Forscher: Ökolandwirtschaft nicht klimaschonend genug

An der Natur orientiertes Bauerntum gilt als gut für die Umwelt. Das Problem: Der Flächenverbrauch steigt – und mit ihm der CO2-Ausstoß.

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Forscher: Ökolandwirtschaft nicht klimaschonend genug

Kühe auf einem Feld.

(Bild: alanisko / shutterstock.com)

Von
  • James Temple

Es wäre fantastisch, wenn alle Menschen sich mit Biogemüse, Bioobst und Biofleisch ernähren könnten. Denn grundsätzlich sollte das nicht nur gesünder sein, sondern aufgrund weniger industrieller Prozesse auch klimaschonender. Das Problem: Der Flächenverbrauch geht bei der Ökolandwirtschaft ganz automatisch hoch. Wollte man die aktuelle Menge an Nahrung nur auf diese Art produzieren, müsste man bestehende Wiesen- und Waldflächen wohl reduzieren.

Wie deutlich, darüber gab es bislang unterschiedliche Theorien. Eine eine neue Studie, die soeben in "Nature Communications" erschienen ist, kommt nun zu dem Schluss, dass sogar mehr Klimagas entstehen würde als mit konventioneller Landwirtschaft. Andere Untersuchungen aus den letzten Jahren kommen zu einem ähnlichen Schluss: Biologische Landwirtschaft produziert mehr CO2 als konventionelle Feldarbeit, sobald der zusätzliche Flächenbedarf eingerechnet wird.

In ihrer neuen Untersuchung analysierten Forscher an der Cranfield University in Großbritannien nun, was passieren würde, wenn ganz England und Wales komplett auf Ökolandwirtschaft umstellen würde.

Die gute Nachricht ist, dass zumindest die direkten Klimagase durch Fleischtierzucht um fünf Prozent und die durch den Anbau von Feldfrüchten um 20 Prozent sinken würde – jeweils auf eine Produktionseinheit heruntergebrochen. Die schlechte Nachricht: Der Ertrag würde gleichzeitig um rund 40 Prozent sinken, was die dann hungrigen Briten dazu zwingen würde, mehr Nahrung aus dem Ausland zu importieren. Würde nur die Hälfte der benötigten Fläche aus natürlichen Wald- und Wiesenflächen gebildet, in denen Kohlenstoff in Pflanzengewebe, Wurzeln und der Erde gespeichert werden, hätte dies ein Anwachsen der gesamten CO2-Emissionen um 21 Prozent zufolge.

Ökolandwirtschaft vermeidet unter anderem die Verwendung künstlicher Dünger, von Pestiziden und genetisch veränderten Organismen. All diese Dinge können die pro Hektar produzierte Menge an landwirtschaftlichen Gütern signifikant erhöhen. Stattdessen setzen Biolandwirte auf Verfahren wie das Düngen mit Tiermist, die Kompostierung oder den Fruchtflächenwechsel, bei dem verschiedene Pflanzengattungen auf einem Feld angebaut werden, um die Bodenqualität zu erhalten.

Die britische Studie zeigt, dass diese biologischen Maßnahmen weniger Emissionen generieren als die Stickstoff-basierten synthetischen Düngemittel, wozu insbesondere das hochpotente Klimagas Distickstoffmonoxid (Lachgas) gehört. Die Verwendung von Tiermist und der Fruchtflächenwechsel können wiederum sogar helfen, mehr CO2 im Boden zu speichern.

Der CO2-Ausstoß durch die Erzeugung von Fleisch, Milch und Eiern auf biologischem Weg ist jedoch ein komplexeres Thema. Einerseits könnten sich Emissionen erhöhen, weil die Tiere ohne Hormone, Nahrungszusätze und konventionelles Futter nicht so schnell an Gewicht zulegen. Kühe leben so länger und geben auch mehr Methan ab, ein ebenfalls besonders potentes Klimagas. Andererseits sorgt ein längeres Grasen der Tiere auf Weideflächen dafür, dass Pflanzen besser nachwachsen, was wiederum mehr CO2 speichert. Und konventionelle Futtermittel sind ebenfalls nicht unbedingt klimafreundlich.

Das größere Problem, sowohl bei Feldfrüchten als auch bei der Tierzucht, liegt allerdings darin, dass Ökolandwirtschaft stets mehr Fläche braucht, um die Ertragsmenge zu halten. Schließlich geht es bei künstlichem Dünger darum, den Output zu erhöhen, indem eine bestimmte Menge an Stickstoff zum Pflanzenwachstum verwendet wird. Die Hülsenfrüchte, die Biobauern zwischendurch anbauen, damit sich der Stickstoff in reaktivere Komponenten im Boden verwandelt, nehmen Fläche weg, auf der sonst etwas anderes wachsen könnte, so die Studie.

In England und Wales würde man für 100 Prozent Biolandwirtschaft einen neuen Flächenbedarf mit einem Faktor 1,5 haben – der aber faktisch im Inland nicht vorhanden ist. Bis zu fünf Mal mehr Fläche im Ausland müsste deshalb wohl geschaffen werden, als England und Wales derzeit benötigen. Dieser Unterschied wird noch dadurch verstärkt, dass sich das britische Landwirtschaftssystem durch besonders hohe Erträge auszeichnet.

Der Effekt ist offenbar größer als in früheren Untersuchungen beschrieben. In einer 2012 erschienenen Metaanalyse in "Nature" heißt es noch, dass die Erträge im Biobereich zwischen 5 und 34 Prozent geringer seien, als solche aus konventioneller Landwirtschaft – je nachdem, welche Feldfrüchte gezogen und welche Methoden angewendet werden.

In einer Studie aus "Nature Communications" heißt es wiederum, dass der Umstieg zu Biolandwirtschaft den Flächenbedarf um 16 bis 33 Prozent erhöht.

Mehr Infos

Durch die Untersuchung des gesamten Landwirtschaftssystems in England und Wales hilft die Studie nun dabei, Unklarheiten aus früheren Erhebungen aufzulösen. Die hätten sich vor allem auf bestimmte Betriebe und Produkte konzentriert, meint Dan Blaustein-Rejto, stellvertretender Direktor für Nahrungsmittel und Landwirtschaft am Breakthrough Institute, einem Thinktank, der technische Lösungen für Umweltherausforderungen sucht.

"Wer sich nur den einzelnen Betrieb ansieht, kann nicht sehen, wie weitläufig der Übergang zur Biolandwirtschaft wäre. Nur eine solche Studie, die eine systemweite Perspektive liefert, tut dies wirklich."

Die Welt muss Mittel und Wege finden, Emissionen und Umweltverschmutzung durch künstliche Düngemittel zu reduzieren. Doch dabei reicht es nicht, wenn einfach mehr Land zu Bioland wird – und die Bevölkerung womöglich nicht mehr ernährt werden kann. Deshalb arbeiten Forscher mittlerweile an neuen Verfahren, die gleichzeitig gute Erträge liefern. Und Fleisch- und Milchalternativen gibt es ja auch noch.

(bsc)