Fruchtbarkeitskrise: "Ein laufendes Experiment mit unklarem Ergebnis"

Renommierte deutsche Reproduktionsforscher warnen vor den Folgen zunehmender Infertilität. Die Politik verkennt den Ernst der Lage. Ein Manifest rüttelt auf.

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(Bild: Photo by Ashley Walker on Unsplash)

Von
  • Ben Schwan

Immer mehr Menschen benötigen medizinische Hilfe, wenn es darum geht, Kinder zu bekommen. Sowohl Männer als auch Frauen leiden an Unfruchtbarkeit, deren Ursachen erstaunlich häufig im Verborgenen bleiben.

Im kürzlich erschienenen Essener Manifest haben deutsche Fortpflanzungswissenschaftler nun dazu aufgerufen, die stark zunehmende Unfruchtbarkeit in der Gesellschaft endlich besser zu erforschen.

"Reproduktive Gesundheit ist von grundsätzlicher Bedeutung für unsere Gesellschaft", schreiben sie darin. Doch die öffentliche Wahrnehmung und das Problembewusstsein bei der Bevölkerung für die reproduktive Gesundheit sei gering und entspreche nicht ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. "Eine moderne und konkurrenzfähige Reproduktionsforschung ist eine Investition in die Gesundheit nachkommender Generationen."

Im Interview mit Technology Review erläutert der Hauptautor, Jörg Gromoll vom Centre of Reproductive Medicine and Andrology (CeRA) in Münster, worum es den Forschern geht.

Technology Review: Herr Professor Gromoll, warum kommt das Essener Manifest zu diesem Zeitpunkt?

Jörg Gromoll: Diese Entwicklung, also die Krise der Reproduktionsforschung, ist seit einigen Jahren evident. Allerdings gibt es das Phänomen unter Wissenschaftlern, sich zu beklagen, aber nicht die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Von daher sind solche Initiativen immer sehr personengebunden.

Zudem sind in den letzten drei Jahren immer mehr universitäre Forschungseinrichtungen – etwa in der Andrologie, bei der IVF und der Reproduktionsbiologie – aus den verschiedensten Gründen geschlossen worden, so das jetzt der Zeitpunkt war und der richtige Ort: ein Netzwerktreffen aller Wissenschaftler aus diesem Bereich.

TR: Können Sie sich erklären, warum der Staat die Problematik – zu wenig Forschung, zu geringe Etats trotz des gigantischen Problems – so vernachlässigt?

Gromoll: Das ist ein soziokulturelles Problem. Infertilität ist keine öffentliche Krankheit und man stirbt nicht an ihr. Das klingt etwas drastisch, hat aber einen wahren Kern. Zudem ist Fertilität in der Öffentlichkeit etwas völlig Normales und Infertilität hat leider keine Anerkennung als Krankheit

TR: Wir setzen immer häufiger assistierte Reproduktionstechniken ein, obwohl wir erstaunlich wenig Wissen über mögliche medizinische Auswirkungen haben. Ist das ein beherrbares Risiko? Warum spricht darüber niemand?

Gromoll: Ich bezeichne es gerne als laufendes Experiment, dessen Folgen erst in Generationen abgeschätzt werden kann. Es gibt wenig geeignete Tiermodelle für diese Forschung. Zudem ist eine Umkehrung des Grundsatzes von der Forschung zur Klinik zu beobachten. Firmen präsentieren neue Medikamente, IVF-Techniken und Verfahren und versprechen hohe Schwangerschaftsraten. Die Patienten werden in diese Werbung miteinbezogen, gehen zum IVF-Zentrum und wollen genau so behandelt werden.

Eine unabhängige wissenschaftliche Evaluierung der Techniken und Mittel findet nicht mehr statt. Es findet eine fast vollständige Industrialisierung in der Reproduktionsmedizin statt, in der Wissenschaft eine nur noch untergeordnete Rolle spielt. Die hochattraktive Ertragssituation der Reproduktionsmedizin deckt alles zu.

TR: Was könnte unserer Gesellschaft drohen, wenn wir das Problem zunehmender Infertilität wie bisher weitgehend ignorieren bzw. nur auf assistierte Reproduktionstechniken setzen?

Gromoll: Wie schon gesagt: ein laufendes Experiment mit unklarem Ergebnis. Sicher scheint zu sein, dass wir die Infertilität von Paaren durch assistierte Reproduktionstechniken auch an die nächste Generation weitergeben.

Reproduktive Gesundheit ist die Grundlage für eine allgemein gute Gesundheit. Wenn man diesem Grundsatz folgt, sollten präventive Massnahmen bereits hier erfolgen und nicht erst bei Auftreten der Krankheiten. Das wird deutlich kostenintensiver. Zur Abschätzung der Risiken sind epidemiologische Studien nötig, die es aber in Deutschland nicht gibt.

TR: Warum weiß man so wenig über die Hintergründe?

Gromoll: Ganz simpel – ohne Forschung kein Erkenntnisgewinn. Diese Frage bringt uns dann wieder zu Ihrer ersten Frage. Es ist mehr als dringend erforderlich, die universitäre Reproduktionsforschung in Deutschland zu stärken.

TR: Deutschland sieht sich als Wissensnation. Das scheint für die Reproduktionsforschung aber überhaupt nicht zu gelten? Warum?

Gromoll: Es wird nicht als wichtiges wissenschaftliche Thema angesehen. Selbst in der Medizin wird Reproduktionsmedizin als Luxusmedizin tituliert.

(bsc)