Gestensteuerung im Auto

Deutsche Forscher arbeiten an einer Gestensteuerung für Autos. Der Fahrer muss nicht einmal die Hände vom Lenkrad nehmen.

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Von
  • Wolfgang Stieler
  • Duncan Graham-Rowe

Deutsche Forscher arbeiten an einer Gestensteuerung für Autos. Der Fahrer muss nicht einmal die Hände vom Lenkrad nehmen.

Mit Hilfe eines neuartigen Steuerungssystems sollen Autofahrer künftig mit minimalem Aufwand die verschiedensten Geräte in ihrem Fahrzeug kontrollieren können – vom Radio über die elektrischen Fensterheber bis zur Klimaanlage.

Bei der Technik, die am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken entwickelt wurde, muss der Nutzer nicht einmal mehr seine Hände vom Lenkrad nehmen. Das System werte lediglich die Bewegung des rechten Zeigefingers aus, erklärt der beteiligte Forscher Christian Müller.

Anders als kamerabasierte Systeme braucht die "Geremin" getaufte Technologie vergleichsweise wenig Rechenleistung und soll nach Angaben ihrer Erfinder auch unter schwierigen Bedingungen wie etwa wechselnden Lichtverhältnissen zuverlässig funktionieren.

Das Prinzip haben die Wissenschaftler von dem futuristischen Musikinstrument "Theremin" abgeschaut, das der sowjetische Physiker Lev Sergejewitsch Termen bereits 1919 entwickelt hatte. Darin bilden die Hände des Spielers jeweils eine Seite eines Kondensators, der in einen Schwingkreis eingebaut ist. Über die Handbewegung kann der Musiker die Tonhöhe und Lautstärke des Instrumentes beeinflussen, ohne es zu berühren.

Auch im Geremin beeinflusst die Fingergeste ein elektrisches Wechselfeld – allerdings wird die Wechselwirkung zwischen dem Feld und der Hand nur von einer Antenne detektiert, die am Armaturenbrett befestigt ist. Ein Computer liest das Signal der Antenne aus, ein Maschinenlern-Algorithmus ordnet die Signale dann den verschiedenen Gesten zu.

Müller hat das System gemeinsam mit seinem Kollegen Christoph Endres vom DFKI und Tim Schwartz von der Universität Saarbrücken mit sechs Freiwilligen in einem Fahrsimulator getestet. Die Forscher ließen ihre Versuchspersonen zehn verschiedene "Mikrogesten" ausführen – kleine Kreise, Dreiecke oder simple Bewegungen von rechts nach links mit dem Zeigefinger – während die Hände am Lenkrad blieben. Die beste Erkennungsrate lag bei 86 Prozent, die schlechteste bei immerhin 28. Die Forscher wollen ihre Ergebnisse Mitte Februar auf der International Conference on Intelligent User Interfaces (IUI) im kalifornischen Palo Alto vorstellen.

"Das ist eine interessante Idee. Es könnte nützlich sein", meint Paul Green, Professor am Institut für Transportforschung der University of Michigan. Wichtig sei aber, über die richtigen Gesten nachzudenken. Denn selbst wenn der Fahrer stets beide Hände am Lenkrad behalten würde, könne das System stören und ablenken – beispielsweise wenn es einen Fingerzeig falsch interpretiert und der Fahrer versucht, diesen Fehler zu korrigieren. "Außerdem muss man sicherstellen, dass nicht jeder Auto-Hersteller sein eigenes Gestensystem verwendet. Denn dann hätten wir ein echtes Problem."

Müller und seine Kollegen führen die relativ große Ungenauigkeit bei der Klassifizierung der Gesten auf den simplen Aufbau zurück: Im Unterschied zum Theremin verwendet das Geremin zunächst nur eine Antenne. "In unserem Prototypen haben wir die Antenne auf das Armaturenbrett geklebt", sagt Müller, "direkt hinter das Lenkrad".In weiteren Versuchen wollen sie nun auch mit zwei Antennen experimentieren und die Gestensteuerung mit Spracherkennung kombinieren.

Wie das Interface tatsächlich praktisch aussehen wird, ist noch offen. In weiteren Projekten müsse man zunächst ein konsistentes System von Gesten herausarbeiten, das größtmögliche Flexibilität bei geringstmöglicher Ablenkung des Fahrers ermöglicht, schreiben die Wissenschaftler. Die internationale Ingenieursvereinigung Society of Automobile Engineers (SAE) fordert beispielsweise, dass ein solches Interface die Aufmerksamkeit des Fahrers nicht länger als 15 Sekunden beanspruchen darf, um eine Aufgabe zu erledigen.

Doch es gibt auch grundsätzliche Skeptiker. Andrew Howard, Leiter der Abteilung Verkehrssicherheit der britischen Automobile Association findet die Technologie "erschreckend". Schon die Möglichkeit, dass eine solche Steuerung beispielsweise dazu verwendet werden könnte, während der Fahrt SMS-Nachrichten einzugeben, sei "zum Fürchten". "Wir sollten die Menschen nicht ermutigen, während der Fahrt etwas anderes zu tun, als sich auf das Fahren zu konzentrieren."

(wst)