Bis 70 Prozent Energieautarkie bei Mehrfamilienhäusern möglich

Timo Leukefeld saniert Häuser wirtschaftlich und ohne aufwendige Technik. Im Interview erklärt er, wie das funktioniert und wie viel der Umbau einspart.

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In Deutschland gibt es einige weit bekannte Solardachprojekte, wie etwa das Solardorf Vauban in Freiburg.

(Bild: Gyuszko-Photo/Shutterstock.com)

Von
  • Gregor Honsel

Timo Leukefeld ist Experte für energieautarke Häuser. Er arbeitet u. a. als Berater sowie Honorarprofessor an der TU Bergakademie Freiberg.

Die energetische Sanierung des Gebäudebestandes hängt ziemlich hinterher. Woran liegt das?

Wenn ich nur Heizung oder Gebäudehülle saniere, ändere ich nichts an den Kosten für Warmwasser, Haushaltsstrom und Auto. Deshalb rechnet sich das selbst bei hohen Energiepreisen und Fördermitteln kaum. Als Vermieter muss ich dann mehr auf die Kaltmiete aufschlagen, als der Mieter an Warmmiete spart. Das übliche Nutzer-Investor-Dilemma.

Timo Leukefeld

(Bild: Stefan Mays)

Brauchen wir mehr Förderung?

Anreize bringen wenig, denn die Förderung war in der Vergangenheit eigentlich sehr gut. Zudem hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck gerade die Fördermittel für erneuerbare Energietechnik reduziert, was sehr ärgerlich ist. Mein Ansatz geht in Richtung Geschäftsmodell. Wir müssen dafür sorgen, dass Investoren eine vernünftige Amortisation bekommen – und Mieter nicht belastet werden.

Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?

Wenn die Vermieter geeignete Mehrfamilienhäuser mit einem Süddach ringsherum energetisch sanieren und Dach sowie die Fassade noch voll Photovoltaik packen, sind die zu 50 bis 70 Prozent energieautark – einschließlich Warmwasser, Haushaltsstrom und Auto. Das heißt, wir konzentrieren uns neben der Gebäudehülle vor allem darauf, aktiv Energie zu erzeugen. Und dann kann man eine Energie-Flatrate anbieten: Der Vermieter garantiert dem Mieter zu fünf Jahre konstante Miete, in der Wärme, Strom und zukünftig sogar das Laden eines E-Autos enthalten sind. Das heißt: Der Vermieter lenkt das Geld für die Energieversorger in seine eigenen Taschen. So kann er drei bis vier Euro mehr pro Quadratmeter erlösen, ohne die Mieter zusätzlich zu belasten.

Ob ich Energie pauschal oder nach Verbrauch abrechne – ist das nicht ein Nullsummenspiel?

Nein, denn die ganze Betriebskostenabrechnung fällt weg. Sie macht im Neubau rund 30 Prozent der Wärme- und Stromkosten für Mieter aus. 30 Prozent! Zudem kann der Vermieter den Sonnenstrom für rund acht Cent pro Kilowattstunde erzeugen und ihn in dieser Pauschalmiete für 25 bis 30 Cent anrechnen.

Dieser Text stammt aus: MIT Technology Review 7/2022

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Haben Sie dieses Modell schon in die Praxis umgesetzt?

Seit 2018 haben wir insgesamt 385 Wohneinheiten geplant und zum Teil auch mit unserem Baupartner errichtet. Die Mieter sind total begeistert, weil sie über mehrere Jahre einen festen Preis haben. Dann können sie im Winter auch gerne ihr Wohnzimmer auf 22 Grad heizen.

Wird das Haus dadurch nicht zu einer überkomplexen Maschine?

Genau andersrum. Bei uns steht eine radikale Ent-Technisierung im Mittelpunkt. Es gibt keine Wärmepumpe, keine Fußbodenheizung, keine Bussteuerung. Es gibt nur Photovoltaik, Batterie und Infrarotheizung – wartungsfreie Systeme, die 30 Jahre halten.

Woraus besteht die Infrarotheizung?

Das sind Paneele an der Decke, etwa zwei Quadratmeter für einen zwanzig Quadratmeter großen Raum. Sie arbeiten mit Strahlung, wie ein Kachelofen, ein Lagerfeuer oder die Sonne. Dadurch werden alle Oberflächen warm – die Wände, der Fußboden, der Tisch und so weiter. Die Installation kostet nur halb so viel wie bei einer Wärmepumpe plus Fußbodenheizung, und niemand muss während der Sanierung ausziehen.

Ihren höchsten Strombedarf haben die Heizungen aber im Winter, wenn der Solarstrom knapp ist.

Bei einem Neubau oder einer Sanierung sind wir nahe am Passivhaus, also unter 20 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Der Heizwärmebedarf im Bestand liegt bei bis zu 250 Kilowattstunden. Unsere Gebäude verbrauchen teilweise weniger an Heizstrom als unsanierte Nachbargebäude an Haushaltsstrom.

Wie groß ist der Anteil an Gebäuden, die sich nach Ihrem Modell sanieren ließen?

Etwa 20 bis 25 Prozent der Mehrfamilienhäuser. Sie müssen unter anderem passende Dächer haben und dürfen nicht verschattet sein. Aber auch diese 25 Prozent wären schon ein riesiger Sprung gegenüber dem einen Prozent an Gebäuden, das derzeit pro Jahr saniert wird.

Was ist mit dem restlichen Häusern?

Denen ist leider kaum noch zu helfen. Die Sanierungskosten kriegt man erst in Jahrzehnten wieder herein. Sobald sie von externen Energielieferanten abhängig sind, zahlen sie wesentlich mehr, als wenn die Gebäude selbst Energie produzieren. Deshalb merken wir im Moment, dass der Kampf um die Dächer begonnen hat. Wer Dachflächen hat, wird in Zukunft bezahlbare Energie haben. Wer nicht, wird Probleme bekommen.

Würden Infrarot-Heizungen auch kurzfristig gegen eine mögliche Gasknappheit helfen?

Infrarot ist vielleicht etwas günstiger als eine herkömmliche Elektroheizung, weil es nicht die Luft aufheizt. Aber trotzdem ist elektrisch heizen immer noch viel teurer als mit Gas. Und will man sich auf einen Notfall vorbereiten, kann man davon ausgehen: Wenn das Gas ausfällt, fällt zeitversetzt auch der Strom aus.

(jle)