Einbetonieren oder ausräumen?

Im Bergwerk Asse II liegen Tausende kaputte Fässer mit radioaktivem Müll. Der Schacht droht einzustürzen und abzusaufen. Wolfram König, Grüner und Atomkraftgegner, soll dafür sorgen, dass der Müll ausgeräumt wird. Sein ehemaliger Mitstreiter Michael Sailer, Chef des Öko-Instituts Darmstadt und profilierter Atom-Kritiker, will das verhindern.

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Im Bergwerk Asse II liegen Tausende kaputte Fässer mit radioaktivem Müll. Der Schacht droht einzustürzen und abzusaufen. Wolfram König, Grüner und Atomkraftgegner, soll dafür sorgen, dass der Müll ausgeräumt wird. Sein ehemaliger Mitstreiter Michael Sailer, Chef des Öko-Instituts Darmstadt und profilierter Atom-Kritiker, will das verhindern.

Ein schepperndes Läuten, schon saust der Förderkorb in die Tiefe. Zehn Meter pro Sekunde. Nur freier Fall ist schneller. Unten, auf 490 Metern, stoppt das Gefährt. "Glück auf!", grüßen behelmte Menschen ganz in Weiß. Das ist der Dresscode hier: weiße Hose, weiße Jacke. Dazu: Sauerstoffselbstretter und Lampe – oder, um im Jargon zu bleiben: Geleucht. Und natürlich das Strahlenmessgerät.

Eine Unterwelt im Dämmerlicht. Unter uns, über uns, neben uns hartes Salz. Nur ein paar Schritte bis zum Einfüllraum der MAW-Kammer, dem Lager für die mittelradioaktiven Abfälle. Von hier aus wurden in den siebziger Jahren Fässer mit einem Magnetkran in eine Kaverne abgesenkt. 1293 Stück. Auf einen schönen großen Haufen in 511 Meter Tiefe. Seit 1977 ist die Elektrik gekappt, ein Bleideckel ruht auf der strahlenden Höhle. Noch heute, sagen die Strahlenschützer, sei die Radioaktivität dort etwa 400 Millisievert pro Stunde stark. Das ergibt eine tödliche Dosis bereits nach einer Arbeitsschicht. Die Kammer ist nur eine von vielen. Wie viel und welcher Atommüll in der Asse eigentlich liegt, ist nur ungefähr bekannt. Ein Großteil der insgesamt rund 126000 Fässer, die von 1967 bis 1978 hier abgekippt wurden, sind wahrscheinlich zerstört. Die Grube ist instabil, es gibt einen "Wasserzutritt" von täglich 12000 Litern. Nun droht die Grube, die über Jahre vermutlich illegal mit Atommüll beliefert wurde, abzusaufen. Die Anwohner fürchten sich vor einem atomaren Desaster – und misstrauen mittlerweile jedem.

Ausgerechnet ein Atomkraftgegner soll diesen Schlamassel aufräumen: Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, plant eine bis heute beispiellose Rückholaktion: Der komplette radioaktive Müll soll raus aus dem maroden Bergwerk. So wünschen es heute – offiziell – die Bundesregierung, die niedersächsische Landesregierung und alle Parlamentsparteien. Ein glaubwürdiges Vorhaben und ein mutiger Plan, käme da nicht massiver Widerspruch ausgerechnet von einem Mann, den König wohl eigentlich auf seiner Seite wähnte: von Michael Sailer, Chef des Darmstädter Öko-Instituts, einem der profiliertesten Atomkraft-Kritiker der Republik und seit 1999 Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundes. Was trennt die beiden, die jahrzehntelang gegen Atomkraft stritten und auf dem Marsch durch die Institutionen schließlich auf einflussreichen Posten landeten? Wer hat recht im Streit um das strahlende Erbe des deutschen Atomfilzes? Hat einer von beiden die Seiten gewechselt?

Wolfram König ist seit dem 1. Januar 2009 zuständig für die multiple Katastrophe Asse. Der Grüne aus Lübeck, gelernter Ingenieur für Stadtentwicklung, wird offenbar immer wieder gern gerufen, wenn es richtig schwierig wird: Denn der oberste Strahlenschützer der Republik ist auch zuständig für den Dauerstreitfall Gorleben, für die absaufende DDR-Atommüllgrube Morsleben und andere Problemzonen. 1999 hatte ihn sein Parteifreund, Umweltminister Jürgen Trittin, zum Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz berufen. König blieb auch unter den Nachfolgern Sigmar Gabriel (SPD) und Norbert Röttgen (CDU). Die Asse ist sein bislang schwerster Fall.

König tritt stets freundlich auf. Er setzt auf Transparenz, auf Dialog, will "die Menschen mitnehmen". Sein Bundesamt residiert mitten im Krisengebiet: in Salzgitter, nur 26 Kilometer von der Asse, nur 66 Kilometer von Morsleben entfernt. Er hält Kontakt zu den Bürgerinitiativen, steht wieder und wieder Rede und Antwort. König weiß: Er manövriert auf zerstörter Vertrauensgrundlage. "Die Geschichte der Endlagerung in der Bundesrepublik seit den fünfziger, sechziger Jahren", sagt der Strahlenschützer, "ist ein Bilderbuch, in dem man nachschlagen kann, wie es nicht funktioniert."

20 Jahre Staatsdienst haben gleichwohl Spuren hinterlassen. König versucht zu trennen zwischen seiner grünen Seele und den Anforderungen seines Jobs als Behördenpräsident. Allzu oft sucht er Zuflucht in Worthülsen, redet von "fachlichen Herausforderungen" und "meldepflichtigen Ereignissen". Sein Gegenspieler spricht freier. Michael Sailer ist kein Behördenpräsident, hat keinen CDU-Minister über sich. Kann klar sagen, dass die Asse keine Panne, kein Versehen war, sondern Produkt einer skrupellosen Politik. Sie war die "falsche Wahl". Ein Forschungsbetrieb? Sailer hebt eine Braue. Dort sei über 40 Jahre lang nur "Quatsch" und "Mist" getrieben worden, man habe an "Blödsinn rumgeforscht". Während die Atombetreiber die Kammern nutzten, um ihren "ganzen Müll reinzuschmeißen".

Bereits in den siebziger Jahren demonstrierte Sailer gegen AKWs – unter anderem gegen die Inbetriebnahme von Block A in Biblis. Doch das reichte dem Chemiker nicht – 1980 stieß er zum Öko-Institut, einer Gruppe kritischer Wissenschaftler, die der aufkommenden Ökologie-Bewegung fachlich unter die Arme greifen wollte. Lange verhöhnte die verschworene Kernkraft-Branche den "Gegengutachter" mit den langen Haaren, der schon optisch nie zu ihnen passen wollte. Bis zum Ende der neunziger Jahre, sagt Sailer, gab es dieses "Atomestablishment" auch in der Wissenschaft. Dessen Außenbotschaft lautete: "Alles ist gut." Intern wurden Risiken schon mal angesprochen. Man wusste, dass auch hier Katastrophen passieren könnten. "Aber wo", fragt er, "ist das öffentlich gesagt worden?" Sailer hatte den längeren Atem. Im Jahr 1999, während der rot-grünen Koalition, wurde er Mitglied der Reaktorsicherheitskommission, war zwischenzeitlich sogar ihr Chef. Er ist Vorsitzender der Entsorgungskommission, Mitglied des Ausschusses "Endlagerung" und des Scientific and Technical Committee von Euratom. An Sailer kommt in Sachen Atom heute keiner vorbei.