Ausstellung über Fotoindustrie: Raubbau an der Natur und Umweltverschmutzung

Fotos machen nicht nur auf Umweltverschmutzung und Raubbau aufmerksam, sie sind auch Teil davon. Das zeigt das Museum für Kunst & Gewerbe in einer Ausstellung.

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(Bild: MheePanda/Shutterstock.com)

Von
  • Ulrike Heitmüller

Dass man mit Fotos auf Umweltverschmutzung und Raubbau an der Natur aufmerksam machen kann, ist klar: Wer kennt nicht die Bilder von Kindern, die in Bangladesch auf Müllhalden arbeiten, wer sah nie Fotos von Brachen im Amazonasgebiet, wer wüsste nichts von den Minen und ihren grauenvollen Arbeitsbedingungen in Afrika und anderswo?! Fotoreportagen machen solche Missstände bekannt, sie können, wenn es gut geht, eine gesellschaftliche Debatte anregen und im besten Fall sogar den Anstoß zur Verbesserung der Lage geben.

Aber die Dialektik der Fotografie liegt darin, dass die Fotoindustrie selber zum Raubbau an der Natur und zur Umweltverschmutzung beiträgt. Im 19. Jahrhundert hatte sie Salz und Kupfer benötigt. Im späten 20. Jahrhundert war sie die wichtigste Abnehmerin für Silber – "bei unseren Recherchen haben wir herausgefunden, dass die Fotoindustrie auf ihrem Höhepunkt Ende des 20. Jahrhunderts über die Hälfte […] der weltweiten Silberproduktion verbraucht hat", so Kurator Boaz Levin. Und heutzutage, mit Smartphones und der digitalen Fotografie, braucht sie seltene Erden wie Kobalt, Koltan und Europium, und die Speicherung und Verbreitung von Fotos in der Cloud produziert viel CO₂.

Wie und in welchem Ausmaß das geschieht, zeigt das Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg in seiner bemerkenswerten Ausstellung "Mining Photography. Der ökologische Fußabdruck der Bildproduktion" noch bis Ende Oktober. Die Ausstellung erzählt die Geschichte der Fotografie als eine Geschichte der industriellen Fertigung. Sie zeigt die Materialgeschichte zentraler Rohstoffe im Kontext der Fotografie sowie den Zusammenhang mit der Geschichte von Abbau und Entsorgung der Rohstoffe und mit dem Klimawandel.

Viele Ereignisse in der Geschichte des Kapitalismus, der Ökologie und der Fotografie laufen parallel zueinander ab, und die Fotografie ist mit der Industrialisierung verflochten. So etwa veröffentlichte William Henry Fox Talbot Mitte des 19. Jahrhunderts mit "Der Zeichenstift der Natur" das wohl erste kommerzielle Buch mit Fotoillustrationen, und gleichzeitig meldete er fünf Patente für Motoren an. "Industrialisierung und Fotografie […] sind eng miteinander verwoben, und man könnte die Fotografie sogar als ein Produkt der Industrialisierung bezeichnen, aber ich denke, es ist vielleicht sogar genauer, sie als ko-konstitutiv zu bezeichnen, in dem Sinne, dass es schwierig ist, sich die Industrialisierung oder das, was wir in unserer Katalogeinführung als 'Kapitalozän' beschreiben – ein geologisches Zeitalter, das durch die kapitalistische Produktion hervorgebracht wurde – ohne die Fotografie vorzustellen", so Boaz Levin.

Am anschaulichsten zeigen sich diese Zusammenhänge beim Silber und bei der Gelatine. Silber ist der wichtigste Rohstoff der Fotoindustrie. Ein Negativfilm besteht aus einer durchsichtigen Trägerschicht, und auf diese wird Silberhalogenid, meist AgBr (Silberbromid) in einer Gelatineschicht aufgetragen. Bei der Belichtung oxidieren die Bromid-Ionen zu Brom und geben Elektronen ab. Silber-Ionen nehmen diese Elektronen auf. Dabei bildet sich Brom und wird in der Gelatine gebunden, und aus weißem Silberbromid wird schwarzes Silber, und so entsteht das Bild. (Sichtbar wird es allerdings erst beim Entwickeln.)

Ein Foto der Ausstellung zeigt einen Wachmann im Tresorraum von Kodak. Über ihm hängen zwei Glühbirnen von der Decke. Hinter ihm liegen riesige Stapel Silberbarren und ein Arbeiter reicht einem anderen einen einzelnen Barren zum Aufstapeln. Kodak war im 20. Jahrhundert der größte Foto-Produzent und benötigte immer mehr Silber, auch weil immer mehr Menschen fotografierten. Aber der Abbau und die Verarbeitung von Silber schädigen die Umwelt.

Silberbarren im Tresor von Kodak, 1945

(Bild: Von MK&G Kodak Historical Collection #003, Rare Books, Special Collections, and Preservation, University of Rochester, Rochester, N.Y., Used with permission from Eastman Kodak Company)

Der Künstler Simon Starling hat mit einem Elektronenmikroskop zwei Silberpartikel einer historischen Fotografie herausgegriffen und eine dreidimensionale Vergrößerung im Maßstab von 1:1.000.000 geschaffen: übermannshohe Skulpturen aus Edelstahl und Stereofotografie. Das Foto und die daraus geschaffenen Skulpturen betrachten auch das System globaler Produktion, abgebildet sind nämlich chinesische Wanderarbeiter, die im Jahr 1870 als Streikbrecher in eine Schuhfabrik nach Massachusetts geholt wurden, und die Skulpturen wiederum wurden in China gefertigt.

Auch Gelatine ist als Trägersubstanz für das Silber auf dem Fotopapier enorm wichtig in der Fotografie. Gelatine wird aus Knochen gewonnen, und die Ausstellung zeigt dazu ziemlich fürchterliche Fotos; auf einem sieht man sechs Pferdehufe mit blutigen Knochen daran: ein Foto von Madame d´Ora (1881-1963) aus ihrer "Schlachthof-Serie" von 1956/57, einer fotografischen Studie über zwei Pariser Schlachthöfe. Dort wurden Tiere tatsächlich am Fließband getötet. Das wurde erst mit der Industrialisierung möglich und das steht hinter der Herstellung von Gelatine und Gelatinesilberpapier, das für Fotoabzüge verwendet wurde.

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Die Ausstellung zeigt eine ganze Reihe solcher selbstreflexiver Arbeiten, darin liegt ihre besondere Stärke. Sie ist in "Kapitel" aufgeteilt, nämlich "Kupfer", "Kohle und Bitumen: die fossilen Brennstoffe und Moorlandschaften", "Silber", "Papier und seine Beschichtung: Baumwolle, Zellstoff, Gelatine und Zelluloid" und "Seltene Erden, Metalle, Energie und Abfall". Sie betrachtet die Verwicklung von Fotografie und Industrialisierung anhand dieser besonders wichtigen Materialien. Zu jedem Material informiert sie durch ein Interview – mit einem Chemiker, einer Aktivistin, einer Mineralogin, einer Materialwissenschaftlerin und einem Biologen. Dazu stellt sie historische Objekte wie die Fotos vom Tresor bei Kodak und dem Schlachthof sowie zeitgenössische Arbeiten wie die Skulpturen von Simon Starling aus.

Und die Fotoindustrie heute? Bilder auf dem Smartphone, in der Cloud, wirken immateriell, aber im Jahr 2021 wurden, so die Ausstellungsmacher, über eine Billion Bilder produziert, mehr als 90 Prozent mit dem Smartphone. Aber immateriell ist daran nur wenig: Für ein einziges Smartphone können bis zu 75 Elemente verbaut werden, viele davon gelten als Konfliktmaterialien. Und am Schluss entsteht sehr viel Elektroschrott, allein im Jahr 2019 waren es 54 Millionen Tonnen.

Der höchste pro-Kopf-Anteil wird übrigens durch Nordeuropa verursacht und zum größten Teil in Länder mit niedriger Einkommensstruktur und infolgedessen Umweltschäden und erhöhten Gesundheitsrisiken exportiert.

Das Buch zur Ausstellung kostet 36 Euro.

(bme)