Fragen für Quora

Ein Antworten-Portal, das ehemalige Facebook-Manager aufgebaut haben, ist der nächste Hype im Web 2.0. Der Ansturm neuer Nutzer zehrt jedoch an der Qualität des Dienstes.

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Ein Antworten-Portal, das ehemalige Facebook-Manager aufgebaut haben, ist der nächste Hype im Web 2.0. Der Ansturm neuer Nutzer zehrt jedoch an der Qualität des Dienstes.

Momentan ist Quora im Silicon Valley in aller Munde: Das Start-up mischt ein konventionelles Antworten-Portal, bei dem User anderen Usern Fragen stellen können, mit einer Social-Networking-Schnittstelle. Die Site wächst in den letzten Wochen rasant, was auch mit der bislang hohen Qualität von Inhalten und Community zusammenhängen dürfte. Doch genau das wird nun zum Problem: Den Dienst plagen Wachstumsschmerzen.

Quora begann im Januar 2010 zunächst als nur auf Einladung zugängliches Angebot. Das leicht zu bedienende Interface samt der beeindruckenden Silicon-Valley-Kontakte seiner Gründer zog schnell eine Art Nutzerelite an – viele stammten aus den innovativsten Firmen der Szene. Das bedeutete, dass Quora-Nutzer die Meinungen wichtiger Stimmen der Technikwelt lesen konnten: Von Ex-AOL-Gründer Steve Case, der die Dot-Com-Blase erklärte, über Facebook-Mitbegründer Dustin Moskovitz zu den Hintergründen des Films "The Social Network" bis hin zu gut informierten Gerüchten über Googles geplante Social-Media-Strategie.

Quora bietet zudem Funktionen an, wie man sie beispielsweise vom Microblogging-Dienst Twitter kennt: Nutzer können einander "folgen" und werden informiert, sobald Menschen, die sie kennen, Fragen oder Antworten einreichen. Außerdem ist es möglich, bestimmte Fragen oder Themen zu "abonnieren".

Der Hype ist auch deshalb so groß, weil Quora von zwei Facebook-Veteranen gegründet wurde: Adam D'Angelo, zuvor Technikchef bei dem Netzwerkriesen, und Charlie Cheever, Ingenieur und Manager, der die bedeutenden Bereiche Facebook Connect und Facebook Plattform aus der Taufe hob.

Cody Brown, Gründer von Kommons, ein Wissensportal, über das man Twitter-Nutzer öffentlich befragen kann, lobt das Design von Quora. Es sei ein Ort, der im Vergleich zu Blogs und anderen Social-Media-Werkzeugen strukturierter sei. Das Design ermutige Beiträge auch von solchen Nutzern, die sonst üblicherweise bei anderen sozialen Netzwerken wegblieben. "Es ist nicht wie ein konventionelles Blog oder wie Twitter, wo man auf ein leeres Feld starrt und sich dann etwas überlegen muss." Die Einladung zum Mitmachen fühle sich daher weniger narzisstisch an. Dieser Ansatz generierte wohl auch die vielen Inhalte von "Insidern", die wiederum mehr Nutzer anzogen.

Nun stellt sich allerdings die Frage, ob das Niveau erhalten werden kann. Eileen Burbidge, IT-Investorin aus London, die ihr Geld vor allem in Start-ups steckt und vorher Produktmanager beim Antwort-Portal "Yahoo Answers" war, fürchtet, dass Quora Opfer seines eigenen Erfolges werden könnte. "Die Qualität der Inhalte und der Community und ein Massenmarkterfolg widersprechen sich diametral." Das habe sie bei Yahoo gesehen: "Von diesem sehr hohen Niveau wird es abwärtsgehen, je mehr Leute sich anmelden."

Um zu verhindern, dass dieser Effekt eintritt, müsse Quora den Kern seiner Bemühungen vom technischen Bereich hin zur Moderation der Inhalte verlagern, glaubt Burbidge. "Ich kann sagen, dass das auch schon begonnen hat, weil die Leute auf Twitter damit beginnen, sich zu beschweren." So würden etwa Fragen oder Antworten ausgeblendet. Die Seite setzt außerdem stark auf "echte" Identitäten, die die Nutzer durch einen Facebook- oder Twitter-Acount belegen müssen. Auch das helfe bei der Wahrung der Qualität, glaubt Burbidge.

Yahoo Answers ziehe inzwischen mehr Seitenabrufe an als jede andere Yahoo-Site, meint die Expertin – selbst wenn sich dort viele über die merkwürdigen Antworten und schlechte Rechtschreibung lustig machten. "Für die Größe des Angebots sind Qualität und Community gut", ist Burbidge überzeugt. Das Problem sei aber stets gewesen, aus der Popularität auch große Umsätze zu ziehen. Diese Frage steht den Quora-Machern noch bevor.

Bislang halten sich die Ausgaben aber auch noch in Grenzen: Momentan werden weniger als 20 Angestellte beschäftigt. Der möglichen Probleme scheint sich die Firma aber bewusst zu sein, wie ein Statement von Mitbegründer Cheever auf Quora selbst belegt. Schon jetzt sei es "eine große Herausforderung", den Charakter des Angebots zu bewahren. Neunutzern soll geholfen werden, sich besser einzufügen. Vor der ersten Frage müssen sie beispielsweise ein kurzes Quiz absolvieren, in dem ihnen beigebracht wird, welcher Fragestil für Quora angebracht ist.

Cheever schrieb außerdem, dass die Firma qualitativ hochwertige Diskussionen nach vorne ziehen will – mit einem System, bei dem die Nutzer gegenseitig Antworten bewerten, um sicherzustellen, dass das Niveau erhalten bleibt. Dann werden nur noch die besten Beiträge deutlich sichtbar präsentiert. Quora bastelt parallel an neuen Moderationswerkzeugen. Alles kontrollieren wolle man aber nicht. "Wir können nicht vollständig bestimmen, wie Quora wird. Die Inhalte sind schließlich am Ende des Tages das, was die Leute einstellen und editieren."

Kommon-Gründer Brown zweifelt ebenfalls daran, dass Quora viele Nutzer einsammeln und gleichzeitig das Qualitätsniveau halten kann. Seine erste eigene Frage, vor einem Jahr eingestellt, beschäftigte sich bereits mit dem Thema: Wie wird Quora skalieren, wenn es nicht mehr nur eine "Nerd Party" ist? (Der Begriff wurde ihm übrigens später von anderen Nutzern gestrichen.)

Brown glaubt trotzdem daran, dass Quora das Web verändern kann – und zwar ohne ein Riese zu werden wie Yahoo Answers. "Ich glaube, Quora ist eher ein Wettbewerber von TechCrunch und anderen Technik-Blogs und Medien, die über den Dienst geschrieben haben." Eine soziale Frage-und-Antwort-Site, die sich auf bestimmte Themen konzentriert – Silicon-Valley-zentriert oder auch nicht – könnte andere Onlinemedien ersetzen. Schließlich biete Quora die Möglichkeit, direkten Kontakt mit wichtigen Figuren der Szene zu erhalten. (bsc)