Genmücken gegen Zika

Genetisch veränderte Insekten können ihre wilden Artgenossen verdrängen. Mit dem Konzept will die britische Firma Oxitec die Verbreitung des Denguefiebers oder des Zika-Virus eindämmen.

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Von
  • Flavio Devienne Ferreira

Es ist sieben Uhr an einem Sommertag in Piracicaba im brasilianischen Bundesstaat São Paulo. Cecilia Kosmann entlässt genveränderte Männchen der Mückenart Aedes aegypti in die Freiheit. Bis sie ihre tägliche Runde beendet, hat sie etwa 250.000 Stück ausgesetzt. Ihr Leben werden sie damit zubringen, ihre natürlichen männlichen Artgenossen bei der Fortpflanzung zu verdrängen. Am Ende soll die Spezies vor Ort ausgerottet sein. Denn dank der Genmanipulation überleben die ausgesetzten Mücken nur vier Tage, während ihre Nachkommen sogar schon als Larven sterben.

Die Weibchen von Aedes aegypti übertragen nicht nur das Denguefieber, sondern auch das Zika-Virus, der sich derzeit in Südamerika epidemisch ausbreitet. Die genmanipulierten Männchen aus den Laboren von Oxitec, einem britischen Unternehmen, werden nahe der Stadt Piracicaba in einer Anlage gezüchtet, die zwei Millionen Stück pro Woche liefern kann. Die Insekten produzieren große Mengen eines für sie selbst tödlichen Proteins. Nur das Antibiotikum Tetracyclin schützt sie, solange sie damit gefüttert werden. Von der brasilianischen Biosicherheitsagentur zugelassen wurden die genveränderten Tigermücken zwar schon vor zwei Jahren, können aber nicht verkauft werden, solange nicht auch die Genehmigung der medizinischen Aufsichtsbehörde vorliegt.

Das Projekt in Piracicaba ist daher ein Test, gestartet im April 2014 – ein Jahr nach einer Denguefieber-Epidemie mit 1,5 Millionen betroffenen Brasilianern. Die bisherigen Ergebnisse sind ermutigend: Nachdem zehn Monate lang genmanipulierte Mücken in zwei Vierteln ausgesetzt wurden, ist die Zahl der Dengue-Fälle unter den 5600 Einwohnern von 133 pro Jahr auf nur noch einen gefallen. Nach von der Stadt und Oxitec gesammelten Daten wurde die Population der wilden Mücken in den Vierteln um 80 Prozent reduziert.

Vor Jahrzehnten hatte Brasilien den Kampf gegen die Aedesmücke beinahe schon gewonnen. Um das Gelbfieber zu bekämpfen, wurden Insektizide versprüht und stehendes Wasser entfernt, wo die Insekten ihre Larven ablegen. 1958 erklärte die Regierung die Art für ausgemerzt. Doch sie kam wahrscheinlich in den 1970er-Jahren mit einem Schiff zurück und fand inmitten des chaotischen Wachstums der brasilianischen Städte beste Bedingungen, sich erneut zu verbreiten.

Nun mobilisiert das Zika-Virus den Willen, gegen Aedes aegypti vorzugehen. Doch die Oxitec-Mücken haben auch Kritiker. José Maria Gusman Ferraz, Biologe an der Universität Campinas und einst Mitglied der Biosicherheitskommission, fürchtet etwa, dass die Männchen in freier Wildbahn länger überleben könnten. Denn Tetracyclin sei in der örtlichen Tierzucht weit verbreitet und könne über Abwässer in die Natur gelangen, sagte er gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Außerdem glaubt Ferraz, das Ausmerzen der Tigermücke hinterlasse eine ökologische Nische, die andere, ebenso gefährliche Artgenossen besetzen könnten.

Obendrein dürfte die Oxitec-Strategie teurer sein als die herkömmlichen Methoden. Denn damit sie funktioniert, müssen kontinuierlich weit mehr manipulierte Mücken ausgesetzt werden, als in der wilden Population leben. Um die 5600 Menschen im Testgebiet zu schützen, wurden laut Oxitec zwischen drei und vier Millionen Mücken monatlich freigelassen. Für den Schutz von ganz Piracicaba wären demnach pro Jahr drei Milliarden Insekten erforderlich. Den Preis hat die britische Firma bislang nicht verraten.

Doch Beamte in Piracicaba rechnen mit Kosten von umgerechnet sieben Euro pro Person und Jahr – bei 390.000 Einwohnern also 2,7 Millionen Euro. Billiger ist da die Verwendung von Sprays und Larviziden. Die Genmethode lohnt sich erst dann, wenn auch die durch Erkrankungen verursachten ausgefallenen Arbeitszeiten eingerechnet werden. Noch ist die Entscheidung, welche Methode zum Einsatz kommt, seitens der Regierung nicht gefallen. Vertreter der Stadt würden jedoch gern auf die genveränderten Mücken umsteigen.

Am besten wären natürlich Impfstoffe gegen das Denguefieber und das Zika-Virus, gibt Pedro Mello zu, Gesundheitsbeauftragter von Piracicaba. Doch bis es so weit sei, "müssen wir in technische Methoden zur Schädlingsbekämpfung investieren". (bsc)