"Facebook ist doch abwegig"

Respekt vor der Privatsphäre hat in sozialen Netzwerken selten Priorität. Das Open-Source-Projekt Diaspora soll das ändern. Mitgründer Maxwell Salzberg erklärt, wie Vernetzung auch ohne übermächtigen Zentraldienst funktioniert.

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  • Claudia Wessling

Respekt vor der Privatsphäre hat in sozialen Netzwerken selten Priorität. Das Open-Source-Projekt Diaspora soll das ändern. Mitgründer Maxwell Salzberg erklärt, wie Vernetzung auch ohne übermächtigen Zentraldienst funktioniert.

Mitte Juni war es so weit: Das soziale Netzwerk Facebook schaltete auch für Deutschland eine Funktion frei, die automatisch Gesichter in auf Facebook veröffentlichten Fotos erkennt. Dabei macht gerade die Unmenge hochgeladener Bilder die Gesichtskontrolle möglich. Rund 700 Millionen Anwender weltweit verfügen derzeit über ein Benutzerkonto bei Facebook, von dem aus sie chatten, E-Mails schreiben, Termine planen und Fotos oder Videos verbreiten – kurz: ihr Leben offenlegen. Experten warnen zunehmend vor dieser Offenherzigkeit.

Das US-amerikanische soziale Netzwerk Diaspora vermeidet diese zentrale Anhäufung von personenbezogenen Daten durch das Konzept der Dezentralität. Der entscheidende Vorteil dabei: Der Anwender hat weit mehr Kontrolle über die Weiterverbreitung seiner eigenen Daten. Maxwell Salzberg bezeichnet sich selbst als Hacker. Der 23jährige hat ein Informatikstudium an der New York University absolviert und kümmert sich seitdem verstärkt um den Aufbau von Diaspora. Seine drei Mitgründer und Freunde Dan Grippi, Raphael Sofaer und Ilja Zhitomirskiy stammen von derselben Fakultät.

Technology Review: Herr Salzberg, eigentlich hätten Sie sich als erfolgreicher Absolvent der New York University auch einen gut dotierten Job bei Google oder Apple suchen können. Warum haben Sie sich in ein Projekt wie Diaspora gestürzt?

Maxwell Salzberg: Inspiriert hat uns Eben Moglen, ein Jura-Professor an der Columbia-Universität. Er hat in einem Vortrag zentralisierte soziale Netzwerke wie Facebook als "Spionage frei Haus" kritisiert. Dann hat er eine Idee entwickelt von einer "Freedom-Box", ein Gerät vielleicht so groß wie ein Akku, das jeder bei sich tragen und mit dem er sich in seine sozialen Netzwerke einloggen könnte. Auf der Box sind die persönlichen Daten – natürlich verschlüsselt – gespeichert, und der Inhaber kann selber bestimmen, was er preisgibt. Als Computernerds hatten wir, bis auf meinen Mitstreiter Dan Grippi, natürlich alle einen Facebook-Account und waren von Ebens Vortrag wirklich beeindruckt. Seinen Aufruf "Wir sind Technik-Experten, wir können das besser" haben wir uns zu Herzen genommen.

TR: Und dann bekamen Sie nach einem Artikel über Sie in der "New York Times" vom Mai 2010 mehr als 200.000 US-Dollar Starthilfe und mehr Aufmerksamkeit, als Sie sich je hätten träumen lassen...

Salzberg: Es war wirklich ein bisschen wie ein verrücktes Märchen damals. Eigentlich hätten uns 10.000 US-Dollar für den Anfang gereicht. Seit Oktober ist die Alpha-Version mit dem Quellcode von Diaspora nun online, in wenigen Monaten wollen wir eine Beta-Version herausbringen. Wir sind nach San Francisco gezogen, wo uns die Firma Pivotal Labs Büroräume angeboten hat. Das ist großartig, weil bei Pivotal eine Menge Leute arbeiten, die viel praktische Erfahrung mit der Programmiersprache Ruby mitbringen, die wir für Diaspora benutzen.

TR: Inwieweit ist Ihr Ansatz denn anders als der von Facebook?

Salzberg: Wir arbeiten an einem föderalen System, das die vielen kleinen und oft sehr spezialisierten Netz-Communities enger verbindet. Mein ehemaliger Zimmergenosse zum Beispiel ist ein Audio-Freak, er treibt sich immer in Foren herum, in denen ausschließlich über handgearbeitete deutsche Lautsprecher diskutiert wird. Die Leute sollen die in einem Forum ausgetauschten Informationen auch woanders einspeisen können – wenn sie es wollen. Unsere Software, die ja Open Source ist, soll es den Communities erlauben, auf ganz individuelle Weise Inhalte mit anderen zu teilen.

TR: Auf Facebook tummeln sich derzeit rund 700 Millionen Nutzer. Glauben Sie wirklich, dieses Mega-Netzwerk eines Tages ersetzen zu können?

Salzberg: Ich habe schon den Eindruck, dass Facebook inzwischen zu groß geworden ist, um noch gut zu sein. Es ist irgendwie langweilig geworden. Aber ob nun Diaspora oder ein anderes föderales System Facebook ersetzen wird – wer kann das sagen? Facebook wird nicht für immer da sein, genauso wie AOL, das auch mal als nicht wegzudenken galt.

TR: Was hindert denn Diaspora derzeit?

Salzberg: Unser größtes Problem ist, wie wir die Leute überzeugen können, unser System zu nutzen. Viele können sich unter einem dezentralen Netzwerk noch nichts vorstellen.

TR: Dann erklären Sie es doch mal.

Salzberg: Bei Facebook ist der Nutzer völlig abhängig von der zentralen Seite. In unserem dezentralen Modell sind all die Foren und Communities im Netz wie kleine Daten-Silos, die ihre Einzigartigkeit bewahren – aber miteinander kommunizieren. Der Nutzer bestimmt selbst, von wo aus er seine Infos und sozialen Beziehungen steuert. Das kann der eigene Rechner sein. Er behält selbst die Kontrolle darüber, was er preisgibt und was nicht.

TR: Besonders Computer-Laien sind vielleicht abgeschreckt von einem System, in dem der eigene Rechner Teil des Netz-werks ist – was ja doch einige Kenntnisse erfordert. Reicht ein datenschutzfreundliches Konzept, um Facebook Konkurrenz zu machen?

Salzberg: In unserem System muss man nicht den Zugang zum eigenen Rechner freigeben. Wir stellen uns das vor wie beim Einrichten eines E-Mail-Kontos: Du meldest bei einem vertrauenswürdigen Betreiber eines Diaspora-Servers einen Account an und behältst deine Daten und Dokumente schön bei dir zu Hause. Das Freigeben geschieht immer aktiv. Es ist doch abwegig, seine gesamten Daten wie bei Facebook einer zentralen Plattform zu überantworten. Um Zugang zu deiner Community zu bekommen, musst du alles ausliefern und die Bedingungen des Anbieters schlucken, der wiederum keinerlei Gegenleistung erbringt. Immer mehr Leute fühlen sich da zu Recht betrogen.

TR: Nach Veröffentlichung Ihrer Entwicklerversion hat die erste Kritik nicht lange auf sich warten lassen. Da war die Rede von Sicherheitslücken, dass zum Beispiel Eindringlinge eingestellte Fotos einfach löschen könnten.

Salzberg: Die meisten dieser Fehler waren innerhalb von 20 Minuten behoben, außerdem befinden wir uns ja noch in einem frühen Stadium. Unsere Strategie ist, dass wir lieber frühzeitig und häufig neuen Code veröffentlichen und auf die Open Source Community zählen, die uns bei Verbesserungen hilft. Wir halten nichts davon, theoretisch über Problemen zu brüten, die der Computer vielleicht haben könnte. Wir beschäftigen uns mit technischen Problemen, wenn sie auftreten.

TR: Wie funktioniert denn die Zusammenarbeit mit der Open-Source-Gemeinde?

Salzberg: Im Kern wird das System von uns vier Gründern entwickelt. Es gibt derzeit wöchentlich etwa 5000 aktive Beiträge auf unserem Diaspora-Server, wir müssen das schon aus organisatorischen Gründen begrenzen, indem wir Einladungen vergeben. Aber insgesamt sind wir sehr liberal: Wenn jemand bewiesen hat, dass er aktiv mitarbeiten und einige grundlegende Regeln beachten will, gebe ich ihm dieselben Rechte wie mir selbst. Es ist wie bei vielen Open-Source-Projekten: Wer am meisten daran arbeitet, fällt die Entscheidungen. Wenn jemand versuchen würde, uns zu schaden, würden wir natürlich eingreifen. Aber bislang sind alle sehr konstruktiv. Sehr aktive Mitstreiter haben wir auch in Deutschland: Ein Typ unterhält einen Diaspora-Server zu Testzwecken, auf dem sich angeblich 20.000 Leute angemeldet haben.

TR: Welche Ziele haben Sie sich für die kommenden Monate oder Jahre gesetzt?

Salzberg: In den kommenden zwei Jahren wollen wir vor allem den Kreis der Kernentwickler erweitern. Viele haben uns vorgeworfen, uns irrationalen Spielereien hinzugeben. Aber das Ganze braucht viel Disziplin. Die 200.000 Dollar haben wir auch noch nicht ausgegeben, wir sind schließlich keine Glücksritter.

TR: Woran arbeiten Sie gerade?

Salzberg: Technisch ist es zurzeit etwas kompliziert: Wir arbeiten gleichzeitig an den Features auf der Diaspora-Website und der Programmierung der Funktionen für die dezentrale Kommunikation von Communities und das Befördern der sozialen Daten. Beides soll eng miteinander verknüpft sein. Das macht es später für die Nutzer leichter, maßgeschneiderte Funktionen selbst einzubauen. Wir wollen, dass der Nutzer die Features später selbst wählt oder so verändern kann, wie er sie nutzen möchte.

TR: Was passiert, wenn mehrere Anwender ihre Rechner oder Server ausschalten und damit auch Knotenpunkte im Netzwerk von Diaspora eliminieren?

Salzberg: Mit unserer derzeitigen Nutzergemeinde ist es in der Praxis noch nicht aufgetaucht. Aber wir haben schon eine Idee: Das System könnte zum Beispiel mit dem Verschicken einer Nachricht warten, bis der Server wieder online ist. So wie wenn ein Handy ohne Netz ist und die SMS eben erst eintrudeln, wenn das Netz wieder da ist.

TR: Bei all dieser Komplexität haben Sie keine Angst vor dem Scheitern?

Salzberg: Darüber denke ich gar nicht nach. Ich habe in den letzten Monaten mehr über Programmierung und Datenschutz gelernt, als ich mir je hätte träumen lassen. Scheitern ist schwierig, wenn du Spaß hast.

TR: Eine letzte Frage: Ausgerechnet auf Facebook gab es eine Diskussion über Ihren Namen. Maxwell Salzberg gegen Mark Zuckerberg? Salz und Zucker – das kann doch kaum Zufall sein.

Salzberg: Doch, doch. Das ist reiner Zufall. (bsc)