Es brummt nicht mehr

Das Insektensterben ist schlimm für die Natur. Aber die Landwirtschaft ist weniger betroffen als befürchtet.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen
Es brummt nicht mehr

(Bild: Foto: Shutterstock)

Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Mitte Mai standen die Kunden eines Hannoveraner Penny-Marktes vor vielen leeren Regalen. Die Filiale hatte zum Weltbienentag alle Produkte ausgeräumt, die es in einer Welt ohne Bienen und damit ohne deren Bestäubung nicht gäbe. Mit eindrücklichem Ergebnis: 60 Prozent des Angebots fehlten. Es gab keine Äpfel und Melonen, keine Fertiggerichte wie Pizza mit Sonnenblumenöl, keinen Fruchtjoghurt, mangels Kakaobohnen keine Schokolade und auch keine Pflegeprodukte mit Pflanzenextrakten. Gemüse wie Tomaten und Brokkoli, Brot und andere Getreideprodukte sowie Wein aus Trauben und Bier aus Hopfen waren dagegen erhältlich. Alle diese Pflanzen werden vom Wind bestäubt, befruchten sich selbst oder vermehren sich durch Triebe.

Gelungene PR-Aktionen wie diese, mit der das Penny-Mutterunternehmen Rewe und der Naturschutzbund Deutschland auf die Bedeutung der Bienenpopulationen aufmerksam machen wollten, bleiben im Gedächtnis haften. Auch die Bilder aus China, die Menschen bei der Bestäubung von Obstplantagen zeigen, weil in manchen Regionen die Bienen bereits ausgerottet sind, verdeutlichen das Problem. Und immer mehr Studien stellen einen starken Rückgang bei vielen Insektenarten fest. Laut einer der größten Untersuchungen, die vorigen Herbst im Fachjournal „PLOS One“ veröffentlicht wurde, hat sich die Gesamtzahl der Fluginsekten in Deutschland in den vergangenen 27 Jahren um 75 Prozent verringert.

Der wichtigste Faktor scheint die starke Ausbreitung der Agrarflächen zu sein. In den letzten 50 Jahren nahmen die bestäubungsabhängigen Flächen um ein Drittel zu, während Grünstreifen, Blütenwiesen und strauchbewachsene oder unbeackerte Flächen zurückgingen. Deshalb fehlt es den Bestäuberinsekten an Nistplätzen und zusätzlichen Futterquellen. Hinzu kommen Experten zufolge Pestizide und Insektizide, die vom Wind weitläufig verwirbelt werden und ins Grundwasser gelangen. Der Klimawandel, der Befall mit Parasiten und die Ausbreitung von invasiven Fressfeinden tun ihr Übriges.

Bei den Wildbienen, zu denen auch die Hummeln gehören, steht in einigen Ländern mehr als die Hälfte der Arten auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Für die Biodiversität sind das zweifellos keine guten Nachrichten, ebenso wenig für die Bestäubung vieler Wildpflanzen. Und es weckt die Sorge, dass auch Teile unserer Lebensmittelversorgung bald durch großflächige und dauerhafte Ernteausfälle gefährdet sein könnten.

Die Fokus-Artikel im Einzelnen:

Seite 66 - Zukunft: Gelingt es, die Ernährung umweltverträglicher zu machen?

Seite 68 - Insekten: Der weltweite Rückgang der Bestäuber könnte den Ernteertrag mindern

Seite 70 - Dürren: Neue Pflanzensorten und Bewässerungsmethoden sollen Hungersnöte abwenden

Seite 76 - Ökobilanzen: Heimische Äpfel sind nicht immer umweltfreundlicher als Obst aus Übersee

Seite 78 - Fälschungen: Deutschland baut ein Spezialregister auf, um Lebensmittelbetrüger aufzuspüren

Seite 80 - Nährstoffe: Der Klimawandel schadet der Qualität von Reis und Getreide

Seite 82 - Essay: Gesund zu essen ist gar nicht so schwer, findet der Bestsellerautor Bas Kast

(inwu)