Entzauberte Vorhersage

Immer häufiger nutzt die Polizei Datenanalyse-Software, um Straftaten vorherzusagen. Nun zeigt eine Studie, dass der Effekt deutlich kleiner ist als erhofft.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 2 Beiträge
Von

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das gilt auch für Einbrecher. Deshalb setzen mittlerweile mehrere Städte in Deutschland Software ein, die entsprechende Delikte vorhersagen soll – darunter München, Stuttgart, Karlsruhe oder Berlin. Wenn Diebe in einer bestimmten Wohngegend Erfolg hatten, ihre dunklen Ecken und Alarmanlagen kennen, kommen sie bald wieder.

TR 11/2017

(Bild: 

Technology Review 11/2017

)

Dieser Artikel stammt aus der neuen November-Ausgabe von Technology Review. Das Heft ist seit 12. Oktober im Handel erhältlich und im heise shop bestellbar.

Der Computer, gefüttert mit Daten von Einbrüchen, errechnet, wo die Täter wahrscheinlich als Nächstes zuschlagen werden. Die Polizei kann reagieren, noch bevor die Kriminellen zuschlagen. So weit die Vision. Doch niemand hat bisher unabhängig geprüft, ob das Ziel wirklich erreicht wird. Nun liegt erstmals eine derartige Studie vor. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Für die Polizeipräsidien Stuttgart und Karlsruhe hat das Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht das Programm "Precobs" unter die Lupe genommen. Die Software des Oberhausener Instituts für musterbasierte Prognosetechnik war die erste auf dem Markt und gilt immer noch als Paradebeispiel. Die Polizei-reviere in München und Mittelfranken wagen mit ihr seit 2014 den Blick in die Zukunft. Die bayerischen Beamten sagen Einbrüche und Autodiebstähle voraus. Diese Taten werden besonders häufig von professionellen Mehrfachtätern verübt, die nach bestimmten Mustern vorgehen.

Precobs verarbeitet anonymisierte Daten der vergangenen fünf Jahre, und zwar Tatzeit, Tatort, Vorgehensweise, Beute und Art des Gebäudes. Daraus errechnet es Alarmgebiete, in denen eine Folgetat wahrscheinlich ist. Nach Angaben des Landeskriminalamtes Bayern hat die Software eine niedrige sechsstellige Summe gekostet.

Im Polizeipräsidium Karlsruhe allerdings konnte der Max-Planck-Forscher Dominik Gerstner keinen positiven Effekt feststellen. Die Fallzahlen blieben im Wesentlichen unverändert. Alle dortigen Gebiete, in denen es einen Precobs-Alarm gegeben hatte, nahm Gerstner genauer unter die Lupe. Wird die Polizeidichte verdoppelt, sinkt die Zahl der Folgedelikte lediglich um 0,24.

In Stuttgart sahen die Zahlen etwas besser aus. In der ersten Testphase von Precobs im Winterhalbjahr 2015/16 ist die Zahl der Einbrüche im Vergleich zum Winterhalbjahr 2014/15 von 580 auf 458 gesunken – so wenige wie seit 2010/11 nicht mehr. Ob das aber am Programm Precobs liegt, ist unklar, denn auch viele andere Faktoren beeinflussen Kriminalität. Zwei der zehn baden-württembergischen Polizeipräsidien ohne Precobs melden für den gleichen Zeitraum ebenfalls eine gesunkene Zahl von Einbrüchen.

Um etwas klarer zu sehen, untersuchte Gerstner bestimmte Gebiete im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Stuttgart, in denen es in den Vorjahren besonders viele Wiederholungstaten gegeben hatte. Seit das Programm läuft, ist dort kein Wiederholungsmuster mehr zu erkennen. Das ist immerhin ein Indiz dafür, dass die Prognosen funktionieren und dadurch Verbrechen verhindert werden. Trotzdem lautet sein Fazit: "Insgesamt sind die Effekte eher klein." Vorher-sageprogramme wie Precobs können die Polizeiarbeit zwar etwas effizienter machen. Ein Wundermittel sind sie jedoch nicht.

Dennoch dürfte die datenbasierte Verbrechensvorhersage weiter zunehmen – auch weil die Erfahrungen in den Polizeirevieren den unabhängig ermittelten Studienergebnissen widersprechen. Beim Landeskriminalamt Bayern ist Günter Okon, Leiter des Sachgebiets Analyse, überzeugt: "Es kommt zu deutlich weniger Falldelikten in den Gebieten, in denen Precobs eingesetzt wird." Die gezielte Polizeipräsenz wirke offenbar abschreckend, wobei die Täter aber nicht in andere, nicht überwachte Regionen abwanderten.

Ab Jahresende soll eine neue Version von Precobs an den Start gehen, die sich auch auf Dörfer anwenden lässt. Dort sind die Tatmuster anders als in Innenstädten, erklärt Precobs-Entwickler Thomas Schweer: Einbrecher kehren normalerweise nicht zurück, da sie zu leicht wiedererkannt würden. "Die ziehen stattdessen von Dorf zu Dorf." Zudem wollen die Kripobeamten mit der Software bald auch Risikogebiete für Körperverletzung ermitteln.

Zudem experimentieren Polizeibehörden mit weiteren Daten, um die Treffsicherheit zu erhöhen. "Skala" ist bei sechs Kreispolizeibehörden in Nordrhein-Westfalen im Einsatz und bezieht etwa die Bebauung oder die Entfernung zum nächsten Bahnhof in die Berechnung ein. Auch hier berichten die Anwender von guten Erfahrungen. Mittlerweile denkt man auch in Brandenburg und anderen Bundesländern über Predictive-Policing-Programme nach. Man muss also kein Orakel sein, um zu erkennen: Predictive Policing wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen.

Datenschützer haben bis jetzt keine Bedenken. Die Polizei nutzt derzeit nur anonyme Daten, die sie ohnehin schon gespeichert hat. "Das verwendete Analysesystem ist in der aktuellen Ausgestaltung datenschutzrechtlich nicht zu beanstanden", stellt der Datenschutzbeauftragte von Bayern, Thomas Petri, fest. Ob es jedoch dabei bleibt? Einige Datenschützer fürchten, dass die Polizisten bald auch personenbezogene Daten auswerten könnten, um bessere Ergebnisse zu erhalten.

In einer Entschließung der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder von 2015 heißt es: "Besonders kritisch ist es, wenn Analysesysteme vermeintlich harmlose, allgemein zugängliche Daten aus dem Internet auswerten". Ein unbedachter Kommentar bei Facebook, verknüpft mit der Information aus den Polizeidaten, dass man in einem Problemviertel wohnt – schon könnten Unschuldige ins Visier geraten.

(bsc)