Ein Zentralbankkonto für jeden?

Krypto-Zahlungssysteme gelten als Bedrohung für staatliches Geld, größere Schwierigkeiten aber könnten sie für die heutigen Geschäftsbanken aufwerfen. An die Spitze solcher Überlegungen stellt sich die Bank of England.

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Zentralbanker: Graue Anzüge, unverständliches Zeug murmelnd, stockkonservativ und jeder Neuerung so abgeneigt wie der Teufel dem Weihwasser. So weit das Klischee. In der Realität müssen die weltweiten Herren des Geld natürlich schon deshalb technisch auf der Höhe der Zeit sein, weil sie zunehmend auch als Aufsichtsbehörden für die Geschäftsbanken in ihrem Währungsgebiet fungieren. Und wie es zunehmend aussieht, sind sich manche von ihnen vielleicht nicht einmal für eine echte Revolution zu fein.

Denn ausgerechnet ein System nach dem Vorbild von Bitcoin, das unter anderem für die Tatsache gefeiert wird, dass es ohne zentrale Vertrauensinstanz auskommt, könnte sich im aktuellen Umfeld als der beste Freund der Zentralbanker erweisen. Wie ein solches Zentralbank-Kryptogeld technisch aussehen könnte, haben Forscher, die in Kontakt mit der Bank of England stehen, schon einmal geklärt.

Bitcoin als eigene Währung gilt zunehmend als weniger interessant, doch das darin steckende Konzept der verteilten Validierung von Transaktionen wird auch in Ökonomen-Kreisen immer ernster genommen. Ben Broadbent etwa, der für Geldpolitik zuständige Vizegouverneur der Bank of England, sprach in einer Rede Anfang März sehr interessiert über staatlich kontrolliertes Kryptogeld – und damit verbunden die Idee, dass Privatleute ihre Girokonten künftig bei der Zentralbank führen könnten statt bei privaten Instituten.

"Das Ziel wäre, den Zugang zur Bilanz der Zentralbank zu erweitern", formulierte es Broadbent in seiner Rede Zentralbanker-typisch zurückhaltend. Doch die Idee hat in doppelter Hinsicht Sprengkraft. Zunächst einmal würde den Banken dadurch das Einlagengeschäft genommen, das ihnen zum Teil immer noch gute Einnahmen und dauerhafte Kundenbeziehungen sichert. Viel bedeutsamer aber ist, dass den privaten Banken mit staatlichem Digitalgeld die zentrale Aufgabe verloren gehen könnte, die sie in den derzeitigen Finanzsystemen systemrelevant macht: Gefährdet wäre ihre Rolle als Schöpfer von neuem Geld über Kredite.

Wie Broadbent erklärte, kommt ein Großteil des heute verfügbaren Geldes nicht etwa von den Zentralbanken als Hütern der jeweiligen Währung, sondern eben von den Geschäftsbanken. Denn sobald die einen Kredit vergeben, ist neues Geld entstanden – und ständige Finanzinnovationen sorgen dafür, dass sich das Volumen dieser privaten Geldschöpfung auch mit strenger Regulierung kaum wirksam kontrollieren lässt, wie zuletzt die Finanzkrise 2008 wieder gezeigt hat.

Die politische Reaktion darauf bestand bislang in noch mehr Regulierung – neue Aufsichtsbehörden, strengere Regeln für Banken und exaktere Kapitalanforderungen. Nicht wenige Beobachter fürchten allerdings, dass das alte Katz-und-Maus-Spiel damit nur noch weiter getrieben wird: Staaten versuchen, ihre Banken zu mehr Sicherheit zu zwingen, doch die haben jeden Anreiz, die Regeln auszuhebeln, weil ihre Manager für Verluste nicht persönlich haften und ihre Institute im Zweifelsfall doch wieder gerettet werden.

Die radikale Alternative dazu wäre, den Geschäftsbanken die Fähigkeit zur Geldschöpfung zu nehmen. Staatliches Kryptogeld samt Girokonto bei der Zentralbank würde einem solchen grundlegenden Systemwechsel das Feld bereiten. Laut Broadbent würde eine zentrale Kryptowährung dies zwar nicht zwingend erfordern, doch technisch würde sie Zentralbank-Konten samt einfacher Zahlungsfunktionen für jedermann deutlich erleichtern. Die Banken könnten dann nicht mehr mit gehebelten Kundeneinlagen operieren, sondern müssten Geld, das sie verleihen wollten, selbst irgendwo auftreiben.

Das Ergebnis wäre sogenanntes "Narrow Banking" oder "Vollgeld". Fachleute haben seit langem keinen Zweifel daran, dass ein solches System sicherer wäre. Kritiker fürchten jedoch, es würde nicht nur die Geschäftsgrundlage der Banken gefährden, sondern auch die Kreditversorgung der Wirtschaft. "Dies ist eine alte Debatte in der Ökonomie. (…) Ich möchte heute ganz gewiss nicht in sie einsteigen", sagte Broadbent in seiner Rede dazu. Er wolle lediglich darauf hinweisen, dass es bei Überlegungen zur Einführung von staatlichem Kryptogeld eben um weitaus mehr gehe als rein technische Fragen zur Effizienz.

(sma)