Fuchteln vor dem Fernseher

Die Firma hinter Microsofts Kinect-Ganzkörpersteuerung will nun auch die TV-Fernbedienung überflüssig machen.

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Die Firma hinter Microsofts Kinect-Ganzkörpersteuerung will nun auch die TV-Fernbedienung überflüssig machen.

Dank Microsofts Kinect-Erweiterung für die Xbox 360 lassen immer mehr Menschen den Controller ihrer Spielkonsole liegen und setzen ihren gesamten Körper zum Spielen ein. Die Firma, die die "Motion Tracking"-Hardware hinter dem mittlerweile millionenfach verkauften Gerät entwickelt hat, will die Technik nun auch in andere Bereiche holen – darunter auch die bislang eher unbequeme Steuerung von Unterhaltungselektronik.

PrimeSense mit Sitz im israelischen Tel Aviv hat ein System gebaut, das aus Stereo-Kameras, einem Infrarot-Tiefensensor und einem Spezialchipsatz besteht, der das alles zusammenführt. Mit der Technik ist es möglich, die Bewegungen einer Person dreidimensional im Raum zu erfassen und zu interpretieren. Ein Netz aus infraroten Lichtpunkten erlaubt diese Berechnung: Das System erkennt, auf welche Art das Licht zurückgeworfen wird und korreliert diese Informationen dann mit den Stereo-Kameras. Bestimmte Bewegungen lassen sich so in Computerkommandos übersetzen oder, wie bei Kinect, als Kontrollinstruktionen für eine Spielfigur.

Während sich Microsoft anfangs auf Spiele konzentriert, versucht PrimeSense momentan, andere Anwendungsmodelle zu etablieren. Zusammen mit dem PC-Hersteller Asus hat die Firma ein Gerät namens WAVI Xtion entwickelt. Es sieht aus wie eine Kinect-Einheit, wird aber via PC an einen Fernseher angeschlossen und lässt den Nutzer mit Gesten kontrollieren, was auf dem Bildschirm passiert.

Die WAVI-Xtion-Kamera wird neben dem Fernseher platziert, eine Kontrollbox am Rechner angeschlossen. Winkt der Nutzer mit seiner Handfläche, wird ein einfaches Menü aufgerufen, mit dem sich auswählen lässt, ob Spiele gespielt, Fernsehsendungen angeschaut oder eine Foto-Diaschau gestartet werden sollen. Zum Auswählen einer Option hält man die Handfläche "über" einen bestimmten Menüpunkt. Ansonsten lassen sich Elemente durch Winken nach rechts oder links verschieben. Läuft ein Clip, reicht ein Wink zum Aufrufen eines Menüs, über das man dann Vorspulen oder die Lautstärke erhöhen kann.

Adi Berenson, Vizepräsident für Geschäftsentwicklung bei PrimeSense, meint, dass dieser "freihändige" Ansatz eines der Hauptprobleme bei Internet-Fernsehern lösen könnte. "Wir glauben, dass die Industrie versucht, den PC ins Wohnzimmer zu zwingen und das klappt einfach nicht." Die Umgebung sei relaxter, weswegen man einen natürlicheren Weg der Steuerung brauche. Als Beispiel nennt Berenson Google TV, bei dem der Netzriese seinen Nutzern eine vollständige Tastatur zur Kontrolle einer Set-Top-Box verpasst. Besonders erfolgreich ist der Ansatz bisher nicht.

Asus und PrimeSense interessieren sich aber auch für die Gestensteuerung konventioneller PCs. Fast gleichzeitig mit dem Kinect-Verkaufsstart hatten Hacker bereits ermittelt, wie sich die Technik für andere Zwecke nutzen lässt. Eine Explosion an interessanten neuen Ideen war die Folge. Mittlerweile liegen deshalb bereits quelloffene Treiber vor, mit denen Programmierer experimentieren können. "Wir hätten nicht gedacht, dass das so schnell geht", sagt Berenson. Für seine Firma sei es ein Beweis dafür, wie viele guten Ideen aus der Entwicklergemeinde kämen. "Wir wollen ihnen jetzt helfen, das auch zu den Nutzer zu bringen." PrimeSense will neben der Software deshalb auch ein Hardware-Entwickler-Kit für rund 200 Dollar anbieten, damit Entwickler ihre Xbox 360 nicht mehr um die Kinect erleichtern müssen.

Doug Fritz, Teil eines Teams von Kinect-Hackern am MIT Media Lab, ist von den Möglichkeiten begeistert – er selbst hat eine Browser-Steuerung entwickelt. "Dass die Leute keinen Controller mehr mitbringen müssen, ist insbesondere dann gut, wenn die Teilnehmer einer Situation dauernd wechseln."

Fritz stellt sich beispielsweise Bereiche vor, in denen mehrere Nutzer hintereinander vor die Kamera treten und dann die Kontrolle übernehmen. Es erleichtere die Gruppenarbeit, wenn Tastatur und Maus nicht mehr notwendig seien. Allerdings hat die Technik auch noch ihre Grenzen: Es wäre viel mehr möglich, wenn auch die einzelnen Finger der Hand gescannt werden könnten. "Momentan ist das System gut für Körpergesten geeignet, aber nicht für das Kontrollieren von Eingaben im Detail." Ergo: Das virtuelle "Eintippen" von Texten wäre eine Herausforderung.

Doug Bowman, Professor am Virginia Polytechnic Institute, der 3D-Gesten-Schnittstellen entwickelt hat, die auf einer teureren Tracking-Technik basieren, sieht das ähnlich. Einer seiner Studenten, Tao Ni, hat ein System entwickelt, mit dem Menüs durch simple Zwickgesten gesteuert werden. "Diese Freihandgesten könnten eine Fernbedienung oder eine Tastatur vollständig ersetzen, etwa in einem Unterhaltungsszenario." Damit das funktioniert, benötigt Nis Prototyp allerdings einen speziellen Handschuh, um die präzise Orientierung der Hand einer Person und ihre Fingerbewegungen zu erfassen. "Der Kinect-Controller kann das derzeit noch nicht", sagt Bowman, "aber in Zukunft vielleicht".

PrimeSense-Manager Berenson betont, dass die Verbesserung der Auflösung der einer der Bereiche ist, in denen aktiv geforscht werde. "Wir denken an eine Tracking-Auflösung, mit der sich Finger erfassen lassen." Andere Ideen der Forscher erlauben es vielleicht bald, subtile Körpersprache zu interpretieren. "Wir wollen das weniger explizit als implizit realisieren." Vorstellbar sei beispielsweise, dass der Fernseher automatisch die Lautstärke reduziert, sobald man zu einer Zeitung greift. (bsc)