Elektroautos, Krieg und Teilemangel: Neue Impulse für türkische Autoindustrie

Ukraine-Krieg und Teilemangel machen die Türkei für die Autobranche interessanter als bisher schon. Mit der Marke Togg hat das Land zudem eigene E-Auto-Pläne.​

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Ein Elektroauto unterm symbolträchtigen Olivenbaum: Togg auf der CES in Las Vegas 2022. Toggs Standort Gemlik ist eine der weltweit größten Olivenproduktionsregionen.

(Bild: pressinform)

Von
  • Stefan Grundhoff
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Die Türkei ist ein Schwergewicht in der Autoindustrie – die Großen der Branche lassen dort seit Jahrzehnten fertigen. Eigene Marken waren nie erfolgreich, doch nun will mit Togg (Türkiye'nin Otomobili Girişim Grubu) ein Unternehmen den Weg Richtung Elektroautofertigung einschlagen. Derweil wird die Türkei trotz drückender Inflation interessanter für die Autoindustrie, seit die Zulieferer nicht mehr im üblichen Umfang in der Ukraine fertigen lassen können und die globalen Lieferketten nachhaltig überlastet sind.

Die Türkei hat eine mehr als 50-jährige Geschichte der Autoindustrie. Das Land ist als Produktionsstandort für Fahrzeuge und die Zulieferindustrie seit vielen Modellgenerationen gesetzt. Hersteller wie Ford, Toyota, Renault, Fiat oder Mercedes fertigen ihre Fahrzeuge bereits seit vielen Jahren am Bosporus.

Das geplante 300.000-Fahrzeuge-Großwerk von Volkswagen wurde 2019 nur durch die zunehmend angespannte politische Lage verhindert, die nach wie vor einige Autohersteller abhält zu investieren, während die Zulieferindustrie hier weniger Berührungsängste hat. Der Schwerpunkt der Fahrzeugfertigung liegt seit langem bei leichten und schweren Nutzfahrzeugen.

Jetzt will Togg als türkischer Autohersteller aus dem Schatten heraustreten und die Türkei auch als Elektrostrandort interessant machen. Auch wenn es der Türkei wirtschaftspolitisch aktuell alles andere als gut geht, werden die Entwicklungen schon aufgrund der schwierigen Situation in der Ukraine und den Sanktionen gegen Russland mit zunehmendem Interesse beobachtet.

Rund 250 globale Unternehmen nutzen die Türkei aktuell als Produktionsstandort. Von den weltweit 50 größten Automobilzulieferern sind 30 in der Türkei ansässig. Die Fahrzeugproduktion ging 2021 gegenüber dem Vorjahr in Europa um vier Prozent zurück. In der Türkei betrug der Produktionsrückgang zwei Prozent und belief sich auf 1,27 Millionen Fahrzeuge, womit die Türkei weltweit auf Platz 13 vor Großbritannien oder Italien rangiert und europaweit den vierten Platz belegt. In der Nutzfahrzeugproduktion ist die Türkei mit 493.305 Einheiten Spitzenreiterin in Europa. Im Zeitraum Januar bis Mai belief sich die Gesamtproduktion der türkischen Automobilindustrie auf 513.000 Einheiten.

Von der steigenden Bedeutung der Elektroautos verspricht sich die Türkei in Zusammenhang mit der schwierigen Situation neue Chancen. Eine davon bietet der Hochlauf der Elektroautoproduktion bei Ford, der in der Türkei seit Jahrzehnten seinen Transporter-Evergreen Transit baut. Auch die neue Elektroversion wird bei Ford Otosan hergestellt. Hierfür wurden 2,2 Milliarden US-Dollar investiert, damit jährlich 200.000 E-Transit die Fertigung in Kocaeli verlassen können.

"Das Kocaeli-Werk von Ford Otosan ist das Herz der Transit-Produktion in Europa und die Feierlichkeiten zum Produktionsstart des vollelektrischen E-Transit läuten das nächste Kapitel in unserer starken Partnerschaft ein", sagte Hans Schep, General Manager Ford Pro, Europa. "Dies ist ein großer Transformationsschritt am Standort Kocaeli, hin zu einem bedeutenden Zentrum zur Herstellung von elektrifizierten Ford-Nutzfahrzeugen für europäische Märkte".

Der Ford Transit mit Verbrennungsmotor gehört zu den langlebigsten Ford-Modellen in Europa und ist weltweit eines der beliebtesten Nutzfahrzeuge. In den vergangenen 50 Jahren wurden davon mehr als 10 Millionen produziert und abgesetzt. Auch Toyota und Renault – lokal durch Oyak Renault vertreten – fertigen in der Türkei aktuell Hybridversionen verschiedener Modelle.