eigentlich hatte unsere Frage einen größeren Rahmen, der sich nicht nur auf Mäuse bezieht. Wir wollten wissen, wie wir Persönlichkeitsmuster bestimmen können, also worin sich Persönlichkeiten unterscheiden. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Mäusen und Menschen. Wir erforschen Stress und hoffen, dass wir, wenn wir Mäuse mit einem bestimmten Persönlichkeitsmuster behandeln, Rückschlüsse auf die Behandlung von Menschen mit ähnlicher Persönlichkeit ziehen können.

Wie bewerten Sie die Persönlichkeiten der Mäuse?

Wir haben bei Mäusen vier Persönlichkeitseigenschaften identifiziert, also eine weniger als bei Menschen. Die erste persönlichkeitsprägende Eigenschaft ist ihr Dominanzstatus. Eine andere ist ihre Aktivität oder ihr Umgang mit gefährlichen Situationen. Wir haben allerdings keine Liste mit Namen für die Eigenschaften, wie wir sie für Menschen verwenden.

Wie kommen Sie darauf? Mäuse beantworten keine Fragebögen...

Wir haben alle üblichen Standardtests beiseitegeschoben und stattdessen Gruppen von Mäusen über einen längeren Zeitraum in eine Arena gesetzt. Wir zeichnen per Video jedes Verhalten auf, das Sie sich vorstellen können, und erhalten so hochdimensionale Datenmengen. Aus denen haben wir dann die Persönlichkeitsmuster entwickelt. Der Vergleich mit Standardtests hinterher zeigt, dass unsere Berechnung der Persönlichkeit nach diesen Verhaltensmustern funktioniert und wir auf die Standardtests verzichten können.

Hat diese Forschung Ihre Sicht auf Tierversuche geändert?

Nein. Mir war auch vorher klar, dass Mäuse eine eigene Persönlichkeit haben. Wir haben jetzt nur ein Werkzeug, um sie zu erfassen.

Was bedeutet das Wissen für Tierversuche? Müssen Forscher sie anders durchführen – oder vielleicht sogar ganz darauf verzichten?

Da ist einmal der ethische Aspekt. Wir hoffen, dass unsere Forschung dafür sensibilisiert, dass Mäuse Individuen sind und Forscher zumindest dazu treibt, ihren Erkenntnisgewinn aus den Tierversuchen zu maximieren. Und da ist die methodische Seite. Da hoffe ich, dass sie dafür sensibilisiert, zu berücksichtigen, wer diese Mäuse sind – und damit aussagekräftigere Ergebnisse zu erhalten. Denn auch bei Mäusen gibt es große individuelle Unterschiede in Bezug auf grundlegende biologische und medizinische Fragestellungen.

(jle)