Frankenstein-Ratte: Woran die Wiederbelebung ausgestorbener Arten scheitern kann

Dänische Forschende haben versucht, das Erbgut einer ausgestorbenen Rattenart zu rekonstruieren. Dabei kam ihnen die Evolution in die Quere.

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Die ausgestorbene Maclear-Ratte von der Weihnachtsinsel wollten dänische Forscherinnen und Forscher wieder zu neuem Leben erwecken.

(Bild: Wikipedia / gemeinfrei)

Von
  • Gregor Honsel

Kein Dinosaurier, kein Mammut, sondern eine Ratte: Die Forschung ist mal wieder deutlich unglamouröser als die Science Fiction. Ausgerechnet die ausgestorbene Maclear-Ratte hat ein dänisches Forschungsteam als Fallbeispiel für eine Wiederbelebung gewählt. Der Nager war auf den Weihnachtsinseln heimisch und ist zuletzt um 1908 lebend gesehen worden.

In konservierter Form entdeckte das Team zwei Exemplare in einem Museum in Oxford. Es gelang ihm, daraus DNA-Bruchstücke zu isolieren. Allein aus solchen Fragmenten lässt sich allerdings kein zusammenhängendes Erbgut rekonstruieren. Um die Schnipsel in die richtige Reihenfolge zu bringen, orientierten sich die Forschenden am Erbgut eines nahen lebenden Verwandten der Maclear-Ratte – die Wanderratte (Rattus norvegicus).

Die beiden Arten sind einander so ähnlich wie Mammuts und Elefanten. Allerdings ließen sich auf diese Weise trotzdem nur 95 Prozent des Maclear-Erbguts wiederherstellen. 1.661 Gene ließen sich zu weniger als 90 Prozent rekonstruieren, und 26 Gene fehlten völlig.

Diese Lücken waren keineswegs zufällig über das Erbgut verteilt, sondern betrafen vor allem Gene für das Immunsystem und den Geruchssinn – also durchaus überlebenswichtige Funktionen. Daher vermuten die Forschenden, dass vor allem die Evolution dahintersteckt: Die entsprechenden Gene hätten sich besonders schnell auseinanderentwickelt.

Theoretisch wäre es möglich, mit dem Gen-Editier-Werkzeug CRISPR die Zellen von Wanderraten in Zellen von Maclear-Ratten umzuschreiben und daraus lebende Tiere zu züchten. Allerdings wären diese allenfalls Hybride aus lebender und ausgestorbener Art – eine Art Frankenstein-Ratte, die es schwer hätte, in freier Wildbahn zu überleben.

Gen-Editiermethoden - eine kleiner Einblick (6 Bilder)

Das System aus CRISPR (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) und der Cas9-Nuklease haben die Molekularbiologinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier 2012 entdeckt. Dank seiner einfachen Handhabe und geringer Kosten erlebt die Gentherapie derzeit ein Revival.
(Bild: Text: Inge Wünnenberg; Grafik: Brian Sipple)

Die ausgestorbene Ratte tatsächlich wiederzubeleben, ist auch gar nicht das Ziel der Forschenden. Vielmehr wollen sie die Möglichkeiten und Grenzen der "De-Extinction" ausloten. Aus ähnlichen Gründen wie bei der Ratte wäre es wohl auch schwer, überlebensfähige Mammuts aus altem Erbgut zu rekonstruieren. Das Ergebnis wären eher wollige Elefanten als echte Mammuts.

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Eine andere Frage ist, wie sinnvoll das Ganze ist. Aus technologischer Sicht sei De-Extinction faszinierend, sagte Studienleiter Tom Gilbert von der Uni Kopenhagen gegenüber Singularity Hub. Aber angesichts der vielen vom Aussterben bedrohten Tierarten sei zu fragen, ob man das Geld für die Wiederbelebung bereits ausgestorbener Spezies nicht lieber in den Schutz noch lebender Arten stecken solle.

(grh)