Forscher: Visa-Einschränkungen gefährden US-Position bei künstlicher Intelligenz

Präsident Trump will Jobs in den USA für einheimische Arbeitskräfte sichern. Doch laut Experten ist das vor allem eine Schwächung für den Zukunftsmarkt KI.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 24 Beiträge

(Bild: Ms Tech | Gage Skidmore, Pixabay)

Von

Schon vor der Verfügung von US-Präsident Donald Trump zur Einschränkung von Arbeitsvisa Ende Juni war die Entwicklung in den USA anders als im Rest der Welt. Andere Länder haben in den vergangenen fünf Jahren ihre Grenzen für hochqualifizierte Technik-Arbeitskräfte geöffnet. Die USA dagegen blieben bei ihren Einwanderungsregeln und haben sie zum Teil noch verschärft. Heimische Unternehmen haben deshalb mit Personal-Engpässen zu kämpfen.

Nachdem Trump jetzt entschieden hat, verschiedene Arbeitsvisa auszusetzen, fragen sich Politik-Beobachter, was das für die langfristige Innovationsfähigkeit der USA bedeuten könnte. Besonders wichtig ist für sie das Visum H-1B. Es wird spezialisierten ausländischen Arbeitnehmern für drei Jahre gewährt und ist einer der wichtigsten Kanäle für US-Unternehmen, um hochqualifizierte Mitarbeiter zu bekommen.

„Die wichtigsten Konkurrenten der USA gehen in eine andere Richtung“, sagt Tina Huang, Analystin am Georgetown Center for Security and Emerging Technology (CSET). „Historisch haben die USA auf Talente aus dem Ausland zurückgegriffen, um ihre technologische Dominanz zu sichern, und die wichtigsten Konkurrenten sind sich dessen bewusst.“ Gut denkbar wäre laut Huang, dass andere Länder jetzt die Chancen nutzen, um mit erleichterter Einwanderung Arbeitskräfte von den USA wegzulocken.

Trumps Visa-Sperre ist Teil von breiteren Bemühungen seiner Regierung, Jobs in den USA für Amerikaner zu reservieren. Schon vorher hatte der Berater Stephen Miller argumentiert, die Wirtschaftsflaute durch die Corona-Pandemie mache Maßnahmen gegen Einwanderung noch wichtiger.

Doch dieses Argument setzt voraus, dass es für jede abgewiesene Arbeitskraft aus dem Ausland einen Amerikaner gibt, der ihren Job übernehmen kann. Ob das in der Technologie-Branche allgemein der Fall wäre, darüber wird laut Huang diskutiert. Ganz sicher gelte es aber nicht für den speziellen Bereich der Künstlichen Intelligenz.

Tatsächlich kommt aktuell die Mehrzahl der dort Beschäftigten in den USA aus dem Ausland, geht aus einer Analyse des Think-Tanks MacroPolo hervor. 69 Prozent der KI-Forscher bei US-Organisationen haben demnach ihren ersten Abschluss außerhalb der USA gemacht. Ebenso stammen zwei Drittel der Teilnehmer an den wichtigsten Doktor-Studiengängen aus dem Ausland, und 80 Prozent von ihnen sind fünf Jahre nach dem Abschluss noch in den USA ansässig.

Schon ohne die neuesten Einschränkungen herrscht in den USA Knappheit an KI-Talenten. Forscher klagen seit langem, dass strenge Visa-Regeln ihr Innovationstempo begrenzen. Im Februar 2019 unterzeichnete Präsident Trump eine nationale KI-Strategie. Damals kritisierte Oren Etzioni, CEO des gemeinnützigen Allen Institute for Artificial Intelligence, in der Strategie fehle ein spezielles Visa-Programm für Experten auf dem Gebiet. Ian Goodfellow, Leiter Maschinenlernen bei Apple, schloss sich an: „Die Visa-Einschränkungen für meine Kollegen waren in den vergangenen Jahren mit das größte Hemmnis für unsere kollektive Produktivität in der Forschung“, sagte er.

Trumps neue Verfügung dürfte das Problem noch gravierender machen. Nach Schätzungen des CSET haben mindestens 35 Prozent der Inhaber von H-1B-Visa einen Abschluss mit KI-Bezug und fast 75 Prozent arbeiten im Computer-Bereich. Obwohl noch nicht klar ist, wie lange die Aussetzung gilt, führt die Entscheidung schon zu Unsicherheit, sagt Zachary Arnold, der dort als Research Fellow tätig ist. Seine Befürchtung: Talente könnten beschließen, ihr Glück außerhalb der USA zu suchen, weil dort nicht klar ist, ob sie bleiben dürfen.

Wohin könnten sie dann gehen? In ihrer neuesten Studie nennen Huang und Arnold Kanada, Großbritannien, Frankreich und Australien als die wichtigsten Konkurrenten der USA um KI-Experten. Alle vier Länder haben erklärt, ihre Kompetenzen auf diesem Gebiet ausbauen zu wollen, und in den vergangenen fünf Jahren bedeutende Einwanderungsreformen verabschiedet. In den USA gilt eine Obergrenze von maximal 85.000 H-1B-Visa pro Jahr, und die Beantragung dauert sieben bis zwölf Monate. In den genannten Konkurrenz-Ländern dagegen gibt es keine Maximalzahl und höchstens drei Monate Wartezeit.

Die kurzsichtige US-Einwanderungspolitik könnte deshalb langanhaltende Folgen für das Land haben, fürchten die beiden Forscher. „Talente sind für die USA ein fundamental wichtiger Produktionsfaktor“, erklärt Arnold – sie seien die Grundlage für alles andere. Wenn die USA ihre Wettbewerbsfähigkeit behalten wollten, müssten sie deshalb KI-Experten von den aktuellen Visa-Sperren ausnehmen und klare Wege zu einem dauerhaften Aufenthaltsrecht schaffen, sagt er.

Sollte das Land dagegen weiter in die Richtung von Trumps neuer Anweisung gehen, wartet Kanada schon mit offenen Armen. So hat die Regierung des Landes Plakat-Werbung im Silicon Valley gebucht. „Probleme mit H-1B? Wechseln Sie nach Kanada“, heißt es darauf.

(sma)