Ein bisschen böse

Es wäre nicht das erste Mal, das ein Unternehmen mit überlegener Technologie von einem übermächtigen Gegner überrollt wird. Google muss sich dagegen wappnen - und scheint genau das zu tun

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Von
  • Charles H. Ferguson

2004 war ein Traumjahr für Eric Schmidt, den CEO von Google: Sein Unternehmen dominierte den am schnellsten wachsenden Sektor im Technologiebereich. Es hat einen erfolgreichen Börsengang hingelegt und dabei 1,67 Milliarden Dollar eingenommen, anschließend ist der Aktienkurs stark gestiegen. Und die Umsätze haben sich auf drei Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Trotzdem fragen sich viele Experten für das Software-Geschäft: Ist Google in Wirklichkeit dem Untergang geweiht?

Der Einstieg von Microsoft in den Suchmaschinen-Markt lässt das als durchaus denkbar erscheinen. Denn trotz aller Pluspunkte von Google - seine überlegene Suchtechnologie, die bekannte Marke, das Geld vom Börsengang - ist die Position des jungen Unternehmens ausgesprochen wackelig. Bereits mehrmals hat Microsoft viel versprechende Konkurrenten vom Markt gefegt - so etwa Netscape, das mit seinem Navigator lange Marktführer bei Web-Browsern war, bevor Microsoft dieses Segment aufs Korn nahm.

Bei der anstehenden Auseinandersetzung von Google mit Microsoft geht es um weit mehr als den heutigen Markt für Suchen im Web: Letztlich konkurrieren die Unternehmen darum, jegliche Art von digitalen Informationen zu organisieren, zu durchsuchen und bereitzustellen, auf jeder Art von elektronischen Geräten. Innerhalb der nächsten zehn Jahre könnten damit Umsätze von insgesamt einer halben Billion Dollar zusammenkommen, glauben Insider aus der Such-Industrie.

Die größte Chance für Google - und angesichts des in diesen Dingen erfahrenen Angreifers Microsoft auch die größte Gefahr - liegt in Standards: Sie werden gebraucht, damit Suchtechnologie ihre Beschränkung auf Webseiten verlieren kann und damit verschiedene Dienste untereinander kommunizieren können. Nur auf diese Weise wird es möglich sein, alle Such-Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen - kein Unternehmen kann ernsthaft darauf hoffen, das alleine zu erreichen.

Standards können von staatlichen Organen oder Industrie-Konsortien definiert werden oder sie werden von Unternehmen an die Allgemeinheit übergeben. In den meisten Fällen aber entstehen sie durch Wettbewerb: Nach einem heißen Kampf um Marktanteile entsteht ein de-facto-Standard unter der proprietären Kontrolle eines Unternehmens. Dabei gewinnt nicht immer die beste Technologie. Die siegreichen Anbieter zeichnen sich tendenziell dadurch aus, dass sie über schwer nachzubauende Systeme verfügen, die zumindest so weit offen sind, dass andere Anbieter darauf aufbauende Anwendungen entwickeln können.

So dürfte es auch in der Such-Industrie vor sich gehen, deren einzelne Felder zurzeit teils von Google, teils von Microsoft, größtenteils aber noch gar nicht besetzt sind. Mehrere Faktoren sprechen dafür, dass Google bessere Chancen hat den Kampf gegen Microsoft zu überstehen als zuvor andere Unternehmen. Aber dazu sind eine brilliante Strategie und ihre fehlerfreie Umsetzung unabdingbar.

Ob Google sich der Herausforderungen bewusst ist, lässt sich schwer sagen. Man sehe die Notwendigkeit proprietärer Kontrolle, und künftige Produkte würden das auch zeigen, sagt ein Google-Manager, der ungenannt bleiben möchte. Tatsächlich hat das Unternehmen bereits im vergangenen Jahr zwei wichtige Application Programming Interfaces (APIs) veröffentlicht - mit Hilfe solcher Schnittstellen für Entwickler von außen ist es in der Vergangenheit häufig gelungen, eine dominierende Marktposition zu erreichen. Andererseits erwähnten die beiden Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin in einem Interview kurz vor dem Börsengang keinerlei Bedrohungen. Stattdessen sprachen sie über Unternehmensethik ("Don't be evil!"), die Schaffung von Stiftungen und ihre Bemühungen, die Arbeit bei Google angenehm zu machen.

In jedem Fall ist für Microsoft die Kontrolle über Windows, den Internet Explorer und das Office-Paket ein echter Vorteil bei der Entwicklung besserer Suchdienste - Desktop-Suchen etwa könnten viel nützlicher sein, wenn sie besseren Zugriff auf die Dokumentstruktur von Word- oder Excel-Dateien hätten. Auch könnte das Betriebssystem Informationen über das Verhalten seines Nutzes sammeln und sie dafür einsetzen, Suchergebnisse genauer auf ihn zuzuschneiden.

Google dagegen kontrolliert in seinem Bereich noch keinerlei Standards. Für den technologischen Kern des Geschäfts - die Web-Suchmaschine - gibt es noch kein API, das Dritten erlauben würde, auf dieser Basis eigene kommerzielle Dienste zu entwickeln. Nach offiziellen Aussagen von Google hat das API-Projekt keine besondere Priorität: In der Vergangenheit sei mal eine, zeitweise auch gar keine Person dafür abgestellt gewesen. "Sie werden sehen, dass wir APIs veröffentlichen, wenn sie gebraucht werden".

Das hört sich nicht sehr dringlich an, könnte aber auch ein Trick sein, um Microsoft nicht zu alarmieren - immerhin hat Google trotz aller Schwierigkeiten das Potenzial, dem Software-Moloch ernsthaft gefährlich zu werden. Eine Liste mit angeblichen Plänen Googles, sich auf der Basis proprietärer Schnittstellen eine gute Position im kommenden Markt für universelle Suchen zu sichern, wurde vom Unternehmen jedenfalls nicht dementiert: "Sachliche Fehler sind nicht dabei".

(Zusammenfassung aus Technology Review Nr. 2/2005; das Heft mit dem vollständigen Artikel können Sie hier bestellen) (sma)