Ernährung: Äpfel mit Äpfeln vergleichen

Die Faustformel "regional ist besser für die Umwelt" stimmt meist, aber nicht immer. Wie verwirrend die Faktenlage zu sein scheint, zeigt das Beispiel Apfel.

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(Bild: Shutterstock)

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Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Gegessen aber wird er oft auf der anderen Seite der Welt. Für manche ist das die reinste Ökosünde. Dabei haben Neuseeländer, Chilenen oder Argentinier teils sogar bessere CO2-Bilanzen als heimische Äpfel. Das wollen unter anderem Forscher der Uni Gießen 2008 herausgefunden haben. Seither macht das Thema die Runde. Was ist dran? Wer die Antwort wissen will, muss den gesamten Weg des Apfels vom Baum bis auf den Teller verfolgen. Ökobilanzierung heißt die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt.

Der Physikingenieur Sven Gärtner vom Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg (IFEU) erstellt solche Bilanzen: "Wir gehen der kompletten Kette nach: von der Produktion über die Nutzung bis zur Entsorgung einer Ware. Wir analysieren unter anderem Anbau, Transport, Lagerung und Verarbeitung. Da-bei geht es genauso um den Rohstoffeinsatz für Düngemittel oder Kraftstoffe wie um die Versauerung der Böden und den Ozonabbau." Die Wissenschaftler schauen also nicht nur auf Treibhausgase. "Der Klimawandel ist nur eine Dimension", sagt Gärtner.

Nicht immer ergibt sich aus der Vielzahl der zu berücksichtigenden Faktoren ein klares Bild. Wir haben einmal aufgeschrieben, wie verwirrend die Faktenlage werden kann.

Anbau

Ob Bodensee oder Neuseeland – viele Emissionen fallen im Hintergrund an und sind für Laien nicht sofort ersichtlich. Das fängt bei der Bewässerung an, wozu energiehungrige Pumpen nötig sind, vielleicht sogar Traktoren, die die Kunststoffleitungen verlegen. "In Neuseeland muss man nicht bewässern", sagt Gerald Götz, Fachbereichsleitung Eco Design an der Fachhochschule Wiener Neustadt. "Bei uns hingegen gibt es manchmal gar keinen Niederschlag und dann wieder viel zu viel." Hinzu kommen je nach Anbaugebiet, Anbauart und Witterung Herbizide, Pestizide und Fungizide.

Manchmal schützen Bauern ihr Obst gegen Stare. Dazu spannen sie Netze über die Baumkronen – meist aus Kunststoff, nur einmal benutzbar. Die Bilanz lässt sich fast beliebig verfeinern, wie das Beispiel Südtirol zeigt: Dort bekommen Täler mit Nordost-Ausrichtung mehr Regen ab als solche in Ost-West-Richtung. So können identische Obstsorten aus derselben Region zur selben Jahreszeit markant abweichende Bilanzen haben. Nicht einmal ein Apfel gleicht unbedingt dem anderen: "Am selben Standort schneidet eine heimische Art besser ab als etwa ein Trendapfel wie der Golden Delicious, der sehr viel Zuwendung braucht", sagt Götz.

Lagerung

Damit auch nach der Ernte immer Äpfel im Verkaufssortiment sind, werden sie gelagert. Auch hierbei fallen je nach Strommix unterschiedlich hohe Emissionen an. Äpfel liegen meist bei zwei bis vier Grad im Kühlhaus. Teils wird der Sauerstoffgehalt reduziert, um die Reifung zu hemmen. Doch Kühlhaus ist nicht gleich Kühlhaus. Hein Lühs, Demeter-Apfelbauer aus dem Alten Land bei Hamburg, bringt seinen Hof gerade auf den neuesten Stand: Die Wände des Kühllagers bekommen eine dicke Isolierung. Solarmodule liefern Strom für die Kühlaggregate. Die wiederum geben Wärme ab, die zum Entkeimen der Äpfel genutzt wird, was sie haltbarer macht.

Insgesamt, sagt Lühs, sei die Anlage nahezu energieautark. Doch so vorbildlich arbeiten nicht alle. Zudem spielt eine Rolle, wie lange die Äpfel im Kühlhaus liegen. "Irgendwann im Frühjahr könnte es einen ,Tipping Point' geben", sagt Tobias Viere, Nachhaltigkeitswissenschaftler an der Hochschule Pforzheim. "Ab diesem Zeitpunkt schneidet der importierte Apfel unter Umständen besser ab, wenn der heimische Apfel sehr aufwendig gelagert wird." Es sei denn, man verzichtet ganz auf Kühlhäuser. Für Gerald Götz wäre diese Variante durchaus denkbar: "Im Keller ist es kühl und dunkel. Das ging früher und ist im Prinzip auch heute im industriellen Stil möglich."

Transport

Er hängt hochgradig von der Effizienz des Transportmittels ab. Schiffe und die Bahn sind meist besser als Lkw oder gar Flugzeug. Doch auch in diesem Zusammenhang kommt es darauf an, welche Emissionen man betrachtet: In Sachen CO2 sind Schiffe gut, bei Schwefel, Stickoxiden und Ruß hingegen schneiden sie miserabel ab. Generell aber wird der Transport überschätzt, sagt Nachhaltigkeitsforscher Viere. Der Satz gilt jedenfalls so lange, bis ein regio-saisonal bewusster Käufer seinen Bio-Apfel per Auto abholt. Das versaut die Bilanz sprichwörtlich auf den letzten Metern. Ein Mittelklassewagen emittiert je Kilometer etwa 160 Gramm CO2 – in etwa so viel, wie beim Verschiffen eines Kilogramms argentinischer Äpfel anfällt.

Verkauf

Wenn die Äpfel im Frühjahr in der Supermarktauslage landen, werden sie oft in Pappschalen eingeschweißt. Das erhöht die Lagerfähigkeit, hat aber negative Folgen für die Ökobilanz. Um das Obst in den Regalen frisch zu halten, müssen die Händler zudem einigen Aufwand betreiben, etwa indem sie die leicht verderbliche Ware mit speziellen Lampen bestrahlen, regelmäßig mit Wassernebel besprühen oder den Verkaufsraum auf entsprechend niedrige Temperaturen klimatisieren.

Fazit

So verwirrend die Faktenlage ist, ein paar grundlegende Erkenntnisse lassen sich doch ableiten: Die beste Wahl ist "saisonal und regional", sagt IFEU-Experte Gärtner. Wenn hierzulande die Äpfel auf die Streuobstwiesen fallen, sind die Transportwege kurz, und Emissionen für die Lagerung entstehen erst gar keine. Darüber hinaus kommt eine Ökobilanz aber durchaus zu irritierenden Ergebnissen.

Das erste: Große Betriebe sind in der Regel effizienter. Das liegt an den Skaleneffekten. Ein großer Traktor etwa, der 20 Tonnen Äpfel auf einmal transportiert, verbraucht pro Tonne Apfel deutlich weniger Sprit als ein kleineres Gefährt. Ähnlich sieht es bei der Bewässerung, der Düngung und der Pflege aus.

Das zweite: Bio ist nicht in jedem Fall besser. "Bio macht absolut Sinn, weil man deutlich weniger synthetischen Dünger, weniger fossile Energieträger und keine Pflanzenschutzmittel benötigt", sagt Gärtner. "Auf der anderen Seite ist der Flächenverbrauch höher, was entweder mehr Importe nötig macht oder die für den Naturschutz zur Verfügung stehenden Flächen verringert. Man kann also nicht sagen, das eine ist besser als das andere."

Das dritte: Umweltschonender Anbau ist auch eine Frage der globalen Arbeitsteilung. Es geht darum, dort Nahrung zu produzieren, wo die Bedingungen günstig sind. "Die Frage ist: Wo wächst was besonders gut?", sagt der Wiener Nachhaltigkeitsforscher Götz. Zu welcher Jahreszeit ist der Ertrag am besten? Wenn Menschen Äpfel auch im Winter essen wollen – dann können frisch geerntete aus Übersee tatsächlich besser für die Umwelt sein, trotz des langen Transports.

(bsc)