Gentechnik: Das Vermächtnis der Toten

Tote reden nicht? Weit gefehlt. Das Erbgut Verstorbener kann Wissenschaft und Medizin wertvolle Dienste leisten.

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Von
  • Hanns-J. Neubert

Genetiker entdecken immer mehr individuelle Abweichungen in der Erbsubstanz. Aber welche Bedeutung die zahlreichen Varianten der DNA für Krankheiten, die Vermeidung von Erkrankungen und die Wirkung von Medikamenten haben, bleibt bisher weitgehend im Dunkeln.

Daher hat die dänische Medizingenetikerin Paula Louise Hedley vom Statens Serum Institut in Kopenhagen gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael Christiansen die Einrichtung einer Genbank mit den DNA-Proben Verstorbener angeregt. In einem vom Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlichten Brief machen die Forscher deutlich, dass sich mithilfe genomischer Daten sicherer Schlüsse auf Auslöser von Krankheiten und die Wirkung von Therapien ziehen ließen.

Dänemark ist, wie auch andere skandinavische Staaten, ein naheliegender Kandidat für derartige Vorhaben. Dort sind sämtliche sozioökonomischen und medizinischen Daten der Einwohner unter einer eindeutigen Personennummer gespeichert. Die Personennummer ist in Skandinavien der Schlüssel zu zahlreichen, getrennt voneinander existierenden Datenbanken, die nicht nur Angaben zu Steuern oder dem Beruf enthalten, sondern auch medizinische Befunde und die verordneten Medikamente. Das Genom gerade erst Verstorbener ließe sich also relativ einfach mit dem Datenmaterial aus Zivil- und Krankenregistern vernetzen.

Medizinische Studien würden von einer solchen nekrogenomischen Datenbank profitieren. Sie könnte Hinweise auf genetische Verbindungen zur Ausprägung von Krankheiten geben oder potenzielle Angriffsziele für Medikamente liefern und so zu effizienteren Behandlungen führen. Auch wären große genomisch-epidemiologische Studien möglich, um Auskunft über die gesundheitliche Verfassung ganzer Bevölkerungen zu erhalten.

Bei Lebenden ist ein Zusammenhang zwischen Erbanlagen und Krankheitsausbruch schwer nachzuvollziehen, weil viele Leiden erst nach Jahren ausbrechen – und zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle spielen. "Das ist bei Verstorbenen nicht der Fall", sagt Hedley. "Deren vererbte Ausstattung hat ein ganzes Leben lang Zeit gehabt, die klinische Ausprägung genetischer Varianten zum Ausbruch kommen zu lassen."

Nekrogenomische Datenbanken können aber noch eine weitere Lücke in der klinischen Forschung füllen: Ältere Menschen sind in Medikamentenstudien unterrepräsentiert, weil die meisten Pharmatests mit jungen Menschen durchgeführt werden. Gerade sie aber nehmen zum Lebensende hin überdurchschnittlich viele Präparate und Wirkstoffe ein. Mit Erbgutstudien könnten sich auch im Nachhinein noch Erkenntnisse zu medikamentösen Therapien gewinnen lassen.

Genetikerin Hedley räumt allerdings ein, dass bei der Umsetzung "viele ethische Herausforderungen" warten. Sie schreibt: "Die Definition des kulturellen, rechtlichen und ethischen Rahmens für die Nekrogenomik-Datenbank erfordert eine öffentliche Debatte und detaillierte Diskussionen in Ethikkommissionen und der Politik." (bsc)