Fast schon Bargeldlos

Im hohen Norden Europas ist die neue Etappe des digitalisierten Bezahlens bereits in vollem Gang.

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Im hohen Norden Europas ist die neue Etappe des digitalisierten Bezahlens bereits in vollem Gang.

Wer als Tourist in Schweden dringend auf eine öffentliche Toilette muss, hat ein Problem. Die neuen Bezahl-Toiletten lassen sich nur öffnen, indem man eine SMS an die dort aufgeklebte Nummer schickt. Allerdings: Der "Sesam-öffne-dich" funktioniert nur mit einem schwedischen Handy.

Im hohen Norden Europas ist die neue Etappe des digitalisierten Bezahlens bereits in vollem Gang. Der Ökonom Niklas Arvidsson von der Königlich Technischen Hochschule KTH in Stockholm prognostiziert in seinem aktuellen Report "Die bargeldlose Gesellschaft", dass das Land schon bald völlig ohne Bargeld auskommen wird. Bis 2030 wird die letzte Öre-Münze verschwunden sein, so seine Prognose.

Schon jetzt zählen die Skandinavier zu den bargeldlosesten Gesellschaften der Welt. Während in Deutschland noch 80 Prozent aller Transaktionen mit Bargeld getätigt werden, ist es in Schweden genau umgekehrt. Ob beim Cola-Automaten am Flughafen oder bei der Kollekte in der Carl-Gustafs-Kirche in Karlshamn: Krone und Öre werden nicht akzeptiert. Auch Bargeldkassen in Supermärkten sterben aus. Ein Drittel aller Banken hantieren bereits ohne Bargeld – zum Ärger eines Bankräubers, der kürzlich eine solche Bank überfiel.

Sechs der größten Banken bieten zudem eine App namens "Swish" an. Mit ihr kann man auf Knopfdruck Geld zwischen Konten hin und her "swishen". Um beispielsweise Freunden eine Auslage zu erstatten, braucht man jetzt nur noch die mobile Telefonnummer des Empfängers, der Sekunden nach der Überweisung die Eingangsbestätigung erhält. Beide Geräte müssen nur mit einem persönlichen schwedischen Bankkonto verknüpft sein.

Für das Land rechnet sich der elektronische Zahlungsverkehr. Denn mit Scheinen und Münzen zu hantieren ist teuer. Rund eine Milliarde Euro im Jahr kostet der materielle Geldumlauf den schwedischen Staat. Einzelhändler müssen zusätzlich für jede Bargeldzahlung umgerechnet 50 Eurocent einrechnen. Bei einer Kartentransaktion fallen nur 32 Eurocent an. Auch in der Kriminalitätsstatistik zeigen sich laut Arvidsson die Vorteile: Nicht nur Räuber haben es schwerer, auch Korruption und Schwarzarbeit gingen zurück, da bei elektronischen Transaktionen immer eine digitale Spur verfolgbar sei. Der Ökonom fordert allerdings Bargeld als Backup: Cash sei das einzige System, das weder bei Stromausfall noch einem Hackerangriff versage. (bsc)