Geoengineering: Ballontraum in Schweden zunächst geplatzt

Ein unabhängiger Beratungsausschuss hat dem Forscherteam empfohlen, zunächst eine öffentliche Anhörung durchzuführen – vor Experimenten in der Stratosphäre.

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SCoPEx-Ballon (Rendering).

Von
  • Ben Schwan

Harvard-Forscher werden Versuche mit einem Geoengineering-Ballon, die eigentlich im Sommer über Schweden geplant waren, zunächst aussetzen. Ein unabhängiger Ausschuss, der die Wissenschaftler berät, hatte dies empfohlen, damit die Meinung der Öffentlichkeit zu dem Projekt eingeholt werden kann.

Das Team plante, den Ballon zu starten, um die Ausrüstung für das sogenannte Stratospheric Controlled Perturbation Experiment (SCoPEx) zu testen, die in der Stratosphäre geplant sind. Der Zweck dieses ersten Fluges war lediglich, die Systeme des angetriebenen Geoengineering-Ballons zu überprüfen. In den nachfolgenden Starts hoffen die Forscher, kleine Mengen spezieller Partikeln freizusetzen, um die Risiken und das Potenzial des sogenannten Solar Geoengineering besser zu verstehen. Das ist ein durchaus nicht unumstrittenes Konzept, Sulfate, Kalziumkarbonat oder andere Verbindungen über der Erde zu versprühen, um das Sonnenlicht zu streuen und die globale Klimaerwärmung abzumildern. Dies wären die ersten Geoengineering-Experimente, die in der Stratosphäre durchgeführt werden.

Allerdings entschied die unabhängige Beratungseinrichtung nun, dass die Forscher sogar mit den ersten Gerätetests warten sollten, bis Diskussionen mit Mitgliedern der Öffentlichkeit in Schweden geführt wurden. David Keith, ein Harvard-Klimaforscher und Mitglied des Forschungsteams, sagte, man werde sich an die Empfehlungen halten. Die Entscheidung wird den Start wahrscheinlich ins Jahr 2022 verschieben und damit ein Projekt, das ursprünglich schon 2018 beginnen sollte, weiter verzögern. Die Forscher hatten sich für das Esrange Space Center im schwedischen Kiruna als Startplatz entschieden, auch weil die Swedish Space Corporation einen Start in diesem Jahr möglich machen wollte. Dort sieht man das allerdings nun ebenfalls anders: In einer eigenen Erklärung heißt es, dass man sich nach jüngsten Gesprächen mit Geoengineering-Experten, dem Beirat und anderen Interessenvertretern entschieden habe, die Flüge nicht durchzuführen.

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Die Harvard University hat ihren Beirat im Jahr 2019 eingerichtet, um die vorgeschlagenen Experimente zu überprüfen und sicherzustellen, dass die Forscher angemessene Schritte unternehmen, um Risiken zu begrenzen. Außerdem wollten sie Input von außen suchen und möglichst transparent arbeiten. In einer Mitteilung sagte die Beratungseinrichtung, dass man damit begonnen habe, mit Spezialisten für Bürgerengagement in Schweden zu arbeiten und nach Organisationen zu suchen, die öffentliche Gespräche veranstalten. "Ein solches Engagement würde [uns] helfen, die schwedische sowie die indigene Perspektive zu verstehen und eine informierte Empfehlung zu den Gerätetestflügen abzugeben", so die Einrichtung. Bürgergespräche würden auch zu den Überlegungen des Beirates bezüglich der vorgeschlagenen Partikelfreigabeflüge beitragen und "einen Beitrag zu einem wachsenden Wissenspool in Forschung und Praxis zur öffentlichen Kontrolle der geowissenschaftlichen Arbeit leisten".

Frank Keutsch, leitender Forscher des Projekts, sagte in einer Erklärung, dass das Team die Entscheidung "voll und ganz" unterstütze, die Gerätetestflüge in Schweden auszusetzen, bis der Ausschuss eine endgültige Empfehlung über diese Flüge abgeben kann, "die auf einer robusten öffentlichen Beteiligung in Schweden basiert, die die indigene Bevölkerung weitgehend einschließt". Sein Forschungsteam beabsichtige, diesen Prozess der Öffentlichkeitsbeteiligung aufmerksam zu verfolgen, "um das Experiment in die Zukunft zu führen". In den vergangenen Wochen hatten mehrere Umweltgruppen und Geo-Engineering-Kritiker die schwedische Regierung und die Leitung der Swedish Space Corporation dazu aufgefordert, das Projekt zu stoppen.

Solar Geoengineering sei "eine Technik mit dem Potenzial extremer Konsequenzen und kann als gefährlich, unvorhersehbar und unkontrollierbar bezeichnet werden", heißt es in einem Brief von Greenpeace Schweden, Biofuelwatch und anderen Organisationen. "Es gibt keine Rechtfertigung für das Testen und Experimentieren mit einem Verfahren, das offenbar zu gefährlich ist, um jemals eingesetzt zu werden."

Im Februar hatten sich die Harvard-Forscher dazu geäußert, was sie bei ihren Experimenten lernen wollten. Damals meinte Keutsch, dass er hofft, dass die Technik tatsächlich niemals eingesetzt werden muss. Es sei ein durchaus angsteinflößendes Konzept, bei dem etwas schiefgehen könne. "Aber gleichzeitig denke ich, dass ein besseres Verständnis der Risiken sehr wichtig ist", fügte er hinzu. Nur durch direkte Forschung lasse sich herausfinden, ob es eine Art von Material gibt, das die Risiken des Klimawandels signifikant reduzieren kann. "Dass sollten wir wissen."

(bsc)