Gentherapien lassen weiter auf sich warten

Seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert wird an Gentherapien geforscht, mit denen sich schwere Erbkrankheiten heilen lassen sollen. Doch in den USA ist immer noch kein einziges derartiges Medikament zugelassen.

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Von
  • Emily Mullin

Die meisten Medizinexperten werden Ihnen sagen, dass die Zeit für Gentherapien jetzt endlich gekommen ist. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Trotz 30 Jahren Forschung und einer größeren Produkt-Pipeline als je zuvor wurden bislang nur wenige klinische Spätphasen-Studien zu Gentherapien gegen Erbkrankheiten abgeschlossen oder auch nur begonnen.

Das Konzept der Gentherapie – also das Ersetzen oder Hinzufügen eines Gens, um ein fehlerhaftes zu korrigieren – wurde erstmals im Jahr 1990 in einer klinischen Studie getestet. Dies löste einen enormen Hype aus, mit Schlagzeilen, die von einem neuen, lebensrettenden Ansatz sprachen. 1999 aber kam der erste Patient durch eine experimentelle Gentherapie ums Leben, was die anfängliche Aufregung empfindlich dämpfte.

Die Forschung ging trotzdem weiter, und derzeit werden hunderte klinische Studien mit Gentherapien vorgenommen oder vorbereitet. Frühe Daten aus aktuellen Studien zeigen enormes Potenzial für Gentherapien, die bestimmte Erbkrankheiten bekämpfen sollen: Offenbar wurden Patienten von Hämophilie und seltenen Arten von vererblicher Blindheit geheilt.

Die meisten dieser Therapien aber befinden sich noch in den ersten Studienphasen, so dass sie selbst bei weiteren Erfolgen voraussichtlich erst in vielen Jahren für Patienten verfügbar sein werden. Laut der Website clinicaltrials.gov laufen derzeit nur sechs Spätphasen-Studien – also in den Phasen III oder IV – oder sind dabei, Patienten zu rekrutieren, weitere fünf Spätphasen-Studien sind bereits abgeschlossen. Diese Daten für die USA sind vollständig, denn wenn Forscher eine Zulassung der Gesundheitsaufsichtsbehörde FDA beantragen wollen, müssen sie ihre klinischen Studien dort anmelden.

Frühphasen-Studien dienen dazu, die Sicherheit von Therapien zu belegen, doch um die Behörden von ihrer Wirksamkeit zu überzeugen, sind Spätphasen-Studien vorgeschrieben. Davon gibt es derzeit nur wenige. Allerdings wird eine ähnliche Gentechnologie bereits in mehreren Studien zu Immuntherapien eingesetzt, mit denen zur Krebsbekämpfung Blutzellen verändert werden sollen.

Wie die Daten von clinicaltrials.gov ebenfalls zeigen, wurden bei den fünf abgeschlossenen Spätphasen-Gentherapiestudien die Ergebnisse noch nicht gemeldet, was für alle Studien mit Ausnahme der Phase I vorgeschrieben ist. Die FDA hat bislang keine einzige Gentherapie gegen Erbkrankheiten zugelassen. In Europa gibt es zwei solcher Zulassungen, für Glybera und Strimvelis, in China mindestens eine.

Laut Ronald Crystal, Vorsitzender für genetische Medizin am Weill Cornell Medical College und ein Pionier auf dem Gebiet, lassen sich diese enttäuschenden Zahlen durch die Tatsache erklären, dass Gentherapien bislang hauptsächlich von akademischen Forschern entwickelt wurden. Diesen fehle es oft an den Ressourcen oder Finanzierungsmöglichkeiten für umfangreiche Spätphasen-Studien, selbst wenn die Daten aus frühen Studien vielversprechend sind.

Katherine High, Mitgründerin, Präsidentin und Chief Scientific Officer von Spark Therapeutics, sieht die Ursache eher in der schieren Komplexität der Technologie. Spark war das erste Unternehmen, das eine randomisierte kontrollierte Phase-III-Studie – der Goldstandard in der klinischen Erprobung – für eine Gentherapie vorgenommen hat. Nach Angaben von High will Spark seinen am weitesten entwickelten Kandidaten RPE65 Anfang nächsten Jahres zur Zulassung durch die FDA vorlegen; er dient zur Bekämpfung einer seltenen genetischen Retina-Erkrankung, die zu Blindheit führt.

Am meisten Erfolg mit Gentherapien haben derzeit Unternehmen, die sich auf monogene Erbkrankheiten konzentrieren, also solche, die durch die Mutation nur eines Gens ausgelöst werden, erklärt Tim Miller, Präsident und CEO von Abeona Therapeutics. Das Unternehmen entwickelt eine Gentherapie für eine seltene Hautkrankheit namens rezessiv dystrophe Epidermolysis bullosa; von ihr Betroffene werden auch als "Schmetterlingskinder" bezeichnet. Eine Phase-II-Studie dazu hat vor kurzem begonnen.

Mit zunehmender Reife der Technologie dürften weitere Therapien zugelassen werden. Weithin wird spekuliert, dass dies in den USA als erstem Unternehmen Spark Therapeutics mit seinem Mittel gegen Blindheit gelingen wird.

(sma)