Fälschungen digital und analog: Da blüht uns was

Gefälschte Produkte, gefälschte Wissenschaft und Kunst, gefälschte Videos: Das Geschäft um Betrug floriert. Wie können wir zukünftig feststellen, was wahr ist?

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Von
  • Jennifer Lepies

Mit einer schwarzen Kladde aus einem Konsumladen in der DDR und den goldfarbenen Initialen „FH“ in Fraktur begann die wohl größte Fälschung in der jüngsten Mediengeschichte: Die Hitler-Tagebücher von Konrad Kujau – Fake News im Jahr 1983.

Kujau brauchte nur diese Zutaten – und ein wenig Fantasie. Zahlreiche Menschen fielen auf den Betrug herein: Angefangen vom Verlagsvorstand bei Gruner + Jahr bis hin zu zahlreichen Historikern und Gutachtern. Aufklärung brachte schließlich eine chemische Papieranalyse.

Was ist Kopie und was Original? Das ist auch die Leitfrage für den Verein „Aktion Plagiarius“, der Plagiate öffentlichkeitswirksam anprangert. Vom Industriedesigner Rido Busse gegründet, vergibt der Verein bereits seit 1977 jedes Jahr den Schmähpreis „Plagiarius“ an besonders dreiste Kopien.

In diesem Jahr belegte den ersten Platz ein Küchenschneidegerät namens „Nicer Dicer Quick“, das von der Firma Genius in Limburg stammt, aber von einer chinesischen Firma eins zu eins kopiert wurde: Verpackung, Firmen- und Produktname, Text und Abbildungen der englischsprachigen Bedienungsanleitung – alles stimmt mit dem Original überein. Im Gebrauch allerdings zeigt sich der Unterschied durch wackelige und stumpfe Schneidklingen – und das Firmenlogo fehlt.

Die Nicer-Dicer-Kopie stammt aus einem florierenden Markt. Die EU-Zollbehörden haben 2018 knapp 27 Millionen Artikel beschlagnahmt. Das entspricht einem Wert von fast 740 Millionen Euro und einer Steigerung von rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Fast 37 Prozent der beschlagnahmten Ware – hauptsächlich aus China – waren Fälschungen von Produkten für den täglichen Gebrauch wie Körperpflegeprodukte, Medikamente, Spielwaren und elektrische Haushaltsgeräte.

Die Folgen für die Originalhersteller sind gravierend. Sie verlieren Aufträge und Umsätze – vom Imageverlust ganz zu schweigen. Allein 476800 Stellen und bis zu 60 Milliarden Euro jährliche Einnahmen gehen ihnen nach Angaben des EU-Amtes für geistiges Eigentum (EUIPO) durch die Fälschungen verloren.

Zudem steigt der Anteil von betroffenen Firmen seit Jahren kontinuierlich an: Laut der VDMA-Studie „Produktpiraterie 2020“ gaben unter den befragten Mitgliedsunternehmen im Maschinen- und Anlagenbau im Jahr 2010 62 Prozent an, Opfer von Fälschungen zu sein. Im Jahr 2020 waren es bereits 74 Prozent.

Dabei gibt es Technologien und Ansätze, die helfen, die Verbreitung von Fake-Produkten zu unterbinden und die Plagiateure dingfest zu machen. Das zeigt unter anderem unser Beitrag über nachgemachte Kühlergrills, die mithilfe von Fahndungssoftware aufgespürt werden konnten. Eine Mischung aus Algorithmen, findigen Rechercheuren und der internationalen Zusammenarbeit führte in diesem Fall zum Ziel.

Auf sich allein gestellt ist dagegen die Mikrobiologin Elisabeth Bik. Sie hat schon Tausende Forschungsarbeiten allein mit dem bloße Auge auf gefakte Bilder hin „gescannt“ und Verlage auf Betrug hingewiesen. Etliche Studien wurden dadurch bereits korrigiert oder ganz zurückgezogen.

Dabei sind die Reaktionen erstaunlich zurückhaltend: Weder Universitäten noch Verlage wollen es allzu genau wissen, beklagen die Fälschungsdetektive. Stillschweigen herrscht auch in der Kunstszene, wenn Sammler oder Museen auf Tricks von Fälschern hereingefallen sind.

Wenn wir heute Fake News beklagen, sind sie auch das Ergebnis von einem zu lässigen Umgang mit Wahrheit. Vom falsch bebilderten (Online-)Artikel bis zum gefälschten Video – es wäre naheliegend, die Fälschung an allen Fronten zu bekämpfen.

Aber wie so oft ist es nicht ganz so einfach: Die Technik kann auch guten Zwecken dienen, etwa wenn Ermittler Deep Fakes erstellen, um Kinderpornografie-Ringe auszuheben. Zwar gibt es Methoden, Videomanipulationen zu erkennen. Aber sie werden es wohl niemandem ersparen, selbst zu beurteilen, was wahr und was Fälschung ist. Wer der Wahrheit nahe kommen will, muss ihr auch entgegengehen.

(bsc)